Magische Momente | | von Stefan Stiletto
Mein Pferd, dein Pferd, unsere Welt
Eine Szene aus Sonja Maria Kröners „Pferd am Stiel“ (2026)
Zwei Mädchen treffen sich auf einer Wiese. Die eine hat ein Steckenpferd in der Hand, die andere führt ein Pferd an der Leine. Große Unterschiede, ganz offensichtlich. Doch dann passiert etwas Überraschendes. Ein Blick auf einen feinen kleinen Dialog, der nachhallt.
Sarah ist traurig und enttäuscht. Sie hatte einen schlimmen Krach mit ihrer besten Freundin Dilek. Als in der Schule ein Video aufgetaucht ist, das Sarah und Dilek mit Steckenpferden beim Hobby Horsing zeigt, sind die beiden das Gespött der Klasse. Für Dilek ist das eindeutig zu viel. Sie hatte die neue Begeisterung ihrer besten Freundin für diese Sportart eh nicht geteilt und war nur dabei, um Sarah eine Freude zu machen. Während Dilek sich nun schämt, will Sarah sich nicht von ihrem neuen Hobby abbringen lassen.
Ein kleiner feiner Dialog
Allein geht Sarah über ein Feld und trifft dort auf Beatrice. Sarah hält ihr selbst gebasteltes blaues Steckenpferd mit dem pinken Haarwirbel in ihrer Hand, Beatrice führt ihr echtes Pferd an der Leine. Ein Gespräch beginnt. Beatrice erzählt, dass ihr Pferd gerade vor einem hupenden Auto gescheut habe. Sarah antwortet, dass ihr (Stecken-)Pferd auch sehr schreckhaft sei. Kurzes Schweigen. „Was ist deins für ein Pferd?“, fragt Sarah. Beatrice antwortet, und fragt nach kurzem Zögern ebenso höflich wie verunsichert zurück. Als Sarah nicht so recht eine Antwort weiß, bietet Beatrice ihr eine an: „Ein Holsteiner? Das sind super Springpferde!“ Und Sarah greift das Angebot dankbar auf: „Ja, genau! Holsteiner! Das ist gut!“ Beide lächeln.
Respekt und Neugier
Ganz präzise erzählt diese Szene aus Sonja Maria Kröners „Pferd am Stiel“ in einem kleinen Dialog über große Themen. Die Inszenierung ist hier nicht das Besondere, sondern der Verlauf des Gesprächs. Wie sich da auf den ersten Blick zwei grundverschiedene Mädchen treffen, wie unsicher sie zunächst sind und wie groß die Kluft zwischen ihren beiden Welten – und wie die eine dann durch eine einfache Frage die Kluft schließt. Erst ist Beatrices Gegenfrage nur der Versuch, eine peinliche Pause zu überbrücken; sie fühlt sich sichtlich komisch, als sie Sarah über Eigenschaften ihres Steckenpferds befragt. Aber sie beginnt auch, etwas zu tun, was die anderen Mädchen und Jungen in Sarahs Umfeld nicht gemacht haben: Beatrice nimmt Sarah plötzlich ernst. Sie urteilt nicht über sie, sie taucht in ihre Welt ein. Und sogar in Sarahs Reaktion „Das ist gut“ kommt noch einmal zum Ausdruck, dass Sarah sich sehr wohl bewusst ist, das ihr Pferd kein echtes Pferd ist, aber dass sie akzeptiert werden möchte und sich darüber freut, wie Beatrice ihr entgegenkommt.
Das Publikum erlebt mit: Hier passiert plötzlich etwas, was vollkommen überraschend ist. Hier verhält sich eine Figur nicht so, wie es erwartbar wäre, sondern anders. Dieser Bruch ist ein großer Aha-Moment. Zuhören, aufeinander eingehen, sich mit Respekt und Neugier begegnen – hier ist das der Schlüssel zum Beginn einer Freundschaft.
