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Ich bin William

Ein Junge findet sich selbst in einer charmanten, klugen und bisweilen aberwitzigen Komödie.

William ist zehn Jahre alt, ein sanfter, manchmal etwas verträumter Junge, der aber alles andere als „abwesend“ ist. Im Gegenteil: William ist hellwach, aufmerksam und sensibel, mitunter vorsichtig und auch ängstlich, wofür er aber allen Grund hat. Als er zu Beginn sein Leben zusammenfasst, versteht man schnell, dass da einiges nicht sehr glücklich verlaufen ist: „Ich bin William“, hört man seine Erzählerstimme, die während des Films noch oft das Geschehen erläutern und bewerten wird. „Meine Mutter ist krank und wohnt in einem Krankenhaus. Meine Mutter ist eine Verrückte. Mein Vater ist tot.“

Das klingt so traurig, wie es ist, ist aber nicht der Beginn eines ernsten Sozialdramas, auch wenn man viel über die gesellschaftlichen Schattenseiten im dänischen Alltag erfährt. Zuallererst ist „Ich bin William“ eine wunderbar warmherzige, oft schräg-überdrehte Komödie mit viel skurrilem Humor, in der die Menschen nicht immer ganz vorbildlich handeln. Dabei aber kommt es auf den Blickwinkel an, weiß William, der bei seinem Handeln genau zu unterscheiden lernt. Wobei er sich selbst am wenigsten zugetraut hätte, dass er sich gegen erpresserische Mitschüler zu wehren vermag oder dass er sich in die (Disco-)Höhle eines gefährlichen Geldeintreibers traut, um seinen Onkel zu retten. Aber das Bedrohliche verliert viel von seinem Schrecken, wie beim knurrenden Kampfhund Kuba, der doch nur Williams Gesicht abschleckt und gerne mit ihm spazieren geht.

Dass alles nicht so ist, wie es scheint, sieht man auch bei Onkel Nils, bei dem William wohnt. Nils ist der Bruder seiner psychisch kranken Mutter, die sie an den Sonntagen im Sanatorium in Roskilde besuchen. Was Onkel Nils wenig feinfühlig kommentiert: Nicht nur seine Schwester, nein, gleich alle Menschen seien „bekloppt“, „luschige Idioten“, wie er sagt. Sich selbst aber überschätzt Nils gnadenlos. Nicht nur, dass er als Frührentner die Behörden betrügt, er wettet und handelt mit Hehlerware, die er von Dieben übernimmt und gewinnbringend weiterverkauft. Wenn ihm das Glück hold ist, wird gefeiert, doch eines Tages riskiert er zu viel und lässt sich mit den „ganz Großen“ ein. Nun hat er riesige Spielschulden, und da er das Geld nicht zurückzahlen kann, hält er sich schon für so gut wie tot. William, der weiß, dass sein Onkel eigentlich ein Herz aus Gold hat, sieht das anders: „Aber wir sind nicht tot, wir haben nur Probleme.“

So etwas zu erkennen, ist Williams ganz besondere Gabe, und die macht auch den Film zu etwas Besonderem, weil er genauso aufmerksam und offen hinter die Dinge, aber auch hinter die Fassaden der Menschen blickt. William könnte dies von seiner seelisch kranken Mutter gelernt haben, die er bei seinen Besuchen genau betrachtet und quasi wortlos mit ihr redet. „Meine Mutter lächelt viel“, erklärt er, „auf ihre eigene Weise, nach innen. Irgendwie ist es, als ob sie mich sieht und zugleich noch etwas anderes; es ist, als ob sie in eine andere Welt hineinschauen kann.“ Was gibt es Spannenderes, als so die Menschen und ihre Welt zu sehen? Es hat sogar etwas Magisches, spätestens als Williams Mutter irgendwann beginnt, ihm Zettel mit kleinen, rätselhaften Botschaften zuzustecken.

Bis dahin passiert lange Zeit eher wenig, William beschreibt seinen mal gewöhnlichen, mal turbulenten Alltag zwischen Onkel Niels, Schule und Krankenbesuchen. „Es ist so, wie es ist“, sagt er, bevor dann plötzlich ganz viel geschieht. In den stillen wie auch den ereignisreichen Momenten macht es gleich viel Spaß zu erleben, wie sich William immer tatkräftiger durchsetzt und das Unglück und das Glück in seinem Leben in Balance bringt. Und wie er nebenbei das Herz von Viola erobert, dem hübschen, coolen Mädchen aus der Hochhaussiedlung, das ihn immer nur trifft, wenn er gerade mal wieder im Gebüsch liegt, das am Ende aber sagt: „Solltest Du irgendwann mal ins Gefängnis kommen, werde ich auf dich warten.“ Eine schönere Liebeserklärung gibt es wohl nicht, oder?

Eigentlich merkt man gar nicht, wie viele wichtige Themen in dieser charmanten und amüsanten Geschichte stecken. Und doch vermittelt William, hinreißend gespielt vom jungen Alexander Magnússon, wichtige Lektionen in Sachen Familie, Freundschaft, Vertrauen und Zusammenhalt. Aber es geht noch um viel mehr: um Außenseiter, Einsamkeit, Mobbing und psychische Krankheit, wobei sich alles so vermittelt, dass auch junge Zuschauer*innen alles problemlos verstehen. Und es genießen, denn auf dem Weg zu mehr Mut und Selbstbewusstsein ist William ein fantastischer Scout. Nicht von ungefähr heißt der Film auch nicht „Ich heiße William“, sondern „Ich bin William“, geht es doch darum, dass man sich selbst erkennt und zu sich selbst findet. Was wieder einmal niemand besser formulieren kann als William: „Ich bin ich. Ich bin ein Teil der Welt. Ich bin William.“

Horst Peter Koll

 

© KiKA
8+
Spielfilm

Jeg er William - Dänemark 2017, Regie: Jonas Elmer, Homevideostart: 23.03.2020, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 83 Min. Buch: Kim Fupz Aakeson. Kamera: Eric Kress. Musik: Halfdan E. Schnitt: Peter Winther. Anbieter: Amazon Prime. Darsteller*innen: Alexander Magnússon (William), Rasmus Bjerg (Onkel Nils), Stinne Henriksen (Williams Mutter), Amina Arrakha (Viola), Niels Martin Eriksen (Djernis) u. a.

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