Quergedacht > Junge Held*innen

| von Kirsten Taylor

Wer bin ich? Und wer bist du?

Die Titelheldin in „Romys Salon‟ (Mischa Kamp, 2019)

"Romys Salon" (c) farbfilm

Die zehnjährige Romy zieht schon mit ihren ersten Sätzen in den Bann. Ist sie nur altklug? Keineswegs! Romy nimmt uns mit auf eine Reise, im Laufe derer sie in dem vielschichtigen Kinderfilm „Romys Salon‟ von Mischa Kamp nicht nur sich selbst, sondern auch ihre an Demenz erkrankte Oma aus einer anderen Perspektive sieht. Ein Blick darauf, wie eine große Entwicklung glaubwürdig erzählt wird und wie ein Kind erkennt, dass auch andere Menschen eigenständige Personen mit eigenen Geschichten sind.

Mit ihren zehn Jahren ist die Kleine ganz schön reflektiert: „Früher dachte ich, dass ich alles weiß und meine Oma dumm wäre“, erzählt die Titelheldin zu Beginn von „Romys Salon“. „Aber eigentlich wusste ich gar nichts.“ Dieser Satz macht neugierig. Was hat Romy zu dieser Meinungsänderung bewogen? Und warum dachte sie, dass ihre Großmutter Stine dumm sei? Aus Sicht des Mädchens ist dieses „dumm“ durchaus berechtigt, und zwar in vielerlei Hinsicht.

Dumm ist, dass ihre Eltern sich getrennt haben. Dumm ist, dass Romys Mutter nun mehr arbeiten muss und sie nach der Schule zur Oma gehen soll. Dumm ist, dass das wortwörtlich über ihren Kopf hinweg entschieden wurde. Und dumm ist ihre Großmutter, weil sie Romy als Last empfindet. Stine, die mit fast 70 Jahren immer noch einen kleinen Friseursalon betreibt, findet, dass sie keine Zeit hat, um sich um ein Kind zu kümmern. So verbannt sie ihre Enkelin in ihre dunkle Dachgeschosswohnung, wo sie mit Kater Jens bis zum Ladenschluss ausharren muss. Was Romy sieht, ist eine resolute Geschäftsfrau, die nörgelt, wenn sie mit schmutzigen Schuhen den Laden betritt, die ihre Ruhe haben will und die Fürsorge durch kräftiges Haarebürsten zeigt. Ganz klar, ihre Oma ist dumm.

Doch Romys Blick auf Stine ändert sich, als diese allmählich ihren Verstand verliert, also „dumm“ wird, weil sie an Alzheimer erkrankt ist – was Romy anfangs natürlich noch nicht ahnt. Romy merkt, dass Stine zunehmend auf ihre Hilfe angewiesen, denn sie scheitert selbst an kinderleichten Sachen: Kleingeld auseinanderhalten, rechnen, die Kasse bedienen. Romy meistert das alles mit links und gewinnt so die Hochachtung ihrer Großmutter: „Was für ein kluges Mädchen du bist!“ Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die Romy nicht einmal zutraut, dass sie ein paar Stunden allein zu Hause bleiben kann, übergibt Stine ihr immer mehr Verantwortung.

Endlich wird Romy nicht wie ein Kind behandelt, sondern kann zeigen, was sie draufhat. Sie fegt, kocht Kaffee, dreht Lockenwickler ein und macht Kundentermine. Musste Romy anfangs zu Stine, will sie nun zu ihrer Oma, die sie immer besser kennenlernt. Denn die Krankheit macht Stine nicht nur wunderlich, sondern auch sanft. Sie spricht nun viel von Vergangenem, manchmal sogar in ihrer Muttersprache Dänisch. Die forsche Friseurin von einst wird für Romy zu einer Frau mit einer eigenen Geschichte. Auch Stine, begreift Romy, war einst ein kleines Mädchen! Ein Mädchen, das zur Schule ging, Freundinnen hatte, einmal fast ertrunken wäre und sich später als junge Frau in einen Holländer verliebte. Und sie erlebt eine Frau, die Sehnsucht nach einem Strand in Dänemark hat und ihren verstorbenen Mann vermisst. So dumm ist ihre Oma also gar nicht. Dumm ist nur, dass Romy, die so viel mit und über ihre Großmutter gelernt hat, diese nicht retten kann. Die Krankheit ist stärker. Doch zum Glück hat Romy Stine noch rechtzeitig kennengelernt.

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