Magische Momente | | von Horst Peter Koll
Wellenzauber
Eine Szene aus Ron Clements’ und Jon Muskers „Vaiana“ (2016).
Im CGI-Animationsfilm „Vaiana“ geht es vor allem ums Meer: das Meer als Ort der Sorglosigkeit, der Verspieltheit und der grenzenlosen Lebensfreude, vor allem aber der unvernünftig trotzigen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das Meer wird zu einer magischen, lebendigen Persönlichkeit. Was den Vergleich mit dem gleichnamigen neuen, vermeintlichen realen Remake aufdrängt – und damit zu der Frage führt: Warum ist das Zauberhafte in diesem weggeschwemmt worden?
„Am Anfang gab es nichts als den Ozean.“ So erzählt es Vaianas Großmutter Tala, und schon als tapsiges Baby saugt ihre Enkelin die Schöpfungsgeschichte ihres polynesischen Volkes tief in sich ein: das Meer als Ursprung allen Lebens, als Symbol für Verwandlung und Erneuerung. Vaiana fühlt sich vom Meer magisch angezogen, furchtlos staunend folgt sie seinem Lockruf: Das Meer führt und verführt sie, lockt sie in ein „Zimmer“ mit transparenten Wasserwänden, bäumt sich vor ihr als mächtig-prächtige Welle auf – als Freund und Verbündeter, quasi als „schwärmende Schwarmintelligenz“, die sagt: Zusammen können wir kluge Entscheidungen treffen, gemeinsam können wir alles richtig machen.
Für diesen utopischen Ideenkosmos erfand das CGI-Animationsteam des Disney-Studios vor zehn Jahren das Bild der Welle förmlich neu: Dank immenser Rechenleistung und ausgefuchster Software wirkt in „Vaiana“ (Ron Clements, Jon Musker, 2016) das Wasser so realitätsgetreu und zugleich kunstvoll wie nie zuvor. Die Welle wird zur eigenständigen Persönlichkeit, schillernd in unendlich vielen Blau-, Grün- und Türkistönen, auf den schäumenden Kronen glitzernd wie Schnee, elegant und schwerelos wie die aufsteigenden Sauerstoffperlen. Ob sanft ans Ufer schwappend, ob unergründlich als tiefes Gewässer oder als sturmumtostes Kraftfeld: Magisch und mächtig wird das Meer zum Sinnbild einer unbändigen Lebenskraft.
Das Meer als Gegenspieler
Schon als man noch nicht einmal im Traum an all die digitalen Möglichkeiten dachte, gehörte das Meer zum Themenkanon von Walt Disneys Zeichentrickfantasien. So genießen Micky und Minnie Maus, Donald Duck und Pluto im fröhlichen Kurzfilm „Ferien auf Hawaii“ („Hawaiian Holiday“, 1937) von Ben Sharpsteen ihren Südseeurlaub, während Goofy surfen möchte und sich einen grandiosen Kampf mit der Welle liefert. Obwohl das Meer ihn damals weder wollte noch brauchte, ritt Goofy mit stoischer Ignoranz auf der Welle, mochte sie ihn auch noch so oft torpedieren.
Das Meer in dir
Heute haben sich die Verhältnisse verschoben, Mensch und Meer müssen sich neu ins Verhältnis setzen. So gesehen, geht es in „Vaiana“ um nichts weniger als um die Fortentwicklung des Menschen hin zu einer verantwortungsbewussteren Lebensform. Wobei die große Geste der Welle nunmehr ganz dem Weiblichen gilt: Das Meer trägt, ermuntert und beschützt Vaiana, die durch ihr wechselvolles Abenteuer förmlich hindurchgleitet. Es ist wie ein Hinausgleiten ins Universelle, ins zeitlos Schöne – so schön wie die Welle selbst.
Einst malte Michelangelo seine „Erschaffung Adams“ mit Frischputz und Pigmenten an die Decke der Sixtinischen Kapelle, heute „malt“ Disney seine eigene ikonische Szene mit unendlich vielen Bits und Bytes auf Kinoleinwände und Flachbildschirme. Die Welle und Vaianas Finger berühren sich, sozusagen zur „Erschaffung Vaianas“, gespeist von der unvernünftig-trotzigen Hoffnung auf die Zukunft.
Nun reproduziert das pseudo-realistische „Vaiana“-Remake von Thomas Kail (2026) den animierten Vorläufer, akribisch, fleißig und doch seltsam schal. Eigentlich ist das aktuelle Spiel (mit) der Welle gar nicht so sehr anders, und doch gibt es eine gefühlte Fallhöhe: den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen „real“ und „realistisch“. Der frühere „Vaiana“-Film lebte von der utopischen Beschreibung, wie es in der Realität sein könnte, und das war – und ist! – weit schöner als die vermeintlich „wirkliche“ Geschichte. Im direkten Vergleich ist die neue „Vaiana“ nur eine Pose. Oder, um es mit einem Pop-Song aus den 1960er-Jahren zu sagen, „a whiter shade of pale“.
