Quergedacht > Junge Held*innen

| von Christiane Radeke

Eine leichtfüßige Heldin

Die Titelfigur in „Enola Holmes‟ (Harry Bradbeer, 2020)

Wozu Handschuhe tragen, wenn man sich ohne viel besser durchs Leben kämpfen kann? Mit einem Zucken ihrer Augenbraue weist Enola Holmes jene in die Schranken, die sie in ein Korsett überkommener Regeln zwängen wollen. Eine absolut zeitgemäße Heldin im Jahr 2020 – auch wenn ihre Geschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert spielt.

"Enola Holmes" (c) Netflix / Legendary Pictures

Der Abenteuerfilm „Enola Holmes“ ist ein modernes Märchen, ist Popcorn-Heimkino im besten Sinn und ein Spektakel voller origineller Einfälle, in denen die Gesetze von Zeit und Raum immer wieder außer Kraft gesetzt werden. Die Handlung spielt im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die Belle Époque hat die Innenräume in wohlig plüschige Höhlen verwandelt und die industrielle Revolution die Städte in ebenso triste wie pulsierende Metropolen: qualmende Schornsteine, schäbige Hinterhöfe und der Arbeiterkampf auf der Straße. Und mittendrin das Herz der Geschichte: Enola Holmes. Ein starkes Mädchen, das mühelos und leichtfüßig eine große Heldenfigur abgibt und dabei noch ihren berühmten großen Bruder, Sherlock Holmes, in den Schatten stellt.

Als Enola zum ersten Mal seit Jahren ihren erwachsenen Brüdern am Bahnhof begegnet, sind diese entsetzt über ihr legeres Aussehen. Auf die empörte Frage, warum sie denn weder Handschuhe noch einen Hut trage, wie es sich für junge Damen geziemt, antwortet Enola: der Hut würde jucken, Handschuhe würde sie nicht besitzen. Ihre distanziert spöttische Miene offenbart, wie seltsam, ja sogar lustig sie die Aufforderung findet, sich mit solch nutzlosen Dinge abzugeben. Titelfigur Enola Holmes ist eindeutig ein Mädchen aus dem Jahr 2020. Ein kleines Zucken der Augenbraue verrät, wie wenig sie darauf gibt, was andere von ihr denken.

Enola muss sich als Mädchen nicht behaupten, sie ist sowieso die Stärkere. Sie ist es dank ihrer Schnelligkeit im Denken, dank ihres ironischen Blicks auf die Welt und eine Zeit voller sinnloser Konventionen, die Frauen einschränken und hilflos machen sollen, sie ist es aber auch und vor allem dank ihrer Verletzlichkeit, die sie nie leugnet. Als die geliebte Mutter sie ohne Abschied, aber mit einem großen Rätsel in der Nacht vor ihrem 16. Geburtstag verlässt, sieht Enola so unglücklich aus wie jedes verlassene Kind. Aber keine Zeit für Schwäche, lieber jetzt gleich den Sprung ins eigene Leben wagen.

"Enola Holmes" (c) Netflix / Legendary Pictures

Enola ist auch dem jungen Lord Tewksbury überlegen, der wiederum überhaupt kein Problem damit hat, im Gegenteil. Im Verhältnis der beiden Jugendlichen, zwischen denen sich erste Verliebtheit entwickelt, wird sehr schön deutlich, wie sehr die historische Geschichte im Grunde in unserer Gegenwart angesiedelt ist. Das Geschlechterverhältnis muss nicht mehr neu ausgehandelt werden, es ist einfach auf den Kopf gestellt, ein Mädchen rettet dem Jungen das Leben, ohne das auch nur ansatzweise Aufhebens darum gemacht wird. Niemand muss hier irgendwem etwas beweisen.

Tatsächlich ist nicht nur Enola 16 Jahre als, sondern auch die Schauspielerin Millie Bobby Brown, Jahrgang 2004, die durch die Serie „Stranger Things“ weltbekannt wurde. Bei „Enola Holmes“ zeichnet sie auch als Produzentin verantwortlich. Sie hat mit ihrer Interpretation der Rolle eine ebenso märchenhaft überhöhte wie authentische Jugendfigur geschaffen. Geradlinig, kompromisslos und empathiefähig. Dabei ist die Filmheldin gar nicht immer überzeugt von sich, sondern zweifelt auch, aber hält sich immer an die gute Schule ihrer von den Sufragetten beeinflussten Mutter: Gib niemals auf, und wenn du noch so viel einstecken musstest. Am Ende emanzipiert sich Enola aber auch von der überlebensgroßen Mutter, indem sie erkennt, dass es sich eben doch lohnt, mit dem Herzen zu handeln. Nur so kannst du dein Schicksal wirklich selbst bestimmen und die Zukunft verändern.

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