| von Christian Exner

Der Jugendfilm ist zu schade, um ihn nur der Jugend zu überlassen

Jugendliche stehen vor der Herausforderung ihre eigene Identität zu formen und sich als eigene Persönlichkeit zu etablieren. In diesem Prozess bietet der Film symbolische Verhandlungsfelder und macht Identifikationsangebote. Damit verbunden sind ganz essenzielle Sinnfragen sowie die Suche nach Orientierung. Und dann gibt es da noch die vielen individuellen Premieren im Leben eines Heranwachsenden: die erste Liebe, der erste Aufbruch zu einer großen Reise, die ersten Schritte in ein selbstständiges Leben, begleitet vom Gefühl der eigenen Stärke und Wirksamkeit oder von der Verzweiflung über das Gegenteil. Denn auch Stagnation oder Depression können eintreten – sowohl im eigenen Leben als auch in der Gesellschaft insgesamt. Highlife und Horror liegen dicht beieinander.

Authentische Stoffe, große Fallhöhen

Es gibt also viele Gründe, weswegen die Jugendphase von Herausforderungen geprägt ist, die ein hohes dramatisches Potenzial bergen. In der Jugend erlebt man Entpuppungen, Wendepunkte, ungeahnte Konflikte und man steht vor großen Aufgaben. Das alles ergibt wunderbare Stoffe für spannende Filmplots. Fallhöhen sind garantiert.

Auch werden und wurden filmische Newcomer*innen in den Filmhochschulen dazu animiert, von dem zu erzählen, was ihnen vertraut ist. Da landen sie nicht selten in der Aufarbeitung ihrer mehr oder weniger bewältigten Jugend. Aber was ist Jugendfilm eigentlich außer der Identifikationsfolie für spezifische Entwicklungsaufgaben, vor denen man in einem spezifischen Alter steht?

Jugendfilm als Retrospektive – und als schriller Spiegel diffuser Gefühle

Jugendfilm kann ein Film über Jugend sein: analytisch, retrospektiv – aus der Sicht eines Erwachsenen auf eine vergangene Ära. Er kann einen Appell an die Gesellschaft richten, auf die zu schauen, die noch nach einem Weg in die Gesellschaft und durch das Leben suchen. Vielleicht stellen diese „noch nicht ausdefinierten Persönlichkeiten“ die Standards und Konventionen dieser Gesellschaft en passant in Frage, weil sie so sind, wie sie sind: suchend, unangepasst, rebellisch, leidenschaftlich und fordernd. Dieser Jugendfilm blickt auf die Jugend und muss nicht unmittelbar interessant sein für Jugendliche.

Was macht hingegen Komödien wie „Fack ju Göhte“ (Bora Dagtekin, 2013), die „Hangover“-Filme (Todd Phillips, 2009, 2011, 2013) oder High-School-Filme in den Augen Jugendlicher so reizvoll? Handelt es sich dabei um die wahren Jugendfilme? Sie sind ordinär, laut, schrill, scheren sich keinen Deut um Anstand, Geschmack und politische Korrektheit. Doch sie sind jenseits cineastischer Kategorien zumindest eines: krampflösend. Krämpfe und Schamgefühle gibt es offenbar zuhauf in der Jugend.

Wenn man von den Interessen Jugendlicher ausgeht, dann liegen spezifische Genres im engeren Interessenkreis junger Menschen. Der Horrorfilm – so sehr dieser ein Horror für Jugendschützer*innen ist – erfüllt viele Funktionen für Jugendliche, als Initiationsritus, als Halloween-Ritual, als Inbegriff aller diffusen Ängste und aller Urängste, als Trainingsfeld für die Angstkontrolle. Zugleich ist er das Menetekel der grassierenden Verrohung in den Augen besorgter Erwachsener. Das Horror-Filmerlebnis kann auch wunderbar von anderen Zumutungen des Alltags ablenken. Denn wenn die Gänsehaut-Affekte heftigst stimuliert werden, treten alle anderen Ängste und Nervereien in den Hintergrund. Vorübergehend zumindest.

Nah dran ist auch der dystopische Science-Fiction-Film. Die moderne Industriegesellschaft, die Mega-Technologisierung im Computerzeitalter und auch der Optimierungsdrang haben offenbar den Stress hervorgebracht, der dazu führt, dass Jugendliche keine andere Chance sehen, als in zynischen „Hunger Games“ ihre Haut zu retten. Das ist aber auch die intelligentere Alternative zur Inszenierung einer Jugend, die ihre Haut im Fernsehen in Castingshows zu Markte trägt. Sind nicht Schule und Ausbildung irgendwie auch „Hunger Games Light“?

Altmodisch ist nicht nur unser Verständnis vom Kino, sondern auch der Begriff Jugendfilm

Altmodisch jedoch ist es, das Kino dabei überzubewerten. Lange war der Kult um Leinwandmythen und Schauspieler*innen-Idole anschlussfähig für Jugendsubkulturen. Und sowieso hatten Aktivitäten außerhalb von Elternsphären ihren Reiz. Heute aber ist das Kino nicht mehr der bevorzugteste Freizeitort Jugendlicher. Längst haben sie als Alternative zur Kinoleinwand ihren eigenen Screen: Und der bietet weiterhin reichlich Anschauungsmaterial für die typischen Aspekte des Heranwachsens. Filme und Serien bleiben den Jugendlichen erhalten und den Filmemacher*innen die jungen Zuschauer*innen. Man darf sich nur nicht mehr allein auf das Kino verlassen.

Als operativer Begriff ist zudem „Jugendfilm“ eine völlig altmodische Kategorie: Bildungsbeflissene Cineast*innen definieren Jugendliche als nicht ausgewachsene Zuschauer*innen, denen man die Pfade des verfeinerten Geschmacks vor Augen führen muss. Das ist eine sehr bürgerliche Attitüde, die von der Warte eines kanonisierten Wissens ausgeht und die feinen Unterschiede von Klasse, Alter und Geschlecht ausblendet. Pädagog*innen erklären Jugendlichen die Filmkunst. Ein offener Dialog zwischen Jung und Alt wäre schöner und pädagogisch moderner.

Eine genuine Kategorie des kinematografischen Erzählens

Was kann „Coming of Age“ – das inzwischen eingebürgerte Synonym für Jugendfilm – noch sein? Ein Zustand der Unruhe und der explosiven Gefühle. In keiner Altersphase schwingen die emotionalen Amplituden so weit aus: Pubertät ist tendenziell borderlinig. Emotionalität und Drama, aber auch großes Abenteuer – aus diesen Ingredienzien speist sich das Kino und deshalb ist der Coming-of-Age-Film eine absolut genuine Kategorie des kinematografischen Erzählens. Kann sein, dass manche sich für die Poster in ihrem Jugendzimmer später schämen. Aber wer die Leidenschaften des Coming-of-Age-Films nicht spürt, der hat seine Sensorik für einen Teil des Kinos stumpf werden lassen.

Es kann sogar sein, dass bisweilen Jugendliche selbst den Appeal des Coming-of-Age-Films nicht spüren. Denn wer als Jugendlicher ein spezifisches Problem mit seinem Heranwachsen hat, der kann ein wenig blind sein für die Betrachtung seines Zustands. So wie jene, die unter Tinnitus leiden und manchen Ton in der Musik nicht recht wahrnehmen oder würdigen können. Einfach weil dieser Ton permanent da ist und sich in den Vordergrund spielt. Kurzum: Die Jugend ist zu schade um sie nur Jugendlichen zu überlassen. Dasselbe gilt für den Jugendfilm.

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