Magische Momente | | von Horst Peter Koll

Ein Blick, der verletzt

Über eine winzige Szene im Film „Das Geheimnis der gestohlenen Maske“ (2026) von Nancy Mac Granaky-Quaye

Eigentlich geht es in dem Kinderkrimi um einen Diebstahl aus einem Museum. Doch dann gibt es da einen Blickkontakt, der sich einbrennt, der bleibt. Und der eine ganz andere Geschichte erzählt.

Screenshot aus Das Geheimnis der gestohlenen Maske
Screenshot aus "Das Geheimnis der gestohlenen Maske" (c) Farbfilm Verleih

Die elfjährige Johanna aus Leipzig und ihr Großvater Kito aus Tansania entdecken im Museum eine afrikanische Maske der Makonde. Opa Kito sagt, sie wurde aus seinem Heimatdorf entwendet – und gerät unter Tatverdacht, als die Maske plötzlich verschwindet. „Das Geheimnis der gestohlenen Maske“ (Nancy Mac Granaky-Quaye, 2026) ist ein kurzweiliger Kinderkrimi, bei dem es doch um mehr geht als nur um einen Diebstahl: Es geht um Familie, Heimat und Herkunft.

Ein Störmoment

Dabei gibt es einen Moment, der ein wenig verloren, sogar traumverloren wirkt. Die kurze Szene könnte man leicht übersehen, doch wenn man sie entdeckt, prägt sie sich ein wie ein Störmoment. Sie beginnt damit, dass Johanna die Treppe in der Eingangshalle des Museums hinaufstürmt, in dem die Maske ausgestellt ist. Oben angekommen, begegnen ihr ein Mann und seine kleine Tochter. Unverhohlen starrt das Kind Johanna an, irgendetwas hält ihren Blick fest. Der Blick des blonden Mädchens an der Hand seines Vaters lastet spürbar schwer auf Johanna, sie ist verärgert und verletzt. Brüsk wendet sie sich ab und zieht mit einem heftigen Ruck die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf.

Unmittelbar danach betritt Johanna den Ausstellungsraum, sie hört Musik über ihre Ohrstöpsel, so, als wolle sie ihren Ärger vergessen. Wer weiß, vielleicht ist ihr dieser Blick ja nur zu gut vertraut, womöglich begegnete er ihr nicht das erste Mal. Man könnte die Beiläufigkeit des Moments als dramaturgische Schwäche des Films deuten: Warum legt er nicht mehr Gewicht darauf? Immerhin geht es hier doch um einiges: um Familie, um den Ort, an dem man lebt, nicht zuletzt um Johannas Wurzeln: Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater und ihr Großvater stammen aus Tansania. Doch ist nicht gerade die Flüchtigkeit dieser Szene viel wirklichkeitsnäher und aussagekräftiger? Viele würden den „unschuldigen“ Blick wohl gar nicht wahrnehmen, und doch brennt er auf der Haut der Person, auf die er wörtlich im Vorbeigehen fällt. Johanna erlebt etwas, das sie ausgrenzt und als „anders“ abstempelt.

Screenshot aus Das Geheimnis der gestohlenen Maske
Screenshot aus "Das Geheimnis der gestohlenen Maske" (c) Farbfilm Verleih

Blicke und Gefühle

Unmittelbar vor dem Moment im Treppenhaus flanierte der Blick der Kamera noch durch Johannas Zimmer und verweilte auf einem Pinboard, prall gefüllt mit Johannas Erinnerungen: Fotos mit Freundinnen, Impressionen eines besonders leckeren Abendessens, selbstgemalte Bilder, Eintrittskarten für ein Fußballspiel in Leipzig – allesamt Glücksmomente, die Geborgenheit und Sicherheit signalisieren. Und gleich in der nächsten Szene dann dieser Blick, dieses Anstarren. Johanna empfindet es als abwertend, ja strafend, auch wenn das kleine Mädchen sie ganz gewiss nicht verletzen will. Es ist schlicht noch zu klein, um zu verstehen, was sein Blick anrichtet. Eher ist es wohl selbst mit der Begegnung überfordert, vielleicht hat es in seinem eigenen Alltag ja etwas „aufgeschnappt“, das sie nun so schauen lässt: kindlich, neugierig und doch auch aufdringlich, nicht zuletzt, weil ihm einfach noch das entscheidende Stückchen soziale Kompetenz fehlt.

Hätte denn umgekehrt Johanna souveräner reagieren können? Etwa mit einem kleinen Lächeln, einem „Hallo“, um der Situation die Anspannung zu nehmen? Das sagt sich so leicht. Immerhin könnte ihr das Abenteuer mit ihrem Großvater dabei helfen, beim nächsten Mal selbstbewusster zu reagieren. Und doch: So ein Blick verbindet immer zwei Seiten, das Sehende und das Gesehene.

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