| von Stefan Stiletto

Nur ein Kinderfilm?

Manchmal flüchte ich bei Pressevorführungen aus dem Kino, sobald der Abspann begonnen hat. Wenn ein Film für Kinder wieder einmal nur auf eine lieblose, formelhafte Geschichte gesetzt hat, wenn Pupswitze die Stimmung erhellen sollten, wenn erwachsene – und noch dazu oft renommierte – Schauspieler ihre Rollen wieder einmal als eindimensionale Slapstick-Nummern angelegt haben. Es gibt Kinderfilme, die sind zum Fürchten. „Aber das ist doch ein Kinderfilm“, heißt es dann verteidigend. Oder schlimmer noch: „Aber das ist doch ‚nur‘ ein Kinderfilm!“ Und das geht einfach gar nicht.

Darf man von Kinderfilmen nicht ebenso viel erwarten wie von Filmen für andere Altersgruppen? Weil sich ein Film an Kinder richtet, muss er noch lange kein seelenloser, seichter und verlogener Blödsinn sein. Kinderfilme sind eben nicht gleichbedeutend mit Kinderkram. Aber genau diese Gleichsetzung ist eine Ursache dafür, dass vor allem im kommerziellen Kinderkino bisweilen so erschreckend uninspiriert und banal erzählt wird.

Das Problem ist das Bild, das manche erwachsene Filmschaffende von Kindern haben

Das Problem sind nicht die Kinder. Das Problem ist das Bild, das manche erwachsene Filmschaffende bewusst oder unbewusst von Kindern haben. Ein Bild, das geprägt ist von kleinen Wesen, denen man wenig zutraut, die nicht gefordert werden dürfen, die weder inhaltliche noch formale Ansprüche haben. Wer jemals gesehen hat, wie bereits Kleinkinder ihre Welt entdecken und glücklich sind, wenn man auf ihrer Augenhöhe mit ihnen spricht und ihnen Anregungen gibt, wie sie schon früh manche Bilder lieben und andere ablehnen, der weiß, wie falsch diese Einstellung ist. Den gegenwärtigen Entwicklungsstand der Kinder und ihre Erfahrungen in der Lebenswelt gilt es ernst zu nehmen, mit all den damit verbundenen Fähigkeiten und Kompetenzen.

Gibt es bei anderen Filmgattungen oder altersgruppenspezifischen Filmen eine ähnliche Argumentation? Aussagen wie „Das ist doch nur ein Dokumentarfilm“ oder „Das ist doch nur ein Erwachsenenfilm“? Nein. Nur im Bereich des Kinderfilms scheint man Abstriche machen zu dürfen oder gar zu müssen. Einen Film im Modus des „Nur-ein-Kinderfilm“ zu schreiben, zu produzieren, zu drehen – und ihn schließlich auch so zu sehen, bedeutet, nur halbherzig bei der Sache zu sein. Und im schlimmsten Fall ein klischeehaftes, altmodisches Bild von Kinderfilmen zu bedienen, das sich auf die Formel „bunt, komisch und schnell“ reduzieren lässt.

Was nicht heißt, dass Kinderfilme nicht auch bunt sein dürften. Und selbstverständlich ist dies auch kein Plädoyer dafür, dass das Kinderkino zu einer humorfreien Bildungsveranstaltung werden muss. „Trommelbauch“ von Arne Toonen ist ein wunderbares Beispiel, wie sich eine bonbonfarbene Welt mit einer guten Geschichte verbinden lässt. Es geht vielmehr darum, Kinderfilme als vollwertige Filme wahrzunehmen, an die man auch gewisse Ansprüche stellen darf. Filme, Fernsehsendungen und Serien für Kinder prägen deren Medienbiografien. Diese Bedeutung spielt ein „nur“ herunter.

Auch Filme für Kinder dürfen eine gewisse Fallhöhe haben

Im Kinderfilm ist vieles möglich. Schon deshalb, weil die Zielgruppe eben nicht einheitlich ist und man je nach Alter und Entwicklung anders für sie erzählen muss und auch erzählen kann – wir reden hier schließlich grob über die Altersgruppe der Vier- bis etwa Zwölfjährigen. Geschichten über den Tod, über Trauer und Sterben sind prinzipiell ebenso wenig tabu wie über belas-tende Erfahrungen und Lebenswelten, die nicht dem Heile-Welt-Klischee entsprechen. Sicherlich: Diese erfüllen nicht das Klischee vom stets lustigen Kinderfilm und sind keine „Feelgood-Movies“. Aber sie greifen Erfahrungen auf, mit denen auch Kinder schon konfrontiert werden. Kinder haben das Recht, dass man diese auch in Geschichten für sie ernsthaft und altersangemessen vielschichtig spiegelt. Sich auf die Augenhöhe von Kindern zu begeben, heißt nicht, dass man manche Dinge verschweigen muss. Man muss sie nur anders erzählen.

Vielleicht offenbaren manche der bemerkenswertesten Filme für Kinder der vergangenen Jahre deshalb auch eine tiefere Wahrheit, die zwar erst Erwachsene rational reflektieren können, die aber für Kinder emotional verständlich ist. „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Spike Jonze ist so ein Fall. Ein Film, der dem Geist des gleichnamigen Bilderbuchs von Maurice Sendak über ein Kleinkind, das lernen muss, mit seiner Wut umzugehen und sich dennoch auf die Liebe seiner Mutter verlassen kann, vollkommen gerecht wird und Grenzen auslotet. Schon Sendak wurde 1963 harsch kritisiert, weil seine Spiegelung unkontrollierbarer, negativ besetzter kindlicher Gefühle als so unpassend angesehen wurde. Auch Filme für Kinder dürfen eine gewisse Fallhöhe haben.

Im besten Falle können Filme zu Entwicklungsbegleitern von Kindern werden, wenn sie ihnen Geschichten erzählen, die sie betreffen und die mit ihren Erfahrungen in Verbindung stehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Geschichten nun humorvoll-leicht oder tragisch-ernst angelegt, in Fantasiewelten oder im authentischen Nahbereich angesiedelt sind: die künstliche Welt in „Pettersson und Findus“ von Ali Samadi Ahadi, das ironisch überzeichnete Berlin in „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Neele Leana Vollmar oder das sozialrealistische Umfeld in „Kopfüber“ von Bernd Sahling. Es ist spürbar, dass all diese höchst unterschiedlichen Filme mit einem guten Blick für ihr junges Publikum gedreht wurden.

Es ist höchste Zeit, die Bezeichnung Kinderfilm von ihrer negativen Konnotierung zu befreien. „Das ist ein Kinderfilm“, sollten Kinobetreiber, Verleiher, Marketingabteilungen und Produzenten voller Stolz sagen können. Ein Film, der Kinder in ihrer Entwicklung ernst nimmt. Ehrliches, vollwertiges Kino für junge Zuschauer, ganz ohne „Nur“-Einschränkungen. Dafür muss man sich weder schämen noch rechtfertigen.

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der Filmdienst-Beilage "Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz" (1/2015). Die Wiedergabe des Artikels an dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Filmdienst.

 

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