Kritiken > Filmkritik
Kritiken > Vorgestellt im Oktober 2022 > Playground

Playground

Entdeckt bei „Lucas‟: Eine Erstklässlerin beobachtet hilflos, wie ihr älterer Bruder in der Schule brutal gedemütigt und gequält wird.

Die folgende Kritik enthält eine Nacherzählung des Filmendes.

Nora kann sich auf ihren ersten Schultag freuen. Das wird sicher schön, mit anderen Kindern zusammen zu sein und auch die Klassenlehrerin wirkt lieb und verständnisvoll. Wenn es dann doch Probleme geben sollte, wird Noras älterer Bruder Abel, der auf dieselbe Schule geht, ihr sicher helfen und sie beschützen. Gleich zu Beginn des Films umarmen sich die Geschwister herzlich und heftig. Da sie noch niemanden ihrer Mitschüler*innen kennt, möchte Nora beim Mittagessen in der Schule selbstverständlich neben ihrem Bruder sitzen. Doch das wird ihr nicht erlaubt. Und auch sonst fühlt sich Nora ziemlich alleine und überfordert. Auf dem Pausenhof herrscht bei den lärmenden Kindern das Recht des Stärkeren, von Gemeinschaftsgefühl keine Spur. Den aufmerksamen Blicken des Mädchens entgehen auch nicht die kleinen Gemeinheiten, denen nicht nur sie plötzlich ausgesetzt ist. Ihr Bruder Abel wird offenbar von älteren und stärkeren Jungen gemobbt und gequält.

Das innige Verhältnis zwischen den Geschwistern bekommt einen ersten Riss, als Abel sie dazu auffordert, sich von ihm fernzuhalten, damit er nicht auch noch wegen seiner kleinen Schwester gemobbt wird. Nora würde ihm gerne helfen und die Erwachsenen einschalten, doch sie hat ihre erste Lektion gelernt: „Wenn man Leuten hilft, wird alles schlimmer.“ Auch als sich der arbeitslose Vater einschalten will, stemmt sich Nora dagegen. Doch die Geringschätzung der anderen gegenüber ihrem Bruder, der glaubt, das Problem durch Anpassung und Willfährigkeit zu lösen, färbt auch auf Nora ab. Sie wird trotzig und aggressiv, kann dem Unterricht kaum noch richtig folgen. Bald will niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben, bis sie sich dazu entschließt, ihren Bruder zu verleugnen. Obendrein wirft auch die Klassenlehrerin das Handtuch und wechselt die Schule.

Nora leistet Widerstand gegen die neue Lehrerin, die offenbar rein gar nichts mitbekommt, was wirklich in ihren Schüler*innen vorgeht. Erst als Nora beobachtet, wie Abel vom Opfer zum Täter wird und dem jüngeren Ismaël eine Plastiktüte über den Kopf zieht, bis er fast erstickt, greift Nora ein. Der Film endet mit einer großen Umarmung zwischen den Geschwistern, voller Zuneigung, aber auch mit großer Verzweiflung.

Ausnahmsweise darf bei diesem Film das Ende gespoilert werden. Auch, um dem Eindruck vorzubeugen, der Film würde zwar eine fatale Entwicklung an einer Grundschule in Brüssel aufzeigen, aber überdramatisiert worden und daher nur die Ausnahme von der Regel sein. In erster Linie aber, weil das Augenmerk weniger auf die Erzählung selbst gerichtet ist als auf die beiden Hauptfiguren und die Art und Weise, wie sie mit diesen Situationen umgehen. Insbesondere Maya Vanderbeque als Nora ist eine Wucht. Ganz in Augenhöhe dieses kleinen mutigen Mädchens gedreht, das zu Beginn eines neuen Lebensabschnitts in eine existenzielle Notlage gerät, ist die junge Darstellerin nahezu in jeder Szene präsent, oft in Großaufnahme ihres Gesichts, in dem sich ihre Emotionen und ihre Reaktionen auf das Beobachtete spiegeln. Dabei muss man sich immer wieder vergegenwärtigen, dass dieser Film nicht etwa dokumentarisch gedreht, was moralisch sehr problematisch wäre, sondern voll und ganz inszeniert worden ist. Diese ganz persönliche Sicht ist unabdingbar rein subjektiv, was der Film noch damit unterstreicht, dass es trotz der vergleichsweise ruhigen Kameraführung so gut wie keine Totalen gibt, die dem Publikum einen Überblick verschaffen oder eine Beobachtung von Nora relativieren könnten. Mitunter sind nur einzelne Körperteile und Details zu sehen, zugleich lassen sich die polymorphen Stimmen aus dem Off nicht immer einzelnen Personen zuordnen. Das schafft eine allgegenwärtige Atmosphäre der anonymen Bedrohung, wobei einzelne Gewaltakte allerdings explizit zu sehen sind.

Mit der obigen Beschreibung erübrigt sich die Frage, ob der Film bereits für angehende Grundschüler*innen wie Nora und Abel geeignet wäre. Natürlich nicht, wenn man ihnen die Vorfreude auf den ersten Schultag nicht völlig verderben möchte. Anders sieht das bei älteren Kindern ab etwa 12 Jahren aus, die bereits über genügend Vergleichsmöglichkeiten mit eigenen Erfahrungen verfügen und diese Geschichte besser einordnen können. Die angesprochenen Themen, etwa wie man sich am besten gegenüber Mobbing-Opfern verhält und wo man selbst Hilfe und Unterstützung bekommen könnte, sind durchaus relevant für diese Zielgruppe. Und natürlich auch für die Erwachsenen, für Eltern und pädagogisches Fachpersonal insbesondere, um sich in die Wahrnehmungswelt von Kindern besser einfühlen zu können und erste Warnhinweise zu erkennen. Dass der Film darüber hinaus auch als herausragendes Filmkunstwerk bestehen kann, beweisen die international vergebenen 24 Preise und 15 Nominierungen, noch bevor der Film dann 2022 auch bei „Lucas‟ ausgezeichnet wurde.

Holger Twele

© DFF
12+
Spielfilm

Un monde - Belgien 2021, Regie: Laura Wandel, Festivalstart: 08.10.2022, FSK: ab , Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 72 Min. Buch: Laura Wandel. Kamera: Frédéric Noirhomme. Schnitt: Nicolas Rumpl. Produktion: Dragons Films, in Koproduktion mit Lunanime, VOO, BE-TV. Verleih: offen. Darsteller*innen: Maya Vanderbeque (Nora), Günter Duret (Abel), Lena Girard Voss (Clémence), Simon Caudry (Antoine), Thao Maerten (David) u. a.