Magische Momente | | von Stefan Stiletto
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft
Eine Szene aus „Drachenzähmen leicht gemacht“ (Dean DeBlois, Chris Sanders, 2010).
Netter junger Mensch trifft unheimlichen Drachen. Unheimlicher Drache und netter Mensch freunden sich an. Das hat das Zeug zur Standardformel in Hollywood. Aber diese Begegnung wurde in dem ansonsten manchmal auch sehr lauten Animationsfilm „Drachenzähmen leicht gemacht“ (2010) sehr feinfühlig erzählt – und trägt alles, was in den kommenden Filmen noch so zwischen Mensch und Drache passieren wird.

Hicks ist anders. Vor allem anders, als sein Papa sich das vorstellt. Hicks ist schmächtig und schusselig und kann es seinem Vater nicht recht machen. Das starke und furchtlose Oberhaupt des Wikingerclans traut seinem Sohn nicht zu, eines Tages in seine Fußspuren treten zu können. Aber Hicks will es ihm beweisen. Er will zeigen, dass auch er das Zeug zum Drachentöter hat. Tatsächlich gelingt es ihm, mit einer seiner Erfindungen einen Nachtschatten, einen der gefährlichsten Drachen überhaupt, abzuschießen. Jedoch bringt er es nicht übers Herz, das Tier zu töten. Wenig später steht Hicks dem Nachtschatten erneut gegenüber.
Aber Hicks will nicht mit dem Drachen kämpfen. Er bietet dem furchteinflößenden riesigen Wesen stattdessen einen Fisch an – und zu seiner Überraschung erwidert der Drache die Aufmerksamkeit, in dem er eine Hälfte des Fischs frisst und die andere, ordentlich eingesabbert, an Hicks zurückgibt. So geht es weiter. Die Szene ist ein ständiges Geben und Nehmen, Beobachten und Beobachtetwerden, ein vorsichtiges Ausloten und Kennenlernen. Von einem Moment auf den anderen wechseln die Stimmungen des Drachen. Mal sieht er durch die schmale Form seiner Pupillen höchst gefährlich aus, dann, sobald diese wieder rund sind, plötzlich putzig. Die Ohren des Nachtschattens spitzen immer mal wieder neugierig in die Luft. Anspannung und Entspannung spiegelt sich in den Körpern, kommuniziert wird nahezu nur durch Blicke und Gesten. Bis Hicks die Hand zum Drachen ausstreckt, um ihn zu berühren, aber gleichzeitig seinen Körper abwendet und ängstlich wegschaut, weil er nicht weiß, ob das Ganze nicht schlimm für ihn ausgehen wird. Das Gegenteil ist der Fall, als der Drache seine Stirn in seine Hand legt.

Genau dieses Hin und Her macht diese Szene aus „Drachenzähmen leicht gemacht“ (2010) von Dean DeBlois und Chris Sanders so großartig. Nahezu ohne Worte wird hier über den Beginn einer Freundschaft erzählt, über Neugier und Respekt, Vorsichtigsein und Aufeinanderzugehen. Die Szene überrascht, weil die Rollen – der sympathische Held hier, das Monster dort – eigentlich so klar verteilt sind. Und auch, weil man bei dem Drachen nie so recht weiß, woran man ist. Keine Zähne? Wie süß! Plötzlich sehr viele scharfe Zähne? Hilfe! Mit etwa fünf Minuten nimmt die Szene einen bedeutenden Teil des Films ein. Und das zahlt sich aus. Denn sie legt den Grundstein für all das, was zwischen Hicks und dem Drachen Ohnezahn in diesem Film und in den Fortsetzungen passieren wird. Und wagt es dabei, auch ein wenig düster zu sein. Denn an der Verletzung des Drachen, dem seit dem Abschuss ein Teil einer Schwanzflosse fehlt, ist schließlich Hicks schuld. Auch das zeichnet die „Drachenzähmen“-Filme, die bisweilen mal albern und laut sind, aus: Dass da über Konsequenzen erzählt wird, die nicht rückgängig gemacht werden können. Verletzungen bleiben, Fehler werden gemacht. Aber man kann lernen, damit umzugehen und damit zu leben.