| von Anja Flade-Kruse

Emanzipiert die Kinder!

Als kleines Kind habe ich fast nie Kinderbücher gelesen, geschweige denn mir Kinderfilme angesehen. Natürlich gab es damals Kinos in Holland. Aber wir sind nicht hingegangen. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich meine 82-jährige Mutter fragen, die heute, wie die meisten älteren Menschen, geradezu filmverrückt ist.

Auch viele Klassiker unserer berühmten niederländischen Kinderbuchautorin Annie M.G. Schmidt wurden mir nie vorgelesen; Geschichten über Katzen, die sprechen können („Die geheimnisvolle Minusch”), oder über einen Jungen, der einen kleinen Kranwagen fährt, um einen Wald in der Umgebung zu retten („Pluck mit dem Kranwagen”).

Auch mein Vater, ein freundlicher Diktator, las nie ein Kinderbuch. Für ihn bestand Bildung darin, zum Geburtstag Bücher wie „Walden Two” des US-amerikanischen Behaviourismus-Psychologen B.F. Skinner zu verschenken oder uns Tag für Tag mit den Texten des genialen, aber umstrittenen deutschen Komponisten Wagner zu „erfreuen”. Als das Fernsehen Teil unseres Haushalts wurde, pflegte er ins Zimmer zu kommen und uns zu rügen: Wir seien faul und sollten etwas Nützliches mit unserem Leben anfangen. Wahrscheinlich werden meine Söhne in zehn Jahren dasselbe über mich sagen, wenn sie meine Reaktion darauf beschreiben, dass sie endlos am Computer spielen.

Ich bin in den 1970er-Jahren im Süden Hollands aufgewachsen. Wir gingen jede Woche in die Kirche, das war unser Unterhaltungsprogramm. Dort durften wir während der Rhythmusmesse Flöte spielen. Außer der Kirche gab es die Schule. Zuhause spielten wir mit den Geschwistern. Filme waren so gut wie kein Bestandteil meines Alltags, geschweige denn Bilder, die für mein Alter gemacht waren. Damals war es einfach nicht üblich, sich zweimal im Jahr mit seinen Kindern einen Film anzusehen oder gar von klein auf mit Büchern oder speziell für Kinder gemachten Filmen aufzuwachsen.

Heute werden in den Niederlanden jeden Monat prächtige Bilderbücher veröffentlicht, abenteuerliche Romane finden sich in jeder Schulbücherei, in jedem Kino werden fantastische Kinderfilme gezeigt. Allgemein wird es als riesiger Fehler erachtet, wenn all dies nicht zum Aufwachsen dazugehört. Sogar die Schule und deine Freunde werden dich mit dieser niederländischen Kinderkultur in Berührung bringen, falls es die Eltern nicht tun. Der Bilderkonsum eines Kindes in den Niederlanden ist unglaublich groß. So groß, dass unsere Generation sich bereits Sorgen macht, die nachwachsende Generation könne kaum noch richtig niederländisch sprechen und lesen oder habe an nichts anderem mehr Interesse als an Filmen.

Zu der Zeit, in der ich aufwuchs, gab es für Kinder keine Unterhaltung, die sich von der für Erwachsene unterschieden hätte. Die Notwendigkeit, Kinder besonders anzusprechen und sie als Publikum mit besonderen Bedürfnissen ernst zu nehmen, kam niemandem in den Sinn. Noch ein halbes Jahrhundert bevor ich geboren wurde, hatten Frauen nicht das Recht zu wählen – nur um zu zeigen, wie schnell Emanzipationsprozesse voranschreiten können.

Seit 1995 schenkt man dem niederländischen Kinderfilm Beachtung und hält ihn für so wichtig, dass daraus eine Marke wurde. Und ein wichtiges kulturelles Exportprodukt für die Niederlande. Filme für Kinder zu produzieren ist in Holland inzwischen ebenso wichtig wie Filme für Erwachsene zu machen. In den letzten zehn Jahren waren die erfolgreichsten niederländischen Filme oft Kinderfilme, zugleich wurden sie am häufigsten mit Preisen ausgezeichnet. Warum ist das so? Weil sich in unserer Gesellschaft seit Anfang der 1980er-Jahre etwas drastisch verändert hat: Kurz nach Ende der Flower-Power-Zeit war das Aufwachsen in Familien weniger mit Regeln verbunden. Das gab uns die Möglichkeit, Kinder zu beachten und sie nicht nur zu beaufsichtigen. Plötzlich wurden ihre Gedanken und Gefühle ernst genommen. Als Erwachsene antiautoritär wurden, beeinflusste dies auch die Kinder – und zog die Erfolgsgeschichte des Kinderfilms nach sich.

Ein solches Recht auf Inhalte, speziell hergestellt für Kinder, ist in den meisten Ländern der Welt heute noch nicht normal. Denken Sie etwa an China oder Indien: Dort gibt es keine lebhafte Kinderkultur, geschweige denn eine lebhafte Kinderfilmkultur. Das hat mit der Emanzipation von Kindern in diesen Ländern zu tun. Die Entwicklung von Kinderfilmen geht Hand in Hand mit der Entwicklung der Emanzipation von Kindern – und solange Kinder nicht als selbstständige menschliche Wesen mit eigener Stimme anerkannt werden, wird es keine lebhafte Kinderfilmkultur geben. Also wird es auch keine strukturelle Unterstützung für Kinderfilme durch Fördergelder und Fernsehsender geben.

Wenn man darüber nachdenkt, wie der Kinderfilm verbessert werden kann, muss man in Betracht ziehen, wie emanzipiert Kinder in den jeweiligen Ländern sind. Das Recht auf Bildung und das Verbot von Kinderarbeit sind unglaublich wichtig in diesem Zusammenhang. In gewisser Weise ist es somit leicht, stolz auf unsere eigene blühende Kinderfilmkultur zu sein, weil die Emanzipation unserer Kinder anderen Ländern weit voraus ist.

Aber ich denke, dass wir etwas Wichtiges tun können, um den Kinderfilm weltweit zu verbessern: Wir sollten weniger an Gegengeschäfte und vor allem nicht nur an die eigenen finanziellen Vorteile denken, wenn wir Co-Produktionen zwischen uns und Ländern mit einer weniger entwickelten Kinderfilmkultur unterstützen, sondern mehr an die Auswirkungen unseres Kulturaustauschs. Es liegt im Interesse einer weltweit vielfältigen Kinderfilmkultur, andere Länder dabei zu unterstützen, Filme ausschließlich für Kinder herzustellen.

Lassen Sie uns in die Fußstapfen des diesjährigen Programms von „Berlinale“-Generation treten: Lassen Sie uns regelmäßig Filme aus dem Iran, aus Peru, der Türkei, aus Indien, China, Russland und Lettland unterstützen, damit wir mehr schöne, herzzerreißende, wichtige, dringliche und unterschiedliche Kindergeschichten aus aller Welt sehen.

Leontine Petit ist als Leitende Geschäftsführerin Produktion bei Hamster Film sowie der niederländischen Produktionsfirma Lemming Film für Entwicklung/Finanzierung verantwortlich. 2003-07: Vorstandsmitglied der Binger Filmlab und im Vorstand des niederländischen MEDIA Desk. 2005-09: Beraterin für den Filmausschuss des niederländischen Rates für Kultur. Sie unterrichtet regelmäßig an verschiedenen Hochschulen.

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der Filmdienst-Beilage "Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz" (1/2016). Die Wiedergabe des Artikels an dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Filmdienst.

 

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