Junge Held*innen | | von Christopher Diekhaus
Die Hoffnung darf nicht sterben!
Die Titelheldin aus „Vesper Chronicles“ (Kristina Buožyté, Bruno Samper, 2022).
Die Gegenwart ist düster. Die Welt in diesem Science-Fiction-Film ist es auch. Aber in dieser lebt eine Teenagerin, die alles verkörpert, was man sich gerade so an Eigenschaften wünscht. Eine Jugendliche, die hofft und handelt, die Mut macht und Bindungen herstellt.
Vieles an „Vesper Chronicles“ ist beeindruckend: Die französisch-belgisch-litauische Koproduktion erzählt ihre märchenhaft angehauchte Science-Fiction-Geschichte auf bedächtige, untergründig spannende Weise. Im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch ist der nebelige, matschig-urige Schauplatz, in den uns das Endzeitabenteuer entführt. Mit verhältnismäßig wenigen Mitteln macht das Regiegespann Kristina Buožyté und Bruno Samper ein verwunschen-bedrohliches Universum auf, das sich kein bisschen künstlich anfühlt. Zu einem Ereignis wird der Film aber erst durch seine bemerkenswerte Titelheldin, der Nachwuchsdarstellerin Raffiella Chapman mit einer nuancierten Darbietung Profil verleiht.
Teenagerin Vesper lebt in einer nicht näher datierten Zukunft in einer nach Genexperimenten vollkommen verheerten Welt. Einer Welt, in der eine in hoch aufragenden Städten residierende oligarchische Clique über ein Versorgungsmonopol verfügt und die am Boden darbende Unterschicht skrupellos ausbeutet. Zu Letzterer gehört unsere Protagonistin, die ständig auf der Hut sein muss. Denn unten, da, wo es außer Schlamm, Wildnis und seltsam mutierten Kreaturen fast nichts gibt, herrscht das Prinzip des Stärkeren. Anders als ihr mit den Mächtigen Handel treibender Onkel Jonas, der ein kleines Terrorregime errichtet hat, stellt sich Vesper der völligen Verrohung beherzt entgegen.
Empathie, Nach- und Weitsicht
Obwohl die Umstände denkbar schlecht sind, will sie nicht aufgeben, sieht die Jugendliche nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse. Ganz im Gegenteil! Nach dem Weggang ihrer Mutter pflegt sie ihren gelähmten, ans Bett gefesselten Vater Darius, mit dem sie nur über eine würfelartige Drohne kommunizieren kann. Ohne zu zögern, kümmert sich Vesper auch um Camellia, die verletzte Insassin eines abgestürzten Raumgleiters, und verzeiht ihr später eine Lüge.
Nach- und Weitsicht siegen bei der 14-Jährigen über alles Destruktive. Womit wir zu einer weiteren starken Eigenschaft kommen: Auf autodidaktischem Weg hat unsere Hauptfigur nämlich wissenschaftliche Fähigkeiten erworben und arbeitet in einem provisorischen Labor unermüdlich an einer Lösung für die Versorgungsnot der Unterschicht. In ihr Handeln mischt sich immer wieder ein Schuss Naivität. Wirklich bewundernswert ist aber, wie sehr sie an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft festhält. Nur wer beharrlich bleibt, an sich glaubt, kann am Ende wirklich etwas verändern.
Ein leuchtendes Vorbild
Im Kampf für eine menschlichere Welt zeigt sich die Titelheldin entschlossen, mutig und zupackend. Gleichzeitig illustriert der Film allerdings auch ihre verletzliche Seite. Etwa, wenn sie auf ihren brutalen Onkel, den Verfechter des Darwin’schen Prinzips, trifft. Was sich außerdem als Herausforderung erweist: Dass Vesper auf ihrem Weg lernen muss loszulassen. Gerade in unserer so unruhigen, polarisierten, sich verfinsternden Gegenwart taugt die Jugendliche als leuchtendes Vorbild. So abgedroschen es klingen mag: Die Hoffnung sollte man nie voreilig aufgeben. Wie Vesper einmal zu Camellia sagt: „Wir sind hier, und wir helfen einander!“ Ein starkes Motto für ein packendes, auf nachhallende Schlussbilder zusteuerndes Science-Fiction-Drama über eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Teenagerin.
