Magische Momente | | von Stefan Stiletto
Im Geisterzug
Eine Szene aus Hayao Miyazakis „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001).
Der wegweisende Anime von Hayao Miyazaki ist ein großes Spektakel, das mit seiner Vielzahl an fantasievollen Figuren und Orten immer wieder zu überraschen weiß. Aber am schönsten ist dann wohl eine Szene, in der die Zeit stillzustehen scheint und Ruhe einkehrt. Ein Mädchen und ein Monster, zusammen in einem Zugabteil. Und im Wasser spiegelt sich der Himmel.
Und dann wird es ruhig. Viel ist zuvor passiert. Chihiros Eltern wurden in Schweine verwandelt, das Mädchen musste in einem Badehaus für Götter anheuern, ein gesichtsloses Wesen hat dort für Schrecken gesorgt und den anderen Besucher*innen ihre Gier brachial vor Augen geführt. Doch Chihiro sieht mehr in diesem Ungeheuer, dem Ohngesicht – und nimmt es schließlich mit in den Zug, mit dem sie über das Meer zur Hexe Zeniba fahren will.
Das Mädchen und das Monster
So sitzen die beiden plötzlich schweigend nebeneinander, das Mädchen und das Monster, in einem magischen Zug, der durch eine unwirkliche Welt fährt, neben durchsichtigen anderen Menschen.
Chihiros Blick streift nach draußen. Sie sieht wartende Schemen, beobachtet die anderen Geister beim Aussteigen, sieht ein Mädchen, etwa so alt wie sie, das alleine am Bahnsteig steht. Irgendwann ist Chihiro allein im Zug mit dem Ohngesicht. Es ist still. Neonlichter von Werbeschildern sausen draußen vorbei. Langsam wird es dunkel.
Zwischen Himmel und Erde
Spätestens als zu Beginn dieser Szene die ruhige, klare Pianomusik von Joe Hisaishi einsetzt, fühlt es sich an, als ob jemand auf die Pausetaste gedrückt hätte. All die Hektik: vorbei. All die Aufregung: weit weg. All die Ängste: für einen Moment nicht so wichtig. Die Szene atmet Ruhe und einen unbestimmten Schwermut. Und verzichtet dabei ganz auf Worte.
Spielerisch und ohne große Gesten löst der Film Grenzen auf, zwischen Figuren, die in anderen Filmen nur allzu leicht in „gut“ und „böse“ hätten unterteilt werden können, zwischen Realität und Götterwelt, zwischen Himmel und Erde. Denn der Zug scheint über das Wasser zu gleiten. Er fährt direkt über das Meer, von rechts nach links (nach der japanischen Leserichtung als nicht rückwärts, sondern vorwärts), durch die Weite, fast schwerelos.
Eine nachdenklich stimmende Atmosphäre liegt über dieser Szene, die von Andeutungen und Fragmenten nur so strotzt, die viel zeigt und nichts erklärt. Gerade das macht sie so schön. Es geht um eine Reise ins Ungewisse, das Suchen, das Verschwinden, ganz sicher um die Frage, wer die Heldin ist, deren Blick sich einmal in der Zugscheibe spiegelt und durch eine Kamerafahrt auf sie zu noch betont wird. Schließlich hat die leitende Hexe des Badehauses Chihiro einen Teil ihres Namens geraubt.
Doch Chihiro ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so ängstlich wie noch zu Beginn des Films. Sie scheint viel mehr mit sich im Reinen zu sein. Sie ist höflich und zuvorkommend, sie weiß, was sie will. Und sie weiß, dass es kein Zurück gibt. Denn dieser Zug, so hat man ihr erzählt, fährt nur in eine Richtung.
