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Emily und der vergessene Zauber

Ein Mädchen wächst in einer Fantasiewelt über sich hinaus. Eine schöne Geschichte, aber ohne Charme und Herzblut.

Der Basketballkorb hängt für Emily irgendwie zu hoch. Mit einem geschickten Korbleger könnte das zehnjährige Mädchen seinem Schulteam zum Sieg verhelfen, aber der Wurf will einfach nicht gelingen. Keiner macht ihr deswegen Vorwürfe, Emily aber ist frustriert. Aus der Schule zurückgekehrt, gibt sie sich tapfer, doch im schicken Zuhause wartet nur das Kindermädchen, bereitet ihr das Essen zu und lobt sie für die gute Note im Schulaufsatz. Emily hat ihn über ihre Mutter geschrieben, doch die ist wieder mal nicht da. So bleibt ihr, wie so oft, nur das mit bunten Schmetterlingsfiguren dekorierte Kinderzimmer – und jener verbotene Arbeitsraum ihres Vaters, der gerade heute auf besonders geheimnisvolle Weise anziehend wirkt.

Man kennt einen solchen Beginn aus vielen, ähnlich konzipierten Kinder- und Jugendfilmen: Der Alltag will einem klugen und aufgeweckten Mädchen (oder Jungen) nicht recht gelingen, weil es zu viele Sorgen und Nöte hat, bis sich die magische Pforte zu einer Fantasiewelt öffnet, in der alles verführerisch ist und höchst abenteuerlich zugeht. Auch „Emily und der vergessene Zauber“ erzählt von einer solchen Welt quasi „hinter den Spiegeln“, die Trost und heilsame Ablenkung vom tristen Alltag verheißt, dann aber zum Sprungbrett dafür wird, die eigene Welt beherzt und tatkräftig zu meistern.

Was Emily alles bedrückt, erfährt man nur schrittweise. Da ist die Sehnsucht nach ihrer Mutter, die sich in ihre Arbeit verbeißt, und da ist der abwesende Vater, von dem man später erfährt, dass er tot ist. Er war Pilot, malte in seiner Freizeit Schmetterlinge und Fantasiewesen, die die Mutter zu ihren Büchern anregten. Jetzt trauert sie nur noch und verbietet sich jede Fabulierfreude – und Emily gleich mit. Irgendwie aber taucht Mutters Fantasy-Buch über das Zauberreich Faunutland dann doch in Emilys Zimmer auf. Und die Figuren werden real: die Fee Sternenglanz, ihr treuer Monster-Freund Belorac, die vielen wuselig-wilden Wesen und die böse Hexe, die die Herrschaft an sich reißen konnte, weil es niemand mehr wagt, in den Brunnen der Echos hinabzusteigen und jenen Kristall zu bergen, der dem Land das Licht zurückbringt.

Eigentlich ist dies eine schöne Geschichte: Ein Mädchen wächst über sich hinaus, stellt sich seinen Ängsten und seinem Kummer und bringt das tröstende Licht nicht nur in seine, sondern auch in die Welt seiner Mutter. Von Ferne erinnert das an den klassischen Roman „Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett, doch je näher man Emilys Geschichte kommt, desto ernüchternder wirkt sie. Nicht von ungefähr tauchten in dieser Kritik schon häufiger die Wörtchen „irgendwie“ und „eigentlich“ auf, denn „irgendwie“ ist alles schön und „eigentlich“ gut, und doch wird man nicht glücklich mit dem Film. Hergestellt wurde er in Schweden, von wo viele Kinderfilme mit unverwechselbarem Flair und besonderem Charme herkommen; hier aber wurden die Schauplätze sehr allgemein und betont unbestimmbar gehalten, sodass sie genauso gut ins Umfeld amerikanischer Fantasyfilme passen und weltweit vermarktet werden können. Dadurch wirkt vieles vage und konturlos, sodass man nie wirklich mit Emily mitfühlt und mitfiebert. Erst recht nicht, wenn sie das Fantasieland betritt: Die bescheidenen Kulissen wurden preisgünstig „handgemacht“, und nur wenige Effekte kommen aus dem Computer, was kein Nachteil sein müsste, wenn doch alles nur mit mehr Charme und Herzblut in Szene gesetzt worden wäre.

So aber wirkt die Botschaft schematisch, wie aufgesagt in hölzernen Dialogen: Kinder sind Wesen voller Mitgefühl und Neugierde, sie sehen die Welt voller Magie und erreichen alles, wenn sie nur angstfrei und selbstbewusst handeln. „Liebe, lache, hab‘ Fantasie“, heißt die Devise, die der Film unaufhörlich mit einer bombastischen Filmmusik untermalt, die indes nichts bewirkt und die steif inszenierten Szenen nur süßlich verklebt. Das ist, wie gesagt, alles gut gemeint, und Emily ist gewiss keine unsympathische Figur, doch der Film lässt sie in seinem Leerlauf viel zu oft allein.

Horst Peter Koll

 

© MFA+
7+
Spielfilm

Faunutland and the Lost Magic - Schweden 2020, Regie: Marcus Ovnell, Homevideostart: 17.09.2020, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 7 Jahren, Laufzeit: 82 Min. Buch: Jenny Lampa, Marcus Ovnell. Kamera: Nils Croné. Musik: Joe Kraemer. Schnitt: Marcus Ovnell. Produktion: Phelecan Films. Anbieter: MFA+. Darsteller*innen: Tipper Seifert-Cleveland (Emily), Jenny Lampa (Fee Sternenglanz), Harriet Slater (Kayla), Chelsea Edge (Hexe), Carl Ingemarsson Stiernlöf (Seamus) u. a.

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