Sisterhood
Auf Sooner: Drei Freundinnen wehren sich gegen einen sexuellen Übergriff. Als sie ein Video veröffentlichen, geraten sie unter Druck.
Amina, Djeneba und Zineb kennen sich schon ewig und gehen zusammen zur Schule. Alle drei sind mitten in der Pubertät, grenzen sich von den Erwachsenen ab und suchen ihre Rollen als junge Frauen. Die drei Freundinnen machen Pyjamaparties, wehren sich gemeinsam gegen Ungerechtigkeiten und teilen Träume von einem selbstbestimmten Leben. Sie halten immer zusammen, auch wenn sie im rauen Klima der französischen Vorstädte aufwachsen und als Mädchen ständig mit Grenzüberschreitungen konfrontiert werden. Dauernd pfeift ihnen jemand nach, kassieren sie anzügliche Sprüche und werden sogar in einem Restaurant bedrängt. Es scheint hier unhinterfragter Standard zu sein, dass Jungs sich als Machos geben und die Grenzen der Mädchen überschreiten. Dank Mittelfinger, breiter Brust und schnellen Beinen können sich Amina, Djeneba und Zineb aber behaupten und hinterher über die blöden Jungs zusammen kichern. Eigentlich – denn dann passiert etwas, das selbst die selbstbewussten Teenagerinnen schockiert.
Zineb wird von Zak, einem Freund ihres Bruders, sexuell bedrängt. Also filmen die Freundinnen den nächsten Übergriff und Amina stellt ihn online. Daraufhin zieht der Clip große Kreise. Zak drängt sie dazu, alles rückgängig zu machen, aber die drei bleiben hart. Dann verselbständigen sich die Reaktionen – es gibt einen feministischen Aufschrei öffentlicher Solidarität und gleichzeitig erhöht sich aber auch der öffentliche Hass. Alle drei Mädchen werden zu Zielscheiben: vor der Haustür und auf Social Media von empörten Männern angegangen.
Vor allem Zineb gerät durch die direkten Drohungen von Zak so unter Druck, dass sie einknicken möchte und sich von ihren Freundinnen entfernt. Zak ist völlig außer sich und begegnet Zineb als Freund der Familie dauernd im eigenen Zuhause, was für sie unerträglich ist.
Die drei jungen Frauen sind sehr unterschiedlich in ihren Hintergründen und ihrer Herangehensweise an Probleme. Das macht ihr inniges Miteinander aus, sorgt nach Zaks Tat und der Veröffentlichung aber auch für Brüche. Zwar stehen die Freundinnen für dieselbe Sache ein, müssen aufgrund unterschiedlicher Privilegien aber nicht dieselben Konsequenzen fürchten. Daraus ergeben sich unterschiedliche Handlungsspielräume und Reaktionen. Eine Stärke des Films ist, dass die Zuschauenden die zerstörerisch-solidarische Wut der trotzigen Djeneba genauso gut nachvollziehen können wie die Scham und Verunsicherung der zarteren Zineb, die ganz unerwartet in der Opferrolle gedrängt wird. Sie wird überrollt vom Aktionismus ihrer Freundinnen und ist es nicht gewohnt, so passiv zuzuschauen, wie alle von außen mit ihrem Erlebnis umgehen. Dass die Freundschaft der drei zu zerbrechen droht, ist die große Tragik des Films. Der Druck, den das Patriarchat auf sie ausübt, treibt die drei zunehmend in Verzweiflung und Hilflosigkeit und schließlich unwiederbringlich auseinander.
Dass die Übergriffe und die ganze Figur Zak etwas gestellt wirken, tut diesem Hauptthema keinen Abbruch und fällt wohl auch nur deshalb überhaupt auf, weil die Welt der Mädchen so authentisch und zugänglich zugleich erzählt wird. Hier liegt eindeutig der Fokus der Geschichte.
Der Film besticht durch die dichte Darstellung eines toxischen Milieus und die intensive Freundschaft der drei Mädchen, ästhetisch bleibt er sehr am harten Realismus verhaftet und bildet die Ebene von Geheimnissen durch spannende Schlüsselloch-Blicke ab. „Sisterhood“ beginnt mit einer öffentlichen Belästigung im Restaurant und ist im Aufgeinandertreffen mit Männern eigentlich eine durchgehende Zumutung. Dass hier viel zu viele Jungs und Männer bei Mädchen und Frauen kein Nein akzeptieren und diese mundtot machen, wenn sie Grenzen setzen – diese Botschaft könnte man kaum klarer vermitteln als es der Film dem Zuschauenden quasi ins Gesicht schreit. Gleichzeitig werden Zuschauende hier für genau diese Ungerechtigkeiten aufgerüttelt, und gerade als junge Frauen motiviert, eigene Antworten auf die Frage nach den eigenen Grenzen und dem Umgang mit toxischer Männlichkeit zu finden.
Esther Kaufmann
Frankreich 2023, Regie: Nora El Hourch, Homevideostart: 01.06.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 101 Min., Buch: Nora El Hourch, Kamera: Maxence Lemonnier, Schnitt: Quentin Jourde d'Arzac, Musik: Clément Tery, Produktion: Manny Films, La Prod, Verleih: Paname Distribution, Besetzung: Léah Aubert (Amina), Médina Diarra (Djeneba), Salma Takaline (Zineb), Oscar Al Hafiane (Zakaria), Mounir Margoum (Ahmed), Bérénice Bejo (Chantal).
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