| von Stefan Stiletto

Eine bunte Herausforderung!

Ich erinnere mich. Filmhochschule. Innen. Tag. Im großen Kino schnattern Schulklassen bunt durcheinander. Sie sind eingeladen zur Premiere des Kinderfilms „Flachschwimmer“. Mein erstes Drehbuch, das verfilmt wurde! Ob sie merken werden, dass ich am Anfang meines Studiums eigentlich gar nicht genau weiß, wie Drehbuchschreiben geht? Dass die Geschichte viel mit mir und meinem Erleben als Kind zu tun hat?

Ich sitze aufgeregt zwischen den Kindern. Unerkannt. Es wird dunkel im Saal, der Film beginnt. Anfängliches Quatschen und Kichern legt sich, als die Geschichte Fahrt aufnimmt: eine Dreiecks-Liebesgeschichte. Zwei unterschiedliche Jungs, ein selbstbewusstes Mädchen. Jeder Witz, der nicht zündet, bereitet mir förmlich körperliche Schmerzen. Über ein Jahr haben wir das Drehbuch entwickelt, hätten beinahe die Grundidee verloren, als die Redakteurin befürchtete, dass das Schreiben von Liebesgedichten zu unmodern wirkt, und sie fragte, ob nicht stattdessen tolle E-Mails verfasst werden könnten. Ein langer, steiniger Entwicklungsprozess liegt hinter mir, uns, den jetzt auf der Leinwand keiner sehen kann. Es wird hell, die Kinder klatschen. Ich bin erleichtert. Scheinbar hat es ihnen gefallen. Kinder zeigen sehr deutlich, wenn sie gelangweilt sind oder etwas doof finden. Es ist kein Verstecken möglich hinter intellektuellen Ergüssen zu eigentlich missglückten Szenen. Weil Kinder nur interessiert, was sie sehen, filmisch erleben. Und nicht, was sich irgendwann irgendwer dabei gedacht hat.

Fast 15 Jahre später, um einige Erfahrungen im Schreiben reicher, glaube ich noch immer an das Authentische, das Wahrhaftige, das kleine und große Zuschauer in einem Film erspüren können, das gute von schlechten Filmen unterscheidet. Ich glaube an starke, überraschende Figuren. Und an Konflikte, Konflikte, Konflikte. Weil Menschen daran wachsen, manchmal sogar über sich hinauswachsen. Weil Kinder manches als bedrohlich empfinden, Konflikte weh tun können und manchmal unlösbar erscheinen, aber Filmhelden ihnen zeigen können, wie sie damit umgehen, wenn nicht alles glatt läuft. Anders als im wirklichen Leben können sich im Film Probleme sehr schnell in Luft auflösen. Zwischen einem Happy End und der nicht allzu einfachen Lösung einer Geschichte die Balance zu finden, ist schwer.

Herausfordernde Geschichten leicht und heiter erzählen und eine authentische, reale Lebenswelt kreieren, das will ich schaffen. Keine Baumhaus-Villen-Idylle mit vorhersehbaren Geschichten und Bildern wie aus der Werbung. Aber auch keine Problemfilme für Kinder erzählen, die sie nur notgedrungen anschauen. Jeder will eine herausfordernde Geschichte bunt, lustig und spannend aufschreiben, könnte man jetzt dazwischenrufen. Stimmt, aber nur wenigen gelingt das. Weil im Entwicklungsprozess eines Drehbuches dann eben doch die alleinerziehende, gern mal eine Flasche Rotwein trinkende Mutter mit Hang zum Chaos, die am Rande eines hässlichen Industriehafens mit ihrem Sohn lebt, zu deprimierend erscheint und durch eine farblosere oder überzeichnete Figur ersetzt wird. In dem fantastischen Film „Der stärkste Mann der Niederlande“ (Niederlande 2011) wird gezeigt, wie eben diese Mutter sehr sympathisch wirken kann.

Ich wünsche mir, dass ich als Drehbuchautorin mehr wage, dass ich mehr in die Alltagsfähigkeiten der Kinder vertraue, mehr Mut aufbringe, ihnen etwas zuzutrauen, gar zuzumuten. Um sie stark zu machen für das, was Leben heißt. Wie großartig, wenn die Menschen im Kino lachen und weinen. Diese Emotionen möchte ich Kindern nicht vorenthalten. Dabei fühle ich mich beim Schreiben immer wieder wie damals, an der Filmhochschule: unsicher, von Versagensängsten geplagt, angewiesen auf Mitstreiter, die mir den Rücken stärken, mit mir gemeinsam diesen Weg gehen wollen. Und ertrage tapfer, wenn meine Kinder die bunten, omnipräsenten Großproduktionen und eben nicht die kleinen Filmproduktionen ohne Geld für viel Werbung als ihre Lieblingsfilme nennen. Sie sollen dennoch beides kennenlernen. Schließlich schaue ich auch viele verschiedene Filme und kann doch sagen, welcher Film mich wirklich tief berührt hat und mir im Gedächtnis bleibt. Solche Filme möchte ich für Kinder schreiben. Mit der Gefahr, zu scheitern.

Anja Flade-Kruse Geb. 1978 in Jena, freie Drehbuchautorin seit 2006. Studium der Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf; Abschlussfilm: „Seemansbräute“ (2006, mit Solveig Willkommen). Das im Rahmen der Spielfilmgruppe der Akademie für Kindermedien 2007/08 entwickelte Drehbuch „Jump for Life“ wurde mit dem Preis der Mitteldeutschen Medienförderung ausgezeichnet. 2013 erhielt ihr Treatment zu „Die Brüder Boateng“ eine Projektförderung im Rahmen der Initiative „Der besondere Kinderfilm“. Seit mehreren Jahren schreibt sie zudem für die Fernsehserien „Kikaninchen“ und „Löwenzähnchen“ sowie für „Großstadtrevier“. Filmografie (Auswahl) „Änderungen vorbehalten“ (1997, mit Anne-Kristin Jahn) „Flachschwimmer“ (2001) „Bei uns“ (2002) „Micha – Jetzt lebe ich“ (2013) „Die Brüder Boateng“ (2013/14)

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der Filmdienst-Beilage "Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz" (4/2015). Die Wiedergabe des Artikels an dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Filmdienst.

 

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