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Giant Little Ones

Es läuft super für Franky. Bis in der Nacht zu seinem 17. Geburtstag etwas geschieht, das alles verändert und er zum Außenseiter wird.

Man sagt, das kanadische Schulsystem sei eines der besten der Welt. Das Verhältnis von Schüler*innen und Lehrer*innen gilt als vorbildlich, die Atmosphäre schaffe einen besonderen „High School Spirit“. Zwar sollte sich der dortige Schulalltag angesichts unseres gänzlich anderen Bildungssystems eher fremd anfühlen, doch gibt es in unseren Köpfen eine recht vertraute Vorstellung, gespeist von handelsüblichen High-School- und Coming-of-Age-Filmen (freilich eher von US-amerikanischen als von kanadischen). Allzu schnell deutet man solche Filme als Chiffren für ein „junges Lebensgefühl“: Schulsport als Leistungsprinzip der Starken, wilde Musik und noch wildere School-Partys als Grenzüberschreitung, das Austesten von Verboten, Drogen, Alkohol und Sex. Womöglich sind es solche (Klischee-)Vorstellungen vom rebellischen Widerstand gegen die Erwachsenenwelt, die auch hierzulande ankommen.

„Giant Little Ones“ scheint diese Muster perfekt zu bedienen. Über den prall gezeichneten Schul-, Alltags- und Familienszenen schwebt etwas von diesem kinoüblichen „Spirit“, bis dann aber etwas geschieht: etwas Ungeplantes, etwas Vehementes, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Das Vertraute wird brüchig, das Ereignis einer Sommernacht ändert das High-School-Leben, Beziehungen, Freundschaften und Familienzusammenhalt. Wie schmerzhaft und tief verletzend es sich anfühlt, wenn man plötzlich nicht mehr Everybody‘s Darling ist, sondern gnadenlos ausgegrenzt, beleidigt, gemobbt, verprügelt wird, das erlebt der 16-jährige Franky am eigenen Leib und an der eigenen Seele.

Eben erst war für Franky die Welt noch in Ordnung. Alles lief in üblichen Bahnen, man gab sich cool, war stolz und selbstsicher, sogar ein Stück weit überheblich und arrogant, zwar in Maßen, mag man meinen, aber wer zieht da schon die Grenze? Wo ist der Punkt, an dem jemand seelisch beschädigt wird? Franky und sein bester Freund Ballas waren ein starkes Duo. Im High-School-Schwimmteam stehen sie auf der Seite der Gewinner, machen mit, wenn ein Außenseiter vorgeführt, als schwach oder als schwul geoutet wird. Auch wenn dabei jemand schnell unter Generalverdacht gerät: Es ist doch alles nur als Spiel gemeint, als Teil eines adoleszenten Rituals, das zum Erwachsenwerden nun mal dazugehört.

Ein Spiel ist für Franky und Ballas auch der Umgang mit Mädchen. Dabei geht es vor allem um sexuelle Eroberungen als „Sportdisziplin“ der anderen Art. Auch die Mädchen ticken nicht anders, hinterfragen ebenso wenig die Jagd nach Sex als Leistungsnachweis. Jungs wie Mädchen spielen ihre Rollen, wer sich dem verweigert, der ist raus. Man habe „es“ sechsmal gemacht, protzt Ballas gegenüber Franky, der dem Freund dafür Respekt und Anerkennung zollt. Dabei ist Franky selbst eher zögerlich, selbst als sich ihm seine Freundin quasi als Geschenk zu seinem 17. Geburtstag andient. Dann aber verläuft die Feier völlig anders. Franky und Ballas bleiben allein in der Nacht, angetrunken, überschwänglich, kontrollverlustig. Irgendwann haben sie oralen Verkehr. Später wird Franky sagen, es sei nichts Besonderes gewesen, es habe sich eher normal angefühlt. Doch der Teufel springt aus der Dose, und niemand kann ihn zurückdrücken.

So schonungslos und direkt der Film bis hierhin die Alltagsrituale vor Augen führte, so rigoros nimmt er sich nun zurück, wechselt in einen völlig anderen Erzählmodus. Entscheidende „intime“ Szenen verlegt er sogar in eine undurchdringliche Dunkelheit, während er nicht weniger aufmerksam und intensiv die Konsequenzen aus dem zufälligen Beischlaf zweier betrunkener Jungs einfängt. Ballas weist alle „Schuld“ von sich, verrät Franky und überlässt ihn den homophoben Anfeindungen der „Meute“. Mitschüler*innen betrachten ihn nur noch als „schwulen Abschaum‟, halten angewidert Abstand zu ihm. Gutmeinende Erwachsene mischen sich ein, wollen die Wogen glätten, was sich aber nur besonders falsch anfühlt. Frankys Vater, der die Familie einst für einen Mann verließ, soll vermitteln, was Franky vehement zurückweist, bevor er gerade den schwulen Vater später als einzige erwachsene Bezugsperson erfährt, die ihn vorbehaltlos respektiert.

Genau dies ist etwas, was sich für Franky endlich „echt“ anfühlt, und es ist zutiefst bewegend zu verfolgen, wie er auf seiner Passionsgeschichte allmählich seine Sinne schärft, neue Prioritäten setzt, sich frei macht für andere Wahrnehmungen und Wertungen. Grandios gespielt, einfühlsam inszeniert, ohne in Kitsch oder falsche Melodramatik abzurutschen, ermöglicht der Film neue Sichtweisen, weckt Zuneigung und Empathie für all jene, die zuvor an den Rand gedrängt wurden. Wie sich Franky und Natasha, Ballas‘ durch ein schlimmes Erlebnis traumatisierte Schwester, einander annähern, gefühlvoll, aufrichtig und zärtlich, das wird zum zentralen Erlebnis des Films. Dass sich dies so gut und tröstend anfühlt, spürt man in aller Tiefe erst, nachdem der Film zuvor so klug und präzise die „andere Seite der Medaille“ vor Augen führte. Denn das kanadische Schulsystem mag tatsächlich eines der besten der Welt sein, doch dafür, wie respektvoller menschlicher Umgang funktioniert, gibt es kein Schulfach.

Horst Peter Koll

© EuroVideo
15+
Spielfilm

Giant Little Ones - Kanada 2018, Regie: Keith Behrman, Homevideostart: 27.03.2020, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 15 Jahren, Laufzeit: 93 Min. Buch: Keith Berman. Kamera: Guy Godfree. Musik: Michael Brook. Schnitt: Sandy Pereira. Produktion: Euclid 431 Pictures. Anbieter: EuroVideo. Darsteller*innen: Josh Wiggins (Franky Winter), Darren Mann (Ballas Kohl), Taylor Hickson (Natasha Kohl), Maria Bello (Carly Winter), Kyle MacLachlan (Ray Winter), Hailey Kittle (Priscilla) u. a.

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