Soft
Auf Sooner: Drei queere Freund*innen, die (fast) noch Kinder sind, driften durch die Tage und Nächte eines heißen Sommers.
Kippen und Kondome klauen. Schnell wegrennen. Ausprobieren, wie die Zigaretten schmecken. Die Kondome aufblasen. Anzünden. Als Gummis verwenden. Und wieder wegrennen. Julien, Tony und Otis sind kaum älter als zwölf und eine verschworene queere Gruppe, die tags wie nachts durch die Straßen von Toronto zieht – und der Film von Joseph Amenta fängt dieses Driften schon in den ersten Minuten in so wunderbar ausgelassenen, rhythmischen, traumwandlerischen Bildern ein, dass man den Blick kaum noch abwenden kann. Ganz nah ist die Kamera dran an den drei Protagonist*innen, auf ihrer Augenhöhe und manchmal sogar ein wenig darunter, wodurch sie noch größer erscheinen. Der Film macht sie stark und lässt sie mächtig wirken, obwohl sie gar keine Macht haben. Im Gegenteil: Sie sind eigentlich Outcasts. Ausgeschlossen. Verletzt, physisch wie psychisch. Julien hat es am härtesten getroffen. Seine Mutter interessiert sich nicht für ihn. Ein Kind, das nur Ärger macht, lautet ihr Urteil. Daher lebt Julien bei Dawn, einer trans Frau, die als Prostituierte arbeitet und ihm ein Zuhause bietet, in dem er so akzeptiert wird, wie er ist. Ein blaues Auge deutet darauf hin, dass das keineswegs überall so ist.
„Wir sind erwachsen!“, brüllen Julien, Tony und Otis einmal zu Beginn durch die Nacht, „wir sind frei!“ Beides stimmt nicht, spiegelt aber gut, wonach die Kinder sich sehnen. Sie fühlen sich groß, reif für die Welt der Erwachsenen, die geheimnisvoll ist – und die ihnen trotzdem verschlossen bleibt. Zu dem queeren Nachtclub, in den sie so gerne einmal wollen, erhalten sie keinen Einlass, egal wie cool und abgebrüht sie sich geben. Erst später gelingt es Julien einmal heimlich, sich durch einen Hintereingang in das Gebäude zu schleichen. Er taumelt über die Tanzfläche, die flache Tiefenschärfe bleibt ganz bei ihm und lässt alles um ihn herum in einer weichen Unschärfe verschwinden. Julien ist fasziniert. Und irritiert, als er Männer beim Sex auf der Toilette beobachtet.
Im Grunde ist „Soft“ so etwas wie eine queere Variante von „Stand By Me“ (Rob Reiner, 1986). Denn auch dieser Film erzählt vom Ausbrechen, von einer tiefen Freundschaft und von einem schicksalhaften harten Moment des Erwachsenwerdens durch die Konfrontation mit dem Tod. Die Leiche in diesem Film liegt eines Tages unter dem Bett von Dawn. Julien entdeckt den leblosen Körper eines Menschen durch Zufall, nachdem Dawn schon ein paar Tage spurlos verschwunden ist.
Doch „Soft“ wird nicht zum Krimi, so wenig wie der Film eine Coming-Out-Geschichte ist. Die drei Protagonist*innen hadern nicht mit ihrer sexuellen Identität oder müssen sich erst noch bewusst werden, wer sie sind und was sie fühlen. In dieser Hinsicht sind sie sich alle schon sehr sicher. Tony liebt es, sich zu schminken und schöne Kleider zu tragen – und muss blöde Nachrufe auf der Straße ertragen. Julien trägt ausgefallene Kleidung und hat sich die Haare pink gefärbt. Otis wiederum steht auf Jungs, auch wenn er das bislang vor seinem religiösen Vater geheim gehalten hat. Narrativ lässt der Film immer wieder vieles im Ungefähren und deutet mehr an, als es auszuerzählen. Aber aus der fragmentarischen, elliptische Erzählweise schöpft er auch seine Atmosphäre. Es geht ihm mehr um das Gefühl dieses Sommers, in dem sich die Erwachsenenwelt von ihrer dunklen Seite, mit alle ihren Rätseln und Problemen zeigt, in denen Schabernack und falsche Entscheidungen Hand in Hand gehen, Sicherheiten wegbrechen und Freundschaften auf die Probe gestellt werden.
„Pussy“ sollte der Film anfangs heißen, man hört das noch im Titelsong mit den harten Beats, der zum wilden Intro spielt. Doch aus der Angst, dann aufgrund des Namens nicht gefunden oder in die falsche Ecke gestellt zu werden, wurde schließlich „Soft“ daraus. Das Bemerkenswerte: Obgleich die Assoziationen ganz anders sind, passt das ziemlich gut, ja vielleicht sogar besser. Der neue Titel eliminiert das Raue und Provokative und unterstreicht die leiseren Töne. So ist auch der Film beides. Wild und flirrend einerseits, still und persönlich andererseits. Ein bemerkenswertes, sehr stilsicheres Debüt.
Stefan Stiletto
Kanada 2022, Regie: Joseph Amenta, Homevideostart: 01.10.2025, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 87 Min., Buch: Joseph Amenta, Miyoko Anderson, Giselle Muse, Kamera: Liam Higgins, Musik: Casey Manierka-Quaile, Sky Vemanei, Schnitt: Alexander Farah, Produktion: Alexandra Roberts, Danny Sedore, Besetzung: Matteus Lunot (Julien), Harlow Joy (Otis), Zion Matheson (Tony), Miyoko Anderson (Dawn), Krista Morin (Joslyn) u. a.
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