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Eine total normale Familie

In der Queerfilmnacht online: Emmas Vater entscheidet sich, eine Frau zu werden. Wie liebt man jemanden, der plötzlich anders ist?

Eigentlich könnte „Eine total normale Familie“ ein total normaler Familienfilm sein. Die elfjährige Emma und ihre drei Jahre ältere Schwester Caroline, genannt Caro, verbringen den Alltag einvernehmlich mit ihren Eltern Helle und Thomas, mal streiten sich die Schwestern, mal sind sie beste Freundinnen. Emma spielt Fußball in einer Mädchenmannschaft, vom Spielfeldrand aus feuert Thomas sie an und ist dabei in Emmas Augen oft „voll peinlich“, wie es Väter und Mütter nun mal sind. Auch dass Thomas sie in ihrem sportlichen Ehrgeiz mitunter bremst und sie mahnt, dass sie bei der Beurteilung von Menschen keine voreiligen Schlüsse ziehen solle, gehört dazu, und doch wird dies zum Signal dafür, dass vielleicht nicht alles so normal ist, wie es sich Emma für immer und ewig wünscht. Irgendetwas ist mit Thomas, das spürt sie, und fällt doch aus allen Wolken, als ihre Mutter die Bombe platzen lässt: „Wir lassen uns scheiden.“ Bevor sie und Caro den Schock verdauen können, kommt der nächste gleich hinterher: „Wir lassen uns scheiden, weil Vater eine Frau sein will. Er möchte eine Geschlechtsumwandlung, will sich als Frau fühlen.“

Da sitzen Emma und Caro, erschrocken, ratlos, zutiefst verunsichert. Entsprechend sind ihre ersten Fragen: „Ist das eine Krankheit? Müssen wir jetzt umziehen? Was ist mit meiner Konfirmation?“ Nur ganz wenig können sie sich in ihre Mutter hineinversetzen, deren Fassungslosigkeit der Film ebenso am Rand einfängt wie er in wenigen, aber ähnlich präzisen Andeutungen die Nöte von Thomas anklingen lässt. Um sich von seinem über lange Jahre angestauten seelischen Druck zu befreien, hat er sich für eine Geschlechtsanpassung entschieden und möchte fortan Agnete genannt werden. Während Caro bald recht pragmatisch reagiert, wird besonders Emma viel zugemutet, und wie sie werden es auch viele Zuschauer*innen als Herausforderung, wenn nicht gar als Zumutung empfinden, sich im Rahmen eines Kinder- und Familienfilms mit einem Transgenderkonflikt auseinanderzusetzen. Doch auf bewundernswerte Weise findet der Film darauf stets die richtigen Antworten: ernsthaft, zugleich entspannt, einfühlsam und liebevoll.

Dabei macht er nie einen Hehl daraus, wie belastend die Situation für alle ist. Zugleich aber nimmt er den Spannungen und Verunsicherungen dank seines souveränen Umgangs mit dem Thema jeden Ruch von Peinlichkeit oder gar von Skandalösem. Schritt für Schritt macht er bewusst, dass die Transfrau Agnete gar nicht das „Problem“ ist, geht es doch viel grundsätzlicher um etwas, das alle Menschen angeht: die Suche nach der Identität als Halt im Leben. Dass es vielen Menschen ein Dorn im Auge ist, wenn etwas von ihren eigenen Vorstellungen abweicht, ist des wirkliche Problem, geht es dabei doch darum, was denn als normal erachtet wird.

Tatsächlich also erzählt der Film „nur“ eine „normale“ Geschichte. Sie spielt in Dänemark, einem Land, das als besonders tolerant gilt, wo die Menschen die Meinungsfreiheit pflegen und wo vieles möglich erscheint, was in anderen (auch europäischen Ländern) vielleicht als Skandal gelten würde. Dafür findet der Film ein vielsagendes Sinnbild: Während einer Therapiestunde, an der die gesamte Familie teilnimmt, schlingt sich Emma einen dicken Schal um ihren Kopf, quasi nach dem Motto: Was ich nicht sehe, das gibt es nicht. So läuft diese intensive Szene fast wie ein Hörspiel ab, bei dem man als Zuschauer*in zwar die Verzweiflung aller Beteiligten wahrnimmt, aber erst ganz am Schluss zu sehen bekommt, was es denn nun mal wirklich gibt: Emma wickelt endlich ihren Schal ab, und mit ihr sieht man erstmals Thomas/Agnete in Frauenkleidern.

Ab diesem Moment geht es um einen anstrengenden, aber auch befreienden Eingewöhnungsprozess für alle. Nach dem operativen Eingriff und der Geschlechtsanpassung lädt Agnete ihre Töchter in ihre neue Wohnung ein, feiert mit ihnen Geburtstag, fährt mit ihnen nach Mallorca, feiert im Kreis aller Verwandten Caros Konfirmation und begleitet Emma wieder zum Sportplatz. Oft tun sich dabei schockartig Abgründe auf, gerade auch für Emma, nicht aber, weil sie immer nur Probleme mit dem „neuen“ Vater hat. Vielmehr sind es Sorgen, die sie mit vielen Gleichaltrigen teilt, etwa wenn sie sich von einem Elternteil zurückgesetzt, übergangen oder einfach nicht genug gewürdigt fühlt, um sich selbst ringt und sich in ihrer Lebenskrise zu verlieren droht. Schade ist, dass sich der Film dabei vor allem auf Emma und Agnete konzentriert; so zeigt er zwar, wie sehr Emma ihren Vater liebt, während er sie oft dadurch kränkt, dass sich vieles, oft zu vieles um seine neu gefundene Weiblichkeit dreht. Mutter Helle wird dagegen fast schon ausgeblendet, sodass sie vor allem in Thomas‘ alten Familienvideos auftaucht, die immer wieder in die Handlung eingebaut werden und zeigen, wie sich die kleine Familie ihr Glück aufbaute – was aber durchaus auch die Hoffnung weckt, dass sie alle dieses neue Gefühl lernen werden, jemanden zu lieben, der anders ist.

Horst Peter Koll

© Salzgeber
12+
Spielfilm

En helt almindelig familie - Dänemark 2020, Regie: Malou Reymann, Homevideostart: 01.02.2021, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 97 Min. Buch: Maren Louise Käehne, Malou Reymann, Rune Schjøtt. Kamera: Sverre Sørdal. Schnitt: Ida Bregninge. Produktion: Nordisk Film/DR The Danish Film Institute/Orange Valley Prod. Verleih: Salzgeber. Darsteller*innen: Kaya Toft Loholt (Emma), Rigmor Ranthe (Caroline), Mikkel Boe Følsgaard (Thomas/Agnete), Neel Rønolt (Helle) u. a.

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