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Dounia und die Prinzessin von Aleppo

Entdeckt bei „Lucas‟: Magisch und poetisch, jedoch vor einem bedrückenden Hintergrund. Ein Animationsfilm über eine Flucht aus Syrien.

Dürfen und sollen Kinderfilme auch so schwierige Themen wie kriegerische Auseinandersetzung, Zerstörung der Heimat und Flucht aufgreifen? Könnten sie ein junges Publikum überfordern oder gar zum unkontrollierbaren Trigger für diejenigen werden, die selbst schon ähnliche Traumata erlebt haben? Die einen haben vielleicht selbst einen dramatischen Migrationshintergrund im Gepäck, den anderen könnte es an nötigem Hintergrundwissen über die sozialen und politischen Zusammenhänge in Syrien fehlen. Zum Glück haben sich Filmschaffende auf der ganzen Welt von solchen Fragen nie davon abhalten lassen, zumal wenn sie selbst auf entsprechende Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zurückblicken wie Marya Zarif aus Syrien. Es kommt immer nur auf das Wie an, mit welchen Stilmitteln und Ausdrucksformen solche Themen umgesetzt werden und welche Altersstufen sie konkret ansprechen wollen. Je jünger diese Zielgruppe ist, desto schwieriger kann das sein.

Der Animationsfilm „Dounia und die Prinzessin von Aleppo‟, in der Kategorie 8+ beim LUCAS-Festival in Frankfurt 2022 ausgezeichnet und bereits geeignet für Kinder ab 8 Jahren, lässt sich daher als besonderer Glücksfall bezeichnen. Denn es gelingt ihm, mit dem sechsjährigen Mädchen Dounia aus Aleppo eine zukunftsweisende Fluchtgeschichte mit zutiefst humaner Botschaft kindgerecht zu vermitteln, die vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkriegs angesiedelt ist. Dieser hat schätzungsweise eine halbe Million Todesopfer gefordert und mehrere Millionen Menschen in die Flucht getrieben, wobei es der Film vermeidet, solche Fakten zur Sprache zu bringen.

Dounia wächst in einer Familie auf, in der es ihr fast an nichts fehlt. In ihrer Erinnerung verschmelzen die eigenen Sinneseindrücke der pulsierenden Stadt Aleppo voller wunderbarer Geruchserfahrungen und vieler Geheimnisse mit den Erzählungen und Sagen der Eltern über die historischen Wurzeln dieser Stadt, die von einer prächtigen Burg überragt wird, zu einem positiven Gesamteindruck, bei dem Traum und Realität miteinander verschmolzen sind. Die Kochkünste der Großmutter und die Musikbegeisterung des Großvaters finden ebenfalls positiven Nachhall in der Seele des Kindes. Doch schon bald verstirbt Dounias Mutter und einige Jahre später wird der Vater von Soldaten abgeholt und verschwindet spurlos. Liebevoll kümmern sich die Großeltern weiter um ihre inzwischen sechsjährige Enkelin. Der entgeht nicht, dass sich die Stadt immer mehr verändert, Soldaten sind überall auf den Straßen, erste Bomben fallen und ganze Stadtviertel versinken in Schutt und Asche. Schweren Herzens entscheiden sich die Großeltern zur Flucht zusammen mit einigen Wegbegleiterr*innen und dem Gewürzhändler, ohne den die Großmutter nie so köstlich duftende Speisen hätte zubereiten können. Auch Dounia ist gezwungen, alles was ihr lieb und teuer ist, zurückzulassen. Nur ein paar Samenkörnchen in ihrer Tasche bleiben ihr von der alten Heimat. Auf der Flucht über die Türkei und die Balkanstaaten Richtung Westeuropa geraten die Flüchtlinge wiederholt in lebensgefährliche Situationen, finden aber auch Hilfe und Unterstützung durch Mitmenschen. In der Hoffnung, eine neue Heimat zu finden und eine Wohnung, die nur darauf wartet, von Dounia und ihren Großeltern bezogen zu werden, verfasst Dounia schließlich einen Brief – und der kommt tatsächlich an.

Wenn in Syrien die reifen Pistazien auf den Bäumen kurz vor der Ernte stehen und aufplatzen und in der Nacht auch noch der Vollmond scheint, ist das reine Poesie und Magie zugleich. In einer solchen wundersamen Nacht, die der Film gleich zu Beginn beschwört, haben Dounias Eltern ihr Kind gezeugt und in einer solchen Nacht wurde auch die Regisseurin Marya Zarif in Aleppo geboren. Aus ihren eigenen Kindheitserinnerungen ist zunächst ein von ihr gezeichneter Comic-Roman entstanden, dann eine animierte sechsteilige Serie und schließlich ihr animierter Debütspielfilm, bei dem sie zusammen mit dem Musiker und Produzenten André Kadi Regie geführt hat. Der Animationsstil ist sehr klar, einfach und verspielt gehalten, konzentriert sich auf die wesentlichen Details und macht die tragischen Momente selbst für ein junges Publikum erträglich und vor allem verständlich. Ganz aus der Perspektive der kleinen Dounia erzählt, handelt der Film zwar auch von Diktatur, Krieg und Flucht bis nach Kanada, wo die Regisseurin eine neue Heimat gefunden hat, aber auch von Mut, Resilienz, Hoffnung und Zuversicht. Dass die Erzählung trotz aller Schicksalsschläge der Familie stets in einer positiven Grundstimmung verbleibt, ist neben der bezaubernden Mädchenfigur zum großen Teil der Musik und den Liedern zu verdanken sowie den magischen und märchenhaften Elementen in leuchtenden Farben, aber auch in einigen Schwarzweiß-Sequenzen. Eine besondere Rolle spielen ein paar Migella-Samen, die Dounia auf der Flucht mitgenommen hat. Das aromatische Gewürz, das Dounias Großmutter bei der Käsezubereitung verwendet, kommt immer dann zum Einsatz, wenn sie dringend Hilfe von der Prinzessin von Aleppo benötigt, etwa nach dem Tod ihres geliebten Kanarienvogels Habibi und auf der abenteuerlichen und gefahrvollen Flucht über die Balkanroute. Diese Prinzessin heißt wie Dounias verstorbene Mutter Leyla. Sie verfügt über magische Kräfte, die alles Leid vergessen machen oder zumindest lindern. Auf diese Weise gelingt es dem Film, nicht nur Mitleid und Verständnis für Dounia zu wecken, sondern auch zu vermitteln, wie wichtig Hilfe und Unterstützung für diese Menschen ist.

Holger Twele

 

© DFF
8+
Animation

Dounia & The Princess of Aleppo - Kanada 2022, Regie: Marya Zarif, André Kadi, Festivalstart: 09.10.2022, FSK: ab , Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 72 Min. Buch: Marya Zarif. Musik: Pierre Yves Drapeau. Produktion: Tobo Media, Haut & Court. Verleih: offen