Quergedacht > Junge Held*innen

| von Kirsten Taylor

Ein kleiner Teufel, der im Gedächtnis bleibt

Frida aus „Fridas Sommer“ (Carla Simón, 2017)

Fridas Sommer (c) GrandFilm

Frida sitzt im Auto und kratzt sich. Ihr Arm ist schon ganz wund. Warum sie das tut, will die Sechsjährige ihrer Tante Marga nicht sagen. Frida schaut sie an, herausfordernd, störrisch. „Dieses Haar ist nicht richtig“, sagt die Kleine schließlich vorwurfsvoll, doch den Kamm, den sie bekommt, schmeißt sie kurzerhand aus Fenster. Wieder ein provozierender Blick.

Als erwachsene*r Zuschauer*in im Kino holt man einmal tief Luft. Nein, wahrlich, Frida ist kein einfaches Kind. Aber sie hat es auch gerade nicht einfach. Ihre Mutter ist vor kurzem gestorben, ihr Vater schon lange tot. Jetzt lebt sie bei der Familie ihres Onkels Esteve in der katalanischen Provinz und obwohl sie dort liebevoll aufgenommen wird, ist das neue Leben doch eine glatte Überforderung: Alles ist so anders als in Barcelona, die ihr vertrauten Menschen sind weit weg. Und wenn sie ihre kleine Kusine Anna beim Pflaumenpflücken mit der Mutter, beim Toben mit dem Vater sieht, wird die Einsamkeit noch größer: Sie wird nie wieder mit ihrer Mama spielen.

Man fühlt mit diesem Mädchen, das angespannt wirkt, wenig spricht und nur selten lächelt. Wie die erwachsenen Figuren im Film „Fridas Sommer“ kann man ihr vieles nachsehen, aber man kommt auch an seine Grenzen. Denn manchmal ist Frida ein kleines Biest, eine Nervensäge, ein verwöhnte Prinzessin. „Du darfst sie nicht anfassen, sonst gehen sie kaputt“, bestimmt Frida, bislang ein Einzelkind, als sie vor den großen Augen ihrer dreijährigen Kusine ihre Puppenschar auspackt. Die kleine Anna ist eben nicht nur „neue Schwester“ und Spielgefährtin, sondern auch Konkurrentin in Sachen Liebe, Anerkennung und Aufmerksamkeit. Und letzteres bekommt man – das weiß jedes Kind – eben auch, wenn man sich danebenbenimmt. Dass sie mit ihren wilden Locken „die Hübsche“, als Waisenkind „die Arme“ ist, spürt Frida instinktiv. Beim Besuch der Großeltern, die sie verhätscheln, steht sie endlich mal wieder im Mittelpunkt. Als sie auf Geheiß von Marga ihre Schuhe binden soll, lässt sie ihren Opa dies machen und blickt triumphierend zur Tante. Da ist er wieder, der kleine Teufel. Fridas weiß sehr wohl wie sie ihre Sonderrolle nutzen kann. Der Unmut über ein derartiges Verhalten schlägt bei Marga und Esteve bald in Hilflosigkeit und Sorge um. Denn Frida bringt ihre Kusine Anna immer wieder in gefährliche Situationen. Beim Spielen im Wald schleicht sie sich davon und lässt Anna allein zurück, die erst nach Stunden und mit gebrochenem Arm wieder gefunden wird. Hat Frida es absichtlich getan? Oder hat sie, die ja auch erst sechs Jahre alt ist, die Situation falsch eingeschätzt?

„Du bist eine Katastrophe“, konstatiert Marga irgendwann mit einem leisen Lächeln. Und tatsächlich macht es das Mädchen seinen zum Glück sehr klugen Pflegeeltern nicht leicht mit seinen Launen und Machtspielchen, seinen Lügengeschichten und seiner Verschlossenheit. Aber gerade all diese Ecken und Kanten, an denen man sich ordentlich stoßen kann, machen Frida, die erst ganz zum Schluss in erlösendes Weinen ausbricht, zu einer sehr realen und vielschichtigen Kinderfigur, die man so schnell nicht vergisst.

Kirsten Taylor

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