| von Horst Schäfer

Kinderfilm ist, wenn Kinder Filme sehen

Was ist Kinderfilm? Gute Frage! In Abwandlung des Zitats von Gert K. Müntefering „Kinderfernsehen ist, wenn Kinder fernsehen“ lässt sich darauf antworten: „Kinderfilm ist, wenn Kinder Filme sehen!“ Ganz egal, wo, wann und ob sie es sehen dürfen oder nicht. Ich unterscheide dann noch zwischen den Kindern als Zielgruppe und dem Kinderfilm als Genre. An Kinder als Publikum richten sich alle Filme, die für sie verständlich sind und unter Einhaltung des Jugendschutzes öffentlich vorgeführt werden. Das können Kinderfilme als Genre sein, aber beispielsweise auch Natur- und Tierfilme, Märchen- und Animationsfilme.

Beruflich hatte ich überwiegend mit dem Kinderfilm als Genre zu tun: mit Filmen, die gewisse Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Thematik, der Motive, der Symbole und der Handlungsschemata besitzen, in denen Kinder die Protagonisten sind und die potenziell von Kindern gesehen werden. Diese Filme orientieren sich an der Lebensrealität der Kinder (in Vergangenheit und Gegenwart) und wenden sich an die Altersgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen. Die Altersabgrenzung variiert selbstverständlich ebenso wie die Einhaltung der Genreregeln.

Kinderfilme sind Unterhaltungsware, deren Wert sich nicht nur am kommerziellen Ertrag misst. Für mich ist vorrangig der medienpädagogische Gebrauchswert bedeutend. Es geht darum, ob ein Film Identifikationsfiguren oder nachvollziehbare Situationen, emotionale, kognitive und ästhetische Erlebnisqualitäten bietet. Wenn erforderlich, sollen Lösungsmöglichkeiten und dialogstiftende Ansätze angeboten werden.

Maxim Gorki wurde einmal gefragt: „Wie muss man schreiben, wenn man für Kinder schreibt?“ Adaptiert man seine Antwort „Wie für Erwachsene, nur besser!“ auf den Film, so sind es für mich Regisseure wie Arend Agthe, Helmut Dziuba und Søren Kragh-Jacobsen, die diesem Anspruch auf Augenhöhe gerecht werden.

Kinderkino ist, wenn Kinder ins Kino gehen! Sieht man von nichtgewerblichen Initiativen nach dem Modell des „Kinderkino München“ ab, so sind es hier die kommerziellen Kinos in all ihren unterschiedlichen Ausformungen und Programmangeboten, die Kindern und Jugendlichen zugänglich sind. Für die Mediensozialisation sind diese Orte ebenso wichtig wie die Filme.

Das war in der Vergangenheit nicht anders – vielleicht sogar interessanter und spannender. Über Kinder als Zuschauer der frühen Filme im Jahrmarkts- oder Wanderkino gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Erst mit den ortsfesten Kinematographen lässt sich ein Kinopublikum beschreiben. Schon vor 1914 setzte eine Diskussion über die Regelung der Zulassung von Kindern zu Filmvorführungen ein. Abends galt zwar ein Kinderverbot, aber nachmittags gehörten ihnen die Kinosäle. Und was sie sahen, war praktisch alles, was gezeigt wurde. Für die Pädagogen waren es Stätten der Unmoral, und aus den Polizeiakten ist über Kinder im Kino mehr zu erfahren als aus der Tagespresse oder Fachpublikationen.

Als die Kinos die Varietés ablösten und erste Kinopaläste entstanden, gab es dann eigene Vorstellungen für Kinder, zum Beispiel am Sonntagnachmittag und an Feiertagen. Gezeigt wurden Detektivfilme, Abenteuer von beliebten Helden in Indianer- und Trapper-Geschichten sowie Märchen- und Silhouettenfilme. In den Polizeiakten befinden sich etliche Protokolle, in denen von Tumulten und Krawallen berichtet wird. Eine Aufarbeitung dieser lebhaften Epoche steht noch aus. Ansätze dazu finden sich in den Biografien bekannter Literaten, Filmkritiker und Kinobetreiber sowie in der Erforschung lokaler und regionaler Kinogeschichte.

Mein Kinderkino war in den Nachkriegsjahren das „Roland“ in einem Vorort von Duisburg; ein großer Raum, der zu einem Wirtshaus gehörte und der über die gemeinsame Toilette im Hof für clevere Jungs erreichbar war. Dort sah ich alles, was lief: von Filmen mit Tom Mix bis zu „Fu Man Chu“, aber auch „Das Dschungelbuch“ (1942) von Zoltan Korda und die „Kinder von Mara-Mara“ (1947) aus Australien von Ralph Smart. Besonders erinnere ich mich noch an den Kinderbanden-Film „Sündige Grenze“ (1951) – ein Film, den ich heute gerne einmal wieder sehen möchte.

Horst Schäfer Jahrgang 1942, ist freier Autor und Publizist. Von 1982 bis 2007 war er Leiter des Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrums (KJF), von 2003 bis 2010 Mitarbeiter im Drama Department des BKM. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen als Herausgeber zählt das Lexikon des Kinder- und Jugendfilms im Kino, im Fernsehen und auf Video.

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der Filmdienst-Beilage "Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz" (2/2016). Die Wiedergabe des Artikels an dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Filmdienst.

 

Zurück