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Port Authority

Ein junger Mann taucht in die New Yorker Ballroom-Kultur ein. Und wir mit der Frage konfrontiert: Wer bin ich eigentlich?

Was macht es mit einem weißen männlichen Außenseiter, wenn er eine schwarze queere Subkultur und diejenigen, die in ihr zuhause sind, kennen und lieben lernt? Mit dieser Frage beschäftigt sich die amerikanische Filmemacherin Danielle Lessovitz in ihrem Spielfilmdebüt „Port Authority“.

Fährt man mit dem Fernbus nach New York, kommt man meist am Port Authority Terminal, dem größten Busbahnhof der Stadt an. So auch der zwanzigjährige Paul aus Pittsburgh. Er hat nur eine Sporttasche mit ein paar Sachen dabei und wartet vergeblich darauf, dass seine Schwester ihn abholt. Ihre Telefonnummer und Adresse hat er nicht. Am Busbahnhof raucht Paul noch eine Zigarette, beobachtet eine Gruppe junger People of Color, die „Vogueing“-Tanzschritte üben. Dabei fällt ihm das erste Mal die beeindruckende, schöne Wye ins Auge. Paul treibt orientierungslos durch die Stadt, schläft in der U-Bahn, muss dort Prügel einstecken und bekommt Hilfe von Lee. Der kennt Jungs wie Paul, verschafft ihm einen Platz in einer Notunterkunft und gibt ihm einen Job. Gemeinsam mit anderen weißen jungen Männern aus der Unterkunft treiben sie Schulden ein und räumen Wohnungen. Die Gruppe um Lee hat einen rauen chauvinistischen Umgangston, Homosexuelle werden mit Abfälligkeit gestraft. Paul bleibt still, aber dabei. Gleichzeitig sucht er wieder den Kontakt zu Wye und kommt durch sie mit der Ballroom-Kultur in Berührung – Performanceevents, die der schwarzen und Latino-LGBTQ-Community einen geschützten Raum zum Feiern geben. Entsprechend kritisch wird der weiße Paul in dieser Szene zunächst beäugt. Doch zwischen Paul und Wye entwickeln sich Gefühle. Als Paul realisiert, dass Wye transgender ist, muss er sich darüber klar werden, wo er hingehören will und wer er selbst eigentlich ist.

Mit Paul bekommt man einen Einblick in die Ballroom-Kultur und das Zusammenleben der Wahlfamilie, in der Wye ein Zuhause gefunden hat. Vor allem aber richtet der Film den Blick auf Paul selbst, der verloren in der Welt dasteht. Bruchstückhaft bekommt man Hinweise zu seiner Situation. Er ist vorbestraft und seine Schwester, die er schließlich ausfindig macht und die ein wohlhabendes Leben führt, hat überhaupt keine Absicht, den Bruder bei sich aufzunehmen. Doch als Pauls Bindung an Wye enger wird, kann er sich ihr nicht öffnen, sondern lügt. Ist es ein Ausdruck von Männlichkeit, vor einer Frau etwas darstellen zu wollen? Tatsächlich lässt der Film offen, warum Paul sich verhält, wie er sich verhält. Denn Wye ist keine Frau, die sich beeindrucken lassen muss, um jemanden zu mögen. Dass sie trans ist, dafür liefert die Geschichte früh Hinweise, so dass es sich als etwas späte Wendung in der Handlung anfühlt, wenn Paul damit konfrontiert wird.

Statt sich hier Zeit zu lassen, wäre es interessant gewesen, stattdessen tiefer in die Abläufe der Ballroom-Performances und die Bedeutung der Wahlfamilien in dieser Community einzutauchen. Hat man kein Vorwissen hierzu, kann der Film einem diese Welt nur wenig näher bringen. Viel klarer gelingt dies einer Serie wie „Pose“. Nun kann und muss ein kleiner Arthouse-Film sich aber auch nicht mit einer Netflix-Serie messen.

Jedoch ist „Port Authority“ dem schnellen Lauf der Zeit ausgesetzt. Bei seiner Festivalpremiere in Cannes 2019 war es etwas Neues, dort einen Film mit einer Transfrau of Color in der Hauptrolle zu zeigen. Mittlerweile aber lässt „Pose“ in bereits zwei Staffeln ein breites Publikum mit seinen Trans-Protagonist*innen mitfühlen und tief in ihr Leben eintauchen.

Nichtsdestotrotz beeindrucken die beiden starken Protagonist*innen von „Port Authority“: die so verletzlich wie stark spielende Leyna Bloom und der so weich wie unergründlich wirkende Fionn Whitehead („Dunkirk“ „Roads“, „Black Mirror: Bandersnatch“). Und die ursprünglich im Dokumentarfilm arbeitende Danielle Lessovitz findet neue, wenig gesehene Bilder von New York und schafft so ein glaubwürdiges, ganz eigenes Porträt der Stadt.

Kirsten Loose

© Salzgeber
15+
Spielfilm

Port Authority - USA 2018, Regie: Danielle Lessovitz, Homevideostart: 17.12.2020, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 15 Jahren, Laufzeit: 94 Min. Buch: Danielle Lessovitz. Kamera: Jomo Frey. Musik: Matthew Herbert. Schnitt: Clémence Samson, Matthew C. Hart. Produktion: RT Features, Madeleine Films und Sikelia Productions. Verleih: Salzgeber. Darsteller*innen: Fionn Whitehead (Paul), Leyna Bloom (Wye), McCaul Lombardi (Lee), Louisa Krause (Sara), Eddie Plaza (Eddie), Taliek Jeqon (Taliek) u. a.

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