| von Klaus-Dieter Felsmann

Kinderfilme sind keine Puppenstuben

Nach vielen Jahren der Beschäftigung mit dem Film für das junge Publikum steht für mich eines fest: Wenn ich als Erwachsener von einem Angebot gelangweilt bin, dann langweilt es auch die von den Machern anvisierte Zielgruppe. Gewiss bewege ich mich in anderen Koordinaten, als dies Heranwachsende tun, doch gemeinsam ist uns ein und derselbe gesellschaftliche Kontext. Wenn ich via filmische Geschichten Einblicke in Kinderleben bekomme, so nehme ich sie vor der Folie meiner Weltsicht wahr. Umgekehrt gilt das genauso. Stellt sich dabei das Gefühl ein, eine Erzählung ist nicht stimmig, vordergründig konstruiert oder mit eindimensionalen Aussagen überladen, dann kann, wie gerade im Kinderfilm oft zu erleben, noch so viel kaschierendes Tschingderassabum inszeniert werden, der Film erzielt eine zweifelhafte Wirkung.

Es wäre allerdings ein Irrtum, wenn Nichtlangweilen als Synonym für Gefallen verstanden wird. Ob ein Kunstwerk dem Einzelnen gefällt, ist von vielen subjektiven Faktoren abhängig, so dass ein verallgemeinerndes Urteil allenfalls als Hinweis verstanden werden kann. Anders ist es hinsichtlich der Frage, ob eine filmkünstlerische Arbeit solcherart Impulse aussendet, die in der Auseinandersetzung damit Stellungnahmen bezüglich der eigenen Lebenswelt provozieren oder nicht. Die quietsch-bunte filmische Adaption von „Bibi & Tina“ durch Detlev Buck gefällt mir nicht. Ich muss aber zugeben, dass der Film formal konsequent gemacht ist. Das allein erklärt aber nicht, warum sich so viele Zuschauer – Kinder wie Erwachsene – durch ihn in hohem Maße angesprochen fühlen. Entscheidend dafür ist, dass er spiegelverkehrt einen interessanten Bezug zu unserer realen Lebenswelt herstellt. Natürlich nicht innerhalb der erzählten Geschichte. Hier werden wir in eine völlig überhöhte Traumwelt entführt. Doch diese Traumwelt steht dazu, Kehrseite unseres Alltags sein zu wollen. Das Kino wird auf einer solchen Grundlage für zwei Stunden zum Fluchtort vor allerlei Zumutungen des realen Lebens.

Gerade Produktionen für das junge Publikum können sich nicht – und sie lehnen das erklärtermaßen zum größten Teil auch ab – allein auf die Funktion eines Fluchtangebots beschränken. Angestrebt werden künstlerische Impulse, die den Zuschauer anregen, sich aktiv mit den eigenen Lebensfragen auseinanderzusetzen. Doch wie geschieht das allzu häufig? Orientiert am Dogma, die jungen Helden sollen am Ende auf der Leinwand sichtbar erfolgreich sein, werden triviale Erzählmuster bemüht, die an dramaturgische Strukturen von Seifenopern erinnern. Bedient wird die irrige Annahme, dass sich die positive Entwicklung einer filmischen Figur unmittelbar auf das Verhalten der Rezipienten überträgt. Dabei wird vergessen, dass ein Film seine Vollendung erst im Kopf des Zuschauers findet. Zu fragen wäre somit, ob er für dessen Lebensfragen genügend offene Anknüpfungsmöglichkeiten bietet. Werden Konflikte so gestaltet, dass alternative Lösungsansätze angeregt werden? Erweisen sich die Figuren deshalb als interessant, weil sie vergleichbare Brüche aufweisen, wie sie auch im Alltag zu erleben sind? Entsprechende Antworten lassen sich meiner Meinung nach am besten finden, wenn sich erwachsene Menschen, die für Kinder arbeiten, stets fragen: Richte ich gerade eine Puppenstube ein oder hat das, was ich mache, unmittelbar auch etwas mit mir zu tun?

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der Filmdienst-Beilage "Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz" (2/2015). Die Wiedergabe des Artikels an dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Filmdienst.

 

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