Quergedacht > Magische Momente

| von Katrin Hoffmann

Der große Auftritt

Eine hinreißende Bühnenperformance lässt den Film „H is for Happiness“ unvergesslich werden

In dem großen Finale der ebenso bonbonbunten wie tiefgründigen australischen Literaturverfilmung „H is for Happiness‟ kommt alles zusammen: Tränen vor Rührung und vor Lachen, die Selbsterkenntnis zweier Figuren – und die Musik von Dolly Parton und Kenny Rogers.

"H is for Happiness" (c) David Dare Parker

Eine vollbesetzte Schulaula, Stühle knarzen, Kinderbeine schaukeln nervös, erwartungsvolles Hüsteln, ratlose Gesichter, die Anspannung unerträglich. Der Bühnenvorhang immer noch geschlossen und die Zeit zieht sich, wie der Kaugummi, mit dem die Kinder ihre Blasen platzen lassen. Die Lehrerin Miss Bamford wird unruhig und blickt zur Uhr. Dann endlich bewegt sich der Vorhang: Country-Legende Dolly Parton und ihr Partner Kenny Rogers kommen auf einem Pony auf die Bühne und schmettern ihren weltbekannten Song „Island in the Stream“. Irritation im Publikum. Doch halt, wenn wir genauer hinsehen, ist das nicht das berühmte Sänger-Duo. Unter der voluminösen blonden Lockenperücke und dem Kostüm mit den gigantischen Brüsten erkennen wir die zwölfjährige Candice Phee, und der weißhaarige bärtige Typ auf dem Pony ist natürlich nicht Kenny Rogers, sondern deren Freund Douglas Benson. Candice und Douglas, die merkwürdigsten Kinder an dieser Schule, bringen die tollste Parodie auf die Bretter. So, wie wir sie selten in einem Film zu sehen bekommen. Sie doublen die beiden Sänger*innen so perfekt und herzzerreißend, dass einem wirklich die Tränen kommen, ob aus Rührung oder vor Lachen weiß man nicht so genau zu sagen, wahrscheinlich ist es beides.

Es ist nicht nur das Outfit, das die zwei so authentisch wirken lässt, es ist vor allem ihre Performance, die sie exzellent einstudiert haben. Sie schmachten sich an, schwingen die Hüften und rocken die Bühnenbretter wie ihre großen Vorbilder. „Islands in the stream, that is what we are‟, heißt es dann. „No one in between, how can we be wrong?‟ Viel weiter kommen sie nicht, denn das Pony stürmt hinaus ins Freie, Douglas und das Publikum hinter ihm her, der Tonarm hüpft von der Platte und Candice steht allein auf der Bühne. Der Lichtspot wirft ihre kurvige Figur ein letztes Mal als Silhouette auf die Bühnenwand. Plötzlich ist es ganz still. Zurück geblieben ist nur ihre Lehrerin, die Candice nun gerührt in die Arme schließt.

Mit dieser Darbietung aus dem wundervollen australischen Film „H is for Happiness“ von John Sheddy (2019), entlädt sich die ganze Anspannung und Trauer, die Candice Phee verspürt. Sie hat mit verschiedensten Aktionen versucht, ihre Familie vor dem Unglücklichsein zu retten und ist jedes Mal grandios gescheitert. Nun erkennt sie, dass man Glück nicht erzwingen kann. Weil man Glück mit dem Herzen empfinden muss, widmet sie den Auftritt ihren Eltern, die seit dem plötzlichen Kindstod ihrer kleinen Schwester nicht mehr froh werden. Schon bei einem ihrer Versuche, die Stimmung im Hause zu verbessern, hat sie eine Platte von Dolly Parton und Kenny Rogers entdeckt; sie wusste also, dass vor allem die Mutter die Songs dieser beiden liebt.

Und Douglas, der Junge, der aus einer anderen Dimension zu stammen glaubt, kommt mit dieser Parodie endlich im Hier und Jetzt an. Denn er liebt Candice und würde alles für sie tun. Die zwei haben sich als Außenseiter*innen gesucht und gefunden, weil sie sich gegenseitig so akzeptieren, wie sie sind. Ihr Bühnenauftritt setzt einen donnernden Schlussakkord unter den Film und besiegelt einmal mehr ihre gemeinsame Zukunft, wenn man das von zwei Zwölfjährigen überhaupt schon behaupten kann.

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