| von Bettina Henzler

Die Kategorie "Kinderfilm"

„Kinderfilm“ ist eine normative Kategorie: Sie basiert auf Vorannahmen über Kinder, denen bestimmte Sehgewohnheiten, Vorlieben, Wahrnehmungs- und Verstehensweisen zugeschrieben werden. Diese Annahmen haben auf die Auswahl und Produktion von Filmen für Kinder Einfluss, sie geben oftmals sogar Plotstrukturen und Ästhetiken vor.

Aber es ist zu bezweifeln, dass solche normativen Vorgaben für kreative Prozesse förderlich sind. In der Praxis führen sie oft dazu, dass wohlmeinende Botschaften in die gerade „modernen“ Konventionen filmischen Erzählens gekleidet werden. Ebenso problematisch sind die Auswirkungen auf die Auswahl von Filmen für Kinder. So besteht die Gefahr, dass Filme, die nicht etablierten Vorstellungen des Kinderfilms entsprechen, für Kinder häufig gar nicht in Betracht gezogen werden – beispielsweise nicht-narrative Genres wie Experimental- oder Dokumentarfilme, Filme aus anderen Zeiten, mit ungewohnten ästhetischen Formen, Filme, die rätselhaft bleiben und nicht in einfache Botschaften übersetzbar sind. Damit wird das bildende Potenzial von Filmen, welche aufgrund ihrer audiovisuellen Form Seherfahrungen ermöglichen, die nicht (allein) über das Verstehen verlaufen, und welche erst in ihrer ästhetischen Vielfalt auch eine Vielfalt an Welt-Anschauungen eröffnen, ausgeklammert. Unbeachtet bleibt zudem die Erkenntnis zeitgenössischer Erziehungswissenschaft, dass Fremdheitserfahrung – also die Konfrontation mit dem, was ungewohnt und nicht sofort verständlich ist, was Fragen nicht beantwortet, sondern aufwirft – Bildung erst ermöglicht.

Die Kategorie des Kinderfilms scheint mir darüber hinaus noch einen weiteren Effekt zu haben: Sie verleitet dazu, „Kinderfilme“ als „nicht für Erwachsene“ einzustufen – was in der Auswertung dazu führen mag, dass es beispielsweise Autorenfilme mit Kindern in den Hauptrollen schwer haben, ein erwachsenes Publikum zu finden.

Auch in Frankreich gab es in den 1970er-Jahren Debatten um die Produktion und Auswahl qualitativ hochwertiger Filme für Kinder. Allerdings entschied man sich von Seiten der öffentlichen Filmförderung CNC und des Programmkinoverbandes AFCAE dafür, nicht in die Produktion von Filmen für Kinder, sondern in den Vertrieb und die Vermittlung von Filmen aus aller Welt zu investieren, die auch (und nicht ausschließlich) für Kinder geeignet sind. Dementsprechend hat sich die Kategorie des Kinderfilms dort nicht in gleichem Maße wie in Deutschland durchgesetzt.

Das Äquivalent „film pour enfants“ (Film für Kinder) ist offener und weniger besitzanzeigend als das deutsche „Kinderfilm“ oder auch das englische „children’s film“. Und es fordert einen kontextualisierenden Zusatz (etwa: Filme, die für Kinder produziert, ausgewählt, geeignet sind), anstatt eine Eigenschaftsbestimmung zu suggerieren. Während in Deutschland auch die Filmbildung an den Schulen gerade bei jüngeren Kindern auf einschlägige Kinderfilmproduktionen setzt, wird in Frankreich seit Ende der 1980er-Jahre Filmbildung anhand einer Vielfalt von Werken der internationalen Filmgeschichte gefördert – auch in den Grundschulen.

Es mag daher auch kein Zufall sein, dass in Frankreich eine bemerkenswerte Anzahl an Autorenfilmern mit Kindern in Hauptrollen gearbeitet haben, von François Truffaut und Agnès Varda über Maurice Pialat und Jacques Doillon zu Sandrine Veysset – hier scheint Kindheit ein Thema zu sein, das alle angeht, nicht ausschließlich Kinder, Eltern und Pädagogen.

Werden Kinder nicht gerade dann ernst genommen, wenn Regisseure sich im Produktionsprozess mit Kindheit befassen? Wenn sie sich in der Arbeit mit individuellen Kindern als Darstellern und mit der Erinnerung an die eigene Kindheit auseinandersetzen und dabei die passenden Formen und ästhetischen Mittel erst suchen – anstatt von bewährten Mustern von Kinderfilmen oder Annahmen über ein „normiertes“ kindliches Publikum auszugehen? In diesem Sinne plädiere ich dafür, zwischen dem Kinderfilm (als einem für Kinder als Zielgruppe produzierten Film), und Filmen, die Kindern gezeigt werden können, zu unterscheiden. Das könnte dazu beitragen, den Horizont dessen zu erweitern, was Kinder heute sehen und was ihren Blick auf das Kino und die Welt prägt.

Bettina Henzler, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Bremen, Institut für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik. Derzeit arbeitet sie an dem DFG-geförderten Forschungsprojekt „Filmästhetik und Kindheit“. Seit 1998 ist sie zudem freiberuflich als Autorin, Referentin und Projektleiterin im Bereich der Filmvermittlung tätig, unter anderem von 2003 bis 2011 als Projektleiterin von Cinéfête. Sie hat zu den kulturgeschichtlichen und theoretischen Kontexten der Filmvermittlung von Alain Bergala promoviert („Filmästhetik und Vermittlung“, Marburg 2013).

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der Filmdienst-Beilage "Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz" (4/2016). Die Wiedergabe des Artikels an dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Filmdienst.

 

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