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Gasoline Rainbow

Nach dem Abschluss ist vor dem Abenteuer. Fünf Freund*innen machen sich mit dem Kleinbus auf zur Pazifikküste.

„This the big difference between grown-ups and children: Grown-ups aren't supervised.“ Frisch aus der High School, kurz bevor es weitergeht: Tony, Micah, Nichole, Nathaly und Makai sehen ihre Zukunft schon vor sich, im Leben der anderen, der Älteren in der Kleinstadt Wiley im Osten von Oregon. Bevor es ans Arbeiten, Geld verdienen geht, „get jobs and shit“, in eine Existenz, in der sie sich als „weirdoes“ eigentlich nicht wiederfinden, brechen sie gemeinsam aus, wenigstens für ein paar Tage.

Mit dem Kleinbus geht es los, 500 Meilen zur Pazifikküste, nach Portland. Das Meer sehen, nur sie fünf, ganz ohne Überwachung und Begleitung, vielleicht am Strand zur „Party at the end of the world“. Und bis dahin: reden, austauschen, untereinander und mit Zufallsbekanntschaften. Mal ein Zwischenstopp bei Verwandten, die auch irgendwie raus sind aus dem Hinterland. Aber ob das gut geht? Die sind immerhin schon alt, so 30 oder 40. „Maybe they're Hippies“, vielleicht passt's also doch.

Bill und Turner Ross geben „Gasoline Rainbow“ einen fast dokumentarischen Charakter, mit lockerer Kamera, immer ganz dicht an den Figuren; eingestreut sind Fotos aus Wegwerfkameras, die mit dabei sind, trotz der Handys, die natürlich da sind. Das ist ein Film ganz im Geist und Sinn der Gen Z, mitten im Medienwandel aufgewachsen, aber eben auch in der Kleinstadt im Nirgendwo. Und sie suchen nach der Welt da draußen anders als per Hörensagen.

Erlebnis gibt es dann auch: Der Bus bleibt erst einmal liegen im Nirgendwo, dann sind die Reifen geklaut, also trecken die fünf zu Fuß durch die Landschaft, schwingen sich schließlich mit zwei erfahreneren Leuten von der Straße nachts in offenstehende Güterzüge, ganz in der großen Tradition der amerikanischen Hobos.

Sie treffen auf Skater, mit denen sie einen ganzen Tag verbringen, bevor es weitergeht, vertrauen sich Wildfremden an und treffen fragwürdige Entscheidungen. Es sind bedeutungsvolle Bekanntschaften aus dem Moment heraus, die einige Stunden oder Tage halten und sich wieder ins Nirgendwo auflösen. „Gasoline Rainbow“ ist in die US-amerikanische Gegenwart geflanschtes Jugendkino, präzises Zeitportrait und bewusst vages Generationenbild. Ein Film, der in manchmal atemberaubend schönen Bildern sehr genau das Ungefähre, den Wandel, die Vielfalt einfängt.

Das ist kein Zufall: Die fünf Protagonist*innen sind zwar gecastet, die Ross-Brüder, die bisher dokumentarische oder improvisierte Filmprojekte gemacht hatten, lassen die jungen Darsteller*innen aber mehr oder minder sich selbst spielen; vor einem grundlegenden Handlungskonstrukt wird viel improvisiert, was dem Film seine mäandernde, auch unfokussierte Struktur gibt. Das ist für fast zwei Stunden manchmal etwas langatmig, es lohnt sich aber, das auszuhalten.

Die Party am Ende der Welt ist dann doch ganz anders als erwartet, und genau das ist natürlich das grundlegende Thema von „Gasoline Rainbow“: Die Unruhe der Jugendlichen führt sie irgendwohin, aber nicht an die Orte oder auf die Weise, die sie erwartet haben. Stattdessen stürzen sie sich hier in winzige Abenteuer, gleichermaßen aus der Ahnungslosigkeit des Kleinstadtkindes und dem Übermut der aufbrechenden Jugend heraus.

Manches geht ein wenig schief, aber nichts wird bedauert. Stattdessen denken sie über sich nach und über ihren Platz in der Welt, von der sie so noch ach so wenig kennen. Gerade in der Sicht aus dem Ausland ist es fast schmerzhaft, wie klein Welt und Möglichkeiten für diese Außenseiter*innen aus einer US-Kleinstadt erscheinen, wenn das Ziel nur die nächstgelegene Meeresküste ist.

Aber wie in jedem richtigen Road Movie passiert auf dieser Reise viel und vor allem in den Köpfen. Doch am Ende ist natürlich alles offen, dafür strahlt die Jugend und die Sehnsucht umso heller. Und vielleicht ist in ein oder zwei der jungen Herzen das Fernweh für immer entfacht.

Rochus Wolff

© MUBI
16+
Spielfilm

USA 2023, Regie: Turner Ross, Bill Ross IV, Homevideostart: 31.05.2024, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 111 Min. Buch: Turner Ross, Bill Ross IV. Kamera: Turner Ross, Bill Ross IV. Musik: Casey Wayne McAllister. Schnitt: Turner Ross, Bill Ross IV. Produktion: Carlos Zozaya, Michael Gottwald, Turner Ross, Bill Ross IV. Verleih: MUBI. Darsteller*innen/Mitwirkende: Tony Aburto, Micah Bunch, Nichole Dukes, Nathaly Garcia, Makai Garza u. a.

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