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Interviews | | von Horst Peter Koll

„Wirklich berühren kann einen ein Thema erst dann, wenn man Empathie entwickelt“

Ein Werkstattgespräch mit Norbert Lechner anlässlich seines neuen Kinderkinofilms „Das geheime Stockwerk“

Norbert Lechner ist ein ausgewiesener Kinderfilmregisseur. Im Gespräch mit Horst Peter Koll erzählt er über die Bedeutung der Empathie, seine Arbeit mit jungen Darsteller*innen ohne Vorerfahrungen, die Bedeutung von Licht und Schatten und Filme als Möglichkeit, die Welt zu verstehen.

Norbert Lechner bei den Dreharbeiten zu "Das geheime Stockwerk"
Norbert Lechner bei den Dreharbeiten zu "Das geheime Stockwerk"

Norbert Lechner (geboren 1961 in München) ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent – und einer der wenigen Filmschaffenden hierzulande, die ihr Schaffen vorrangig dem Kinderfilm widmen. Bekannt wurde er durch „Toni Goldwascher“ (2007), der auf dem Festival Cine La Nueva Mirada in Buenos Aires als bester Jugendfilm mit dem „Golden Kite Award“ ausgezeichnet wurde. 2012 folgte der konsequent in bayerischer Mundart erzählte Kinderkrimi „Tom und Hacke“, der Mark Twains berühmten Roman „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ in die unmittelbare Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte. Beim Festival „Goldener Spatz“ wurde der Film für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Mit „Ente gut! – Mädchen allein zu Haus“ (2016) entstand im Rahmen des Projekts „Der besondere Kinderfilm“ Lechners erster Kinderfilm, der in der Gegenwart spielt, worauf die Ost-West-Liebesgeschichte „Zwischen uns die Mauer“ (2019) folgte, deren Protagonist*innen zwar Jugendliche sind, aber ein erwachsenes Publikum anspricht.

Lechner erzählt mit einer Leichtigkeit, die spürbar von Emotionalität und Empathie getragen wird und selbst traurige oder dramatische Erzählmomente unterhaltsam macht, ohne sie je zu verharmlosen. Nun folgt „Das geheime Stockwerk“, ein abenteuerlich-spannender Zeitreisefilm: Der zwölfjährige Karli fährt in einem alten Hotel in den Alpen mit einem Fahrstuhl – und gerät mitten hinein in die Zerreißproben des Jahres 1938. Beim Kinderfilmfestival Zlin 2025 gewann der Film den Hauptpreis der Kinderjury und im selben Jahr beim Festival „Goldener Spatz“ den Preis als bester Langfilm, während Maximilian Reinwald als bester Darsteller ausgezeichnet wurde. „Das geheime Stockwerk“ startet am 12.3.2026 in den Kinos.

Lieber Norbert, in Deinem Film „Zwischen uns die Mauer“ (2019) geht Anna, die junge Hauptfigur, mit einem Freund ins Kino. Es ist das Ende der 1980er-Jahre, bald wird die Mauer fallen. Das Kino ist nicht gerade gut besucht und im Foyer hängen Plakate für deine Kinderfilme „Toni Goldwascher“ (2007) und „Ente gut! Mädchen allein zu Haus“ (2016) – was natürlich historisch ganz falsch ist. Ist das ein pointierter Kommentar zur Befindlichkeit des Kinos und seinem oft eher versteckten Umgang mit Kinderfilmen?

Nein, das war ganz einfach eine Rechtefrage. Für ein markantes authentisches Plakat aus der damaligen Zeit hätten wir die Rechte kaufen müssen, und das kann unter Umständen sehr teuer werden. Deswegen habe ich mir diesen kleinen Coup überlegt und Plakate meiner eigenen Filme aufgehängt.

Schade, dabei könnte man es wirklich als hübschen Kommentar verstehen. Regulär in die Kinos kommt nun „Das geheime Stockwerk“ und muss sich neben kommerziellen Kinderstoffen wie „Checker Tobi 3“ und „Die drei ??? –Toteninsel“ behaupten. Glaubst du, dass dein Film dennoch im Kino gut aufgehoben sein wird?

Ja, allein schon deshalb, weil ich uneingeschränkt auf die Wirkkraft des Kinos setze und mich nie von den vielen Unkenrufen habe beirren lassen. Nach Corona war es extrem, jetzt geht es um die Bedrohung durch Streamingdienste, und doch glaube ich, dass Kino weiterhin funktionieren wird, auch mit Stoffen wie „Das geheime Stockwerk“. Kino ist und bleibt ein Ereignis, Streaming ist etwas komplett anderes und wird nie den Erlebnischarakter des Kinosaals ersetzen können.

Das klingt jetzt fast schon etwas zu idealistisch, oder nicht?

Was den Erfolg von „Das geheime Stockwerk“ an der Kinokasse angeht, setze ich meine Erwartungen gar nicht so hoch an. Andere Kinderstoffe wie „Pumuckl“ sind eine Marke, die jeder kennt, sie werden von großen Verleihern vermarktet, die dafür viel Geld in die Hand nehmen können. Demgegenüber hat es ein Originalstoff wie „Das geheime Stockwerk“ mit weit geringerem Budget notgedrungen schwerer. Und doch gibt es im Kino diese Eigendynamik, die greift, sobald man über einen Film spricht, und darauf hoffe ich. Hinzu kommen die Schulkinowochen: „Das geheime Stockwerk“ eröffnet sie in gleich vier Bundesländern, dadurch werden Lehrer*innen, aber auch Kinder den Film deutlich wahrnehmen.

Tatsächlich bietet der Film viel Stoff für den schulischen Einsatz. Über die didaktischen Möglichkeiten hinaus entfaltet er aber auch eine wunderbare ästhetische und erzählerische Wirkkraft: „Das geheime Stockwerk“ ist thematisch wichtig, zugleich ist er spannend und bewahrt sich stets die Magie des zugrundeliegenden fantastischen Erzählmoments …

Der Film ist mein drittes Projekt mit den Drehbuchautorinnen Katrin Milhahn und Antonia Rothe-Liermann. Schon früh hatten wir uns darüber verständigt, dieses Mal eine Geschichte mit fantastischen Elementen zu erzählen, und kamen so zu der Idee mit der Zeitreise. Dann fragten wir uns, in welche Zeit wir denn damit reisen wollten. Nun hat Antonia ihre Grundschulzeit in der damaligen DDR verbracht, bereits in der zweiten Klasse bekam sie einen Dokumentarfilm über Auschwitz gezeigt, danach hatte sie über Monate hinweg Albträume. Immer schon hatte sie überlegt, wie man Kindern von der NS-Zeit erzählen könnte, ohne sie zu traumatisieren. Das hat sich am Ende dann sehr gut mit dem Fantasy-Ansatz zusammengefügt. Wobei wir damals, als wir das Projekt konzipierten, nicht annähernd ahnen konnten, dass der Film fünf Jahre später so krass an Aktualität zugewinnt.

Filmstill aus Das geheime Stockwerk
"Das geheime Stockwerk" (c) Kevin Lee, Amour Fou 2025

Deine Filme sind oft Zeitreisen: „Toni Goldwascher“ und „Tom und Hacke“ spielen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, „Das geheime Stockwerk“ ist in der Zeit davor angesiedelt und erzählt von Herrschaftsdenken, Ausgrenzung und Antisemitismus in der Nazi-Zeit. „Zwischen uns die Mauer“ ist vor dem Mauerfall angesiedelt, auch hier geht es um Machtmissbrauch, Repression, Flucht und Fluchtgedanken. Das sind wichtige Themen, die Deine jungen Darsteller*innen da auf ihrem Rücken schultern, und dass sie dies so souverän meistern, mutet an wie ein kleines Wunder. Wie gelingt dir das immer wieder?

Am liebsten arbeite ich mit Kindern, die zuvor noch nie vor einer Filmkamera standen und schlicht „unverbraucht“ sind. Es kommen viele Kinder zum Casting, die schon beim „Tatort“ oder sonst wo dabei waren, die dann aber auch schon eine gewisse Attitüde entwickelt haben. Das erlebten wir auch bei der Suche nach der Kinderbesetzung für „Das geheime Stockwerk“. Wenn es einem dann glückt, die richtigen Kinder auszuwählen, bereite ich sie schon sehr früh auf ihre Rollen vor. Bereits ein Jahr vor Drehbeginn haben wir angefangen zu proben. Wir haben einige Szenen durchgespielt, vor allem aber viel improvisiert, damit die Kinder in die Rollen hineinfinden. Auch haben wir uns intensiv mit der Zeit beschäftigt, in der der Film spielt. So eine Vorbereitung ist extrem wichtig. Wenn die Kinder talentiert sind und man ihnen ihre Freiräume lässt, dann fügt sich alles.

Nun ist eine Geschichte immer so stark wie die Fallhöhe zwischen den positiven Identifikationsfiguren und ihren Gegenspieler*innen. In deinen Filmen gibt es wirklich „böse“ Kinder, die gemein sind, verhärtet und empathielos. Meistens verändern sie sich zum Guten, zeigen Reue – anders als die beiden „Nazi-Brüder“ in „Das geheime Stockwerk“, die zwar für ihre Vergehen bloßgestellt werden, ohne sich aber unter dem Einfluss ihrer regimetreuen Eltern zu verändern. Ist das für Kinder nicht besonders schwer, um nicht zu sagen belastend, solche negativen Charaktere zu spielen?

Auch über diese Rollen haben wir im Vorfeld viel gesprochen, vor allem darüber, dass sie nichts mit der Person zu tun haben, die sie spielt. Konstantin Horn, der den Nazi-Sohn Heinrich spielt, ist ein ganz lieber, netter Junge, dem es zunächst schwerfiel, den Bösen zu spielen. Ein zwölfjähriges Kind von heute hat gar nicht diese Körpersprache, die die gedrillten Hitler-Jungen damals hatten. Da haben wir sehr technisch gearbeitet, um zu vermitteln, wie man solch eine Körperspannung aufbaut, das hat Konstantin viel geholfen. So konnte er von der Rolle abstrahieren und verstehen, dass sie nichts mit ihm als Person zu tun hat.

Eine besondere Rolle kommt Georg zu, dem Schuhputzjungen, der sozusagen zwischen den Stühlen sitzt: Georg gehört eindeutig zu den Guten, doch in seiner arglosen Freundlichkeit und Gutgläubigkeit ist er verführbar und anfällig für propagandistische Versprechungen. Maximilian Reinwald spielt ihn temperamentvoll und strahlend optimistisch, inwieweit konntest du ihn technisch vorbereiten?

Technisch war das in der Tat das schwierigere Unterfangen, aber Maximilian war ein Glücksfall. Tatsächlich ist Georg eigentlich die interessanteste Figur im Film, weil sie etwas Ambivalentes hat und eine Entwicklung durchmacht, die sie erkennen lässt, was für ein Bullshit das mit den Nazis ist. Maximilian ist ein echter Sonnenschein, es war eine Freude, mit ihm zu arbeiten, und er füllt die Rolle unglaublich gut aus. Beim „Goldenen Spatz“ hat er den Darstellerpreis gewonnen und wurde zum Helden aller Herzen.

Filmstill aus Ente gut!
"Ente gut!" (c) Weltkino

Man erkennt die Zuversicht in dieser Figur, die Chance, dass man nicht wehrlos verharren muss. Das jüdische Mädchen Hannah, gespielt von Annika Benzin, sagt einmal: „Ich hasse es, wenn ich nichts verstehe.“ Genau darum geht es in deinen Filmen: Dass die jungen Heldinnen und Helden erkennen und verstehen wollen. Immer wieder verstecken sie sich, beobachten aus der Distanz, sogar durch ein Fernrohr, ziehen daraus ihre Schlüsse, die mitunter falsch sind, bald aber überprüft und revidiert werden, sodass Verstehen einsetzt …

Das ist mir bewusst noch gar nicht so aufgefallen. Vielleicht ist das aber ein Teil meiner eigenen Welterfahrung, dass mir die Welt so, wie sie ist, immer etwas rätselhaft vorkommt und ich mich auf den Weg mache, um sie zu verstehen. Es hat gewiss auch mit beiden Drehuchautorinnen zu tun, das ist auch ihr Thema. Und ich glaube bei mir kommt dazu, dass ich schon als Junge zu den Pfadfinder*innen kam und dort bis heute aktiv bin, das wurde zu einer der wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben. Da geht man gemeinsam in den Wald, und das Beobachten und Wahrnehmen der Natur steht ganz stark im Mittelpunkt. Und wenn wir im Wald „Räuber und Gendarm“ spielten, ging es auch viel ums Beobachten.

Es gibt noch ein weiteres Motiv, das auf unterschiedliche Weise immer wieder auftaucht: das der Väter. Da geht es oft um ihre Abwesenheit, etwa in „Toni Goldwascher“ und „Tom und Hacke“ durch den Krieg, in „Ente gut!“ durch ganz andere (Liebes-)Umstände, bis der Vater dort gleichsam als Deus ex Machina zum guten Ende beiträgt. Auf der Vergangenheitsebene von „Das geheime Stockwerk“ sind die Väter antagonistische Gegenspieler, die ihre Kinder entsprechend prägen. Die Mütter (oder die Tante als Mutterersatz in „Tom und Hacke“) sind dagegen hilfreicher, geduldiger, oft auch liebevoller.

Das hat wohl ebenfalls biografische Hintergründe. Ich bin zwar nicht vaterlos aufgewachsen, aber mein Vater war komplett kriegstraumatisiert und emotional oft gar nicht anwesend. Diese Situation, die ich aus meiner eigenen Kindheit kenne, ist gewiss mit ein Grund dafür, dass es mich immer wieder zu solchen Filmgeschichten hinzieht.

Die dann umso schöner sind, weil du immer wieder sowohl sinnhafte als auch sinnliche Kinobilder erfindest: den tröstenden Konfettiregen in „Ente gut!“, den magischen Fahrstuhl als Kapsel durch Zeit und Raum, das Motiv Wasser. Da ist ein Fluss das Sinnbild ständigen Fließens, in „Zwischen uns die Mauer“ erzählt eine Pfütze von quälendem Stillstand, eine Überflutung von emotionalem Übersprung. Und dann gibt es immer wieder diese Jonglage mit Licht und Schatten: Licht, das die Seele wärmt, Schatten, die in bedrohliche Bereiche vordringen ...

Für „Zwischen uns die Mauer“ habe ich ein Motiv als Gegenbild zu dieser schrecklichen Mauer gesucht. So kam ich auf das Wasser, das sich im Gegensatz zu der absurden deutsch-deutschen Grenze nicht halten lässt und der Inbegriff von Freiheit ist: Egal, was man unternimmt, es wird immer weiterfließen. Mir war von Beginn an klar, dass Anna an einem großen Fluss leben muss. Für mich ist es immer wieder ein Erlebnis, an einem Fluss zu stehen. Das hat etwas Verbindendes, man ist verbunden mit der Ferne, ein Fluss fließt immer irgendwo hin. Zum Motiv des in der Tat essenziellen Lichts: Ich habe mich viel mit Rainer Fassbinder und seinen Filmen auseinandergesetzt, habe unter anderem meine Magisterarbeit über „Angst essen Seele auf“ (1974), aber auch über „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982) geschrieben. Darin fällt einmal dieser wunderbare Satz, wenn Veronika Voss den Sportreporter Robert Krohn, den sie erst kurz zuvor in prasselndem Regen kennengelernt hat, fragt: „Licht und Schatten, das sind die beiden Geheimnisse des Films, wussten Sie das?“ Dieser Satz hat sich bei mir tief eingeprägt.

Filmstill aus Tom und Hacke
"Tom und Hacke" (c) Zorrofilm

Womit wir beim zentralen Aspekt deiner Filme sind: der Freiheit als unschätzbar hohem Wert für ein selbstbestimmtes Leben. Wofür es zu kämpfen gilt, immer wieder neu und gegen alle Verunsicherungen, Ängste und Rückschläge.

Ja, absolut, Freiheit gehört zu den allerhöchsten Werten, und ich bin so froh, dass wir in einem Land leben, wo wir diese Freiheit haben. Dass sie zu Corona-Zeiten eingeschränkt werden musste, hatte mich bereits mit großer Sorge erfüllt, mit noch weit größerer Angst erfüllen mich die unguten Entwicklungen, die im Moment passieren: Dass viele Menschen Freiheit inzwischen gar nicht mehr wertschätzen, sich sogar einen Einparteienstaat vorstellen können und sich nach einem „guten Diktator“ sehnen, den es aber nun mal nicht gibt.

Deswegen kommt „Das geheime Stockwerk“ zur rechten Zeit. Es gibt darin Dialogstellen, die sich förmlich als Bezug zur gegenwärtigen Aktualität aufdrängen. Einmal wird der von Silas John gepielte Karli , dieser mutige und doch immer stärker zweifelnde und manchmal auch verzweifelnde Zeitreisende, gefragt, ob in seiner Zeit die Nazis noch an der Macht seien, ein anderes Mal will man von ihm wissen, ob das denn in seiner Zeit möglich sei, sich zu wehren. Beide Male möchte man an Karlis beruhigend gemeintes „Ja“ intuitiv ein „aber“ anhängen …

Als wir die Premiere des Films beim Festival „Goldener Spatz“ feierten, hatten wir auch mehrere Schulvorstellungen. Bei einer davon saßen wir in einem vollen Kino und in einer der mittleren Reihen waren einige Jungs, die während der Vorführung anfingen, ganz schlimme Witzchen zu reißen, immer dann, wenn ein Hakenkreuz auftauchte oder wenn die Gäste in der Hotelbar die Hand zum Hitlergruß heben. Da dachte ich mir, oh Gott, das kann jetzt ja heiter werden. Je weiter der Film dann aber lief, desto leiser wurde es, und am Ende war Totenstille – auch in dieser besagten Reihe. Später kam die Lehrerin zu mir und sagte, dass in ihren Augen kaum etwas Besseres hätte passieren können. Sie kannte ihre Pappenheimer, und dass diese jetzt so etwas wie Ansätze von Empathie entwickelten, hatte sie zu Tränen gerührt.

Filmstill aus Das geheime Stockwerk
"Das geheime Stockwerk" (c) Kevin Lee, Amour Fou 2025

Das ist ja etwas, das auch Karli auszeichnet: dass er, wenn er schrittweise immer mehr über die Nazi-Zeit erfährt, in seiner Bestürzung fähig ist zu weinen.

Im Grunde reiht ein schulischer Geschichtsunterricht immer nur Fakten aneinander, die am Ende dann abstrakt bleiben. Wirklich berühren kann einen ein Thema erst dann, wenn man Empathie entwickelt, und genau das ist bei Karli der Fall. Er erfährt nicht nur schrittweise all diese schrecklichen Dinge, sondern wird zugleich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass all dies nun auch Hannah, die er so wahnsinnig gerne hat, passieren wird. Er ist todtraurig, weil er sie nicht mehr treffen, vor allem aber auch, weil er ihr nicht helfen kann. Er würde sie gerne warnen und ihr mitteilen, dass sie so schnell wie möglich das Land verlassen muss. Aber er muss erkennen, dass er ihr nicht mehr helfen kann, denn der Zugang in die Vergangenheit ist versperrt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, den wir Karli mitgeben wollten. Es gibt viele Kinder wie ihn, die nichts über die NS-Zeit wissen. Auch Karli erfährt nur wenig von seiner gutmeinenden Mutter, die aber Skrupel hat, ihm die ganze Wahrheit über die NS-Zeit zu erzählen, da sie glaubt, sie müsse ihn schützen. Außerdem funktioniert das Internet auf der Hotelbaustelle noch nicht und in dem Tal in den Alpen gibt es keinen Mobilfunkempfang. Er gerät in eine schwierige Situation, ist im Grunde vollkommen naiv. Und erfährt von dem Grauen erst, als es längst zu spät ist.

Dennoch findet Karli am Ende Trost, nicht zuletzt, weil er selbst aktiv wird. Zudem gibt es, ganz im Sinne des fantastischen Erzählens, eine wunderbar heitere Schlusspointe zur Zeitreise-Thematik. Und doch ist das nicht das allerletzte Wort des Films, der vielmehr erst mit einem Insert schließt, das vor dem Abspann zu lesen ist: „Etwa 6 Millionen jüdische Menschen wurden während der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten ermordet.“ Ich denke, diese Platzierung war eine sehr bewusste Entscheidung, oder?

Mir ist das erst mit einer gewissen Distanz während der finalen Tonmischung bewusst geworden. Als die für den Film so wichtige Musik in der Mischung dazu kam und ich den Film zum ersten Mal als Ganzes mit Sounddesign und Musik auf der Kinoleinwand im Studio gesehen habe, dachte ich mir plötzlich, dass da jetzt noch ein Text kommen müsse. Wir haben dann noch mal viel darüber diskutiert und ich finde es natürlich richtig und wichtig für einen Kinderfilm, ein positives, hoffnungsvolles Ende zu setzen. Gleichwohl darf dies nicht dazu führen, dass die Kinder aus dem Kino herausgehen und denken, ja, jetzt ist alles wieder gut. Deshalb habe ich mich schließlich für diesem Abspanntext entschieden.

Im Februar 2026 war Norbert Lechner auch zu Gast bei Thomas Hartmann im Podcast "Wieso? Weshalb? Warum?"

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