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Der wilde Planet

Der Animationsklassiker von René Laloux in einer prächtigen Heimkinoausgabe.

Was für ein Augenöffner muss „Der wilde Planet“ bei seiner Premiere in Cannes im Jahr 1973 gewesen sein, wo er schließlich mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Ein Zeichentrickfilm, in dem nicht gesungen wird, in dem es keine sprechenden Tiere gibt, der alles andere als süßlich daherkommt. Der nahezu durchgehend von einem progressiven Score untermalt wird. Dazu eine Geschichte, die mit einer Jagd beginnt. Mit ihrem Säugling im Arm sucht eine Mutter Schutz vor den riesigen, blauhäutigen und ansatzweise humanoiden Wesen, die hinter ihr her sind. Eine Chance hat sie nicht. Schon kurz danach ist sie tot. Ihr Baby wird von dem blauhäutigen Draag-Kind Tiwa aufgenommen. Die Draag mögen die kleinen Om – als Hausmenschen. Mit einem magnetischen Halsband sorgt Tiwa dafür, dass der kleine Mensch, den sie auf den Namen Terr tauft, nicht das Weite sucht.

Aus der Sicht des jungen Menschen, der bald zum Jugendlichen heranwächst, wird „Der wilde Planet“ erzählt. Staunend betrachtet Terr, wie die Draag leben, wie sie durch Meditationen Kraft sammeln, wie sie sich Wissensinhalte durch eine Art Kopfhörer ohne großen Lernaufwand aneignen. Terr ist wissbegierig. Als Tiwa älter wird und beginnt, sich von ihm abzuwenden, nutzt er die Lernmittel und flieht schließlich in den Wald zu den wilden Menschen. Durch seine Bildung ist er diesen voraus. Wird er zunächst aufgrund seiner Herkunft als Hausmensch noch skeptisch betrachtet, verändert er doch bald auch das Leben der Om. Gerade zu rechten Zeit. Denn die Draag beschließen, die Menschen, die sie für Ungeziefer halten, auszurotten.

„Der wilde Planet“, auch unter dem deutschen Titel „Der phantastische Planet“ bekannt, ist vor allem politisches Kino. Eine gezeichnete Parabel, ganz im Geiste der 1970er-Jahre. Seine Entstehungszeit merkt man ihm nicht nur durch manch eine psychedelisch wirkende Szene deutlich an. Ein wenig spröde wirkt die Animation oft, ein wenig leblos die Figuren. Mit Blick auf Animes könnte man die Technik gut und gerne als „limited“ bezeichnen: Während sich im Vordergrund nur ein kleiner Bildteil oder sogar nur die Kamera bewegt, bleibt ein Großteil ein starres, statisches Tableau. Trotzdem ist Lalouxs Film ein Musterbeispiel des „world building“. Er verliert keine großen Worte über die Hintergrundgeschichte des Planeten und der beiden Völker und versucht schon gar nicht, alles, was gezeigt wird, einzuordnen oder gar zu erklären. Die Flucht führt den jungen Terr durch eine durch und durch fantastische Welt, die fremdartig und zugleich faszinierend ist. Was den Animationsfilm aber auch interessant macht, ist die Wahl der Protagonist*innen: Keine Erwachsenen, sondern Kinder beziehungsweise Jugendliche stehen lange im Mittelpunkt der Handlung.

Der Film zeigt ohne Wertung, wie unbefangen-grausam die Draag-Kinder mit ihren Hausmenschen umgehen, weil sie es so von ihren Eltern gelernt haben, und präsentiert mit Terr eine Art Erlöserfigur. Für einen richtigen Jugendfilm allerdings, der sich auch für das Innenleben und die alterstypische Entwicklung seiner Figur interessiert, fehlt es Terr an Kontur. Wenngleich Terr zum Rebellen wird, sich aus seiner Gefangenschaft löst und für Selbstbestimmung kämpft – erst gegen die Draag, später auch im Kreise der anderen Om – und dadurch die gesellschaftliche Veränderung anstößt, bleibt er hinsichtlich seines starren Character Designs eher rätselhaft, wie kaum eine Figur des Films wirklich zur Identifikation einlädt. Das ist ein wenig schade und führt dazu, dass dieser außergewöhnliche Zeichentrickfilm dann eher ein erwachsenes, politik- und kunstinteressiertes Publikum anspricht und zu wenig Anknüpfungspunkte für Jugendliche (im Sinne eines Jugendfilms) bietet.

Als politischer Film ist „Der wilde Planet“ nach wie vor aktuell, erzählt er doch von der Auseinandersetzung zweier Lebenswelten, die schließlich zu einer Koexistenz führen. Nicht durch Versöhnung – so naiv ist der Film nicht – wohl aber durch die Anerkennung, nicht allein im Universum zu leben, und das Wissen, nicht nur die eigene Freiheit, sondern auch die der anderen achten zu müssen.

Mit der aufwändig gestalteten Mediabook-Sonderausgabe, die den Film sowohl als Blu-ray als auch DVD mit zwei unterschiedlichen Farbkorrekturen des Films von 2016 und 2018 enthält, bietet sich eine Möglichkeit, mehr über die Macher zu erfahren: Neben dem Regisseur René Laloux wird auch der (nicht selten provozierende) Künstler und Autor Roland Topor gewürdigt, der mit Laloux die Drehbuchadaption schrieb und für das Production Design verantwortlich war. Ebenfalls enthalten sind die Kurzfilme „Les escargots“, „Les dents du singe“, „Les temps morts“ sowie „Comment Wang-Fo fut sauvé“.

Stefan Stiletto

 

 

© Camera Obscura
15+
Animation

La Planète sauvage - Frankreich, Tschechoslowakei 1973, Regie: René Laloux, Homevideostart: 14.09.2018, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 15 Jahren, Laufzeit: 69 Min.(Blu-ray), Buch: Roland Topor, René Laloux, nach dem Roman von Stefan Wul, Kamera: Boris Baromykin, Lubomir Rejthar, Schnitt: Hélène Arnal, Marta Látalová, Musik: Alain Goraguer, Produktion: Anatole Dauman, Anbieter: Camera Obscura

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