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Koschka

Entdeckt beim Goldenen Spatz: Jan trifft eine Katze, die sich in sein Zuhause und in sein Leben drängt - und der Junge tut alles für sie.

Der Komiker und Schauspieler W. C. Fields (1880-1946) war berühmt für seine pointierten, oft aber auch recht sarkastischen Ratschläge, von denen einer lautete: „Arbeite niemals mit Tieren oder Kindern.“ Gut, dass Bernd Sahling diesen Rat bezüglich der Kinder bislang so gut wie nie beherzigte, besser noch, dass er nun sowohl mit Kindern als auch mit Tieren gedreht hat. Mit „Koschka“ glückte ihm ein warmherziger, stimmungsreicher Kinderfilm, der jedoch kein Tierfilm im (handels-)üblichen Sinne ist: Zwar spielen eine Katze und ihre drei putzigen Babys eine zentrale Rolle, weit wichtiger aber ist der achtjährige Jan, der eines schönen Sommertages große Verantwortung übernimmt und sich mit seinen gleichaltrigen Freunden Sami und Martha tüchtig ins Zeug legt, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Dafür muss er manche große Aufgabe meistern – und das sozusagen in kindlicher Eigenregie.

Gleich die Eröffnungsszene schlägt das betont langsame Tempo des Films an und gibt dessen entspannte, mitunter angenehm lässige Erzählweise vor. Da warten Jan und Sami nach Schulschluss schweigsam auf ihre Mitschülerin Martha, die sie so gerne einmal einladen würden, die aber wieder von ihrer Mutter abgeholt wird. Da deren Auto im Halteverbot steht, können die Freunde wenigstens eines tun: Mit einem coolen Trick versperren sie dem Ordnungsbeamten die Sicht aufs Nummernschild und verwickeln ihn in ein Gespräch, bis das Auto davonfährt und Martha ihnen zum Abschied zurückwinkt. Was Jan und Sami bleibt, sind der vertraute Heimweg nach der Schule und die große Frage: Zu was nur könnten sie Martha einladen? Einig sind sie sich darin, dass es etwas Besonderes sein müsste, und genau das bietet sich umgehend an der nächsten Straßenecke: eine Katze, die Jan beharrlich nachläuft, sich in sein Zuhause und fortan in sein Leben drängt!

Das gepflegte, mit einem bunten Halsband geschmückte Tier, hat offensichtlich nicht mehr den Heimweg gefunden und äußert nun seine Ansprüche gegenüber Jan. Der reagiert mit einer Dose Thunfisch und der Bemerkung „Keine Angst, ich tue dir nichts...“, womit er freilich eher sich selbst beruhigt, um die Lage in den Griff zu bekommen. Doch schnell stellen sich er und sein überraschter, aber tiefenentspannter Vater der Situation, gemeinsam besorgen sie Katzenfutter, richten der Katze einen Platz in Jans Zimmer ein und planen eine Suchaktion. Damit nicht genug: Eines Nachts bringt Koschka, wie Jan und Sami das Tier mit dem russischen Wort für Katze taufen, in Jans Kleiderschrank drei Junge zur Welt. Auch jetzt bleibt Jans Vater ruhig und unaufgeregt, doch da er weiterhin seiner Arbeit nachgehen muss, übernehmen die beiden Freunde die Initiative: Sie machen sich auf den weiten Weg zum Tierarzt, putzen die Wohnung und waschen die Wäsche, als dieser Katzenflöhe entdeckt. Bald ist Martha die Dritte im Bunde, mit ihr zusammen torpedieren sie geschickt den Plan, die Katzen ins Tierheim zu bringen; auch suchen sie verlässliche Besitzer für die Jungen, während Jan vor das allergrößte Problem gestellt wird: Leider reagiert er allergisch auf die Katzen.

So einfühlsam wie sanftmütig, so geduldig wie respektvoll entwickeln Bernd Sahling und sein angesichts der Katzenbabys ganz offensichtlich „schockverliebtes“ Team die kleine und doch in vielem so bedeutsame Geschichte, stets auf Augenhöhe der Kinder und auch der Katzen. Dabei erliegen sie nie der Versuchung, das betont „Niedliche“ der tierischen Protagonisten in den Vordergrund zu stellen (die schönsten Outtakes vom Dreh mit den Tieren und Kindern gibt es während des Nachspanns), vielmehr folgen sie zuallererst dem Tun und Handeln der Kinder, die souverän über sich hinauswachsen. Mit stillem Eifer und anrührender Ernsthaftigkeit spielen – und leben! – Sebastian Erbes als Jan, Ilkay Yalcin als Sami und Bella Mortlock als Martha ihre Parts mit frappanter Natürlichkeit, unaufdringlich und unaufgeregt. Geradezu idealtypisch geben ihnen die Erwachsenen den dafür nötigen Freiraum, vor allem Jans Vater (Benjamin Kramme) zeigt sich jederzeit solidarisch, vertraut Jan nahezu blind, traut ihm ohne Wenn und Aber vieles zu und lobt ihn aufrichtig für dessen (mitunter durchaus auch ungeschicktes) Handeln.

Dass all dies weder übertrieben pädagogisch noch sonst irgendwie „sendungsbewusst“ daherkommt, ist eine herausragende Qualität dieses liebenswerten Films für (nicht nur) junge Zuschauer*innen, aber noch längst nicht sein einziger Vorzug. Während Sahling die Eckdaten der Handlung auf ein notwendiges Minimum reduziert und Jans Alltag mit alleinerziehendem Vater, lediglich via Handy präsenter Mutter sowie seine Herkunft weitgehend im Skizzenhaften belässt, legt er viel Sorgfalt auf die dramaturgische Ausgestaltung: Jans idyllischer Heimatort ist in warmes Sommerlicht getaucht, das bis in die Innenräume vordringt und die Kinder in einen betont malerische Glanz kleidet, während Jans Nächte auch dann noch Geborgenheit und Sicherheit ausstrahlen, wenn er durch die Katzenallergie immer stärker an den Symptomen leidet.

In jeder noch so kleinen Szene lässt Sahling den Kindern ihre Gefühle, betont diese allenfalls liebevoll mit kleinen Beobachtungen und dramaturgischen Finessen. Herrlich, wie die Kinder in ihrem stoischen Eifer einen höchst charmanten, situativen Witz entfalten, berührend, wie sich in Jans Klavierüben seine jeweilige Befindlichkeit wiederfindet: seine Zuneigung zu Koschka, seine zögerliche Ratlosigkeit, auch seine Trauer in jener Gewitternacht, nach der es Abschied nehmen heißt und sich dann doch neue Perspektiven auftun.

Viel Wert hat Bernd Sahling auch auf die naturalistischen Katzengeräusche gelegt. Unentwegt schnurren Koschka und ihre verspielten Kids, was intensiver als in der Wirklichkeit ausfallen mag, vorrangig aber ein starkes Zeichen dafür ist, dass sich selbst junge Zuschauer*innen hier richtig wohlfühlen dürfen. Denn wie die Katzen, so setzt auch Bernd Sahling die wohligen Schnurr-Laute als reiches Kommunikationsmittel ein.

Horst Peter Koll

 

© B. Sahling
6+
Spielfilm

Koschka - Deutschland 2026, Regie: Bernd Sahling, Festivalstart: 10.06.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 6 Jahren, Laufzeit: 74 Min. Buch: Bernd Sahling, Kamera: Piotr Rosołowski. Musik: Christian Kuzio, Schnitt: Evelyn Rack, Produktion: Blinker Prod./Friendship Films/ExtraVista Film & TV/ ZDF, Verleih: farbfilm, Besetzung: Sebastian Erbes (Jan Marstein), Ilkay Yalcin (Sami Urban), Bella Mortlock (Martha Paulsen), Benjamin Kramme (Jörg Marstein), Boris Aljinović (Tierarzt), Petra Kalkutschke (Tierpflegerin) u.a.

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