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| von Reinhard Kleber

„Wir halten an der Idee von Kinder- und Jugendfilmarbeit vor Ort fest und werden die nicht so schnell aus der Hand geben‟

Interview mit Reinhold T. Schöffel über das Jubiläum des BJF

Ein großer runder Geburtstag – in einem denkbar ungünstigen Jahr, um diesen richtig feiern zu können. 2020 kann der Bundesverband Jugend und Film auf 50 Jahre kulturelle Filmarbeit für Kinder und Jugendliche zurückblicken. Reinhard Kleber hat beim Filmfestival „Schlingel‟, wo die zentrale Jubiläumsfeier stattfand, mit dem langjährigen Geschäftsführer Reinhold T. Schöffel über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Vereinsarbeit, Veränderungen der Medienlandschaft von Kindern und Jugendlichen sowie Pläne des BJF für die Zukunft gesprochen – wenige Tage vor dem November-Lockdown.

Bundesverband Jugend und Film

Wie würdest Du angesichts der Corona-Pandemie die aktuelle Situation des BJF beschreiben?

Natürlich ist das 50. Jahr jetzt in Corona-Zeiten ein sehr schwieriges, denn unsere Hauptbeschäftigung ist es, Filmveranstaltungen für Kinder- und Jugendliche zu unterstützen. Seit dem Stillstand im März konnten solche Veranstaltungen aber drei Monate gar nicht stattfinden. Im Sommer ging es dann langsam wieder los. Doch der Rückgang ist immer noch deutlich spürbar. Wir müssen uns auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren und die Menschen nach Aufhebung der Kontaktbeschränkungen wieder neu motivieren, Filme dort zu zeigen, wo sich Kinder und Jugendliche treffen. Und wir müssen klarmachen, dass das möglich ist, ohne dass man gleich einen Hotspot kreiert.

Was sind denn die Kernkompetenzen?

Besondere Filme zu finden und zu zeigen. Filme, die eine herausragende Qualität haben, die Kindern und Jugendlichen etwas Besonderes zu sagen haben und sich mit Anspruch an ihre Zielgruppe wenden. Solche Filme brauchen die Filmkultur, das gemeinsame Erleben, die Begegnung und das Gespräch darüber. Das ist die Kernkompetenz, die wir pflegen wollen. Dazu müssen wir unsere Mitglieder ermutigen, in Sachen Corona strikte Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Im Jahr sehen schätzungsweise 200.000 bis 300.000 Kinder und Jugendliche unsere Filme, ob in Schulen, Kirchengemeinden und ähnlichen Räumen. Diese Formen der Kinder- und Jugendfilmkultur sind es wert, dass man sie erhält.

Der Verband hat früh ein Corona-Schutzkonzept erarbeitet. Welche Erfahrungen machen die Mitglieder damit, zumal die Bundesländer recht unterschiedliche Beschränkungen verfügen?

Wir haben noch keine große Erfahrung sammeln können. Im Sommer haben etliche Veranstaltungen im Hinterhof oder im Garten stattgefunden. Viele Jugendeinrichtungen verfügen ja auch über eine Freifläche. Da wurden Filme zum Teil aus dem Fenster hinausprojiziert. Es war auf jeden Fall eine erfolgreiche Erfahrung für die Einrichtungen, dass es möglich war, wieder zusammenzukommen. Auf diesen Erfahrungen müssen wir aufbauen.

Wie hat sich denn in den letzten Jahren die Zahl der Mitglieder entwickelt?

Wenn man sich die Entwicklung der Mitgliederzahl in den letzten 20 Jahren anschaut, dann ist die von 1100 auf 850 zurückgegangen. Aber wenn man in der Nachbarschaft beobachtet, was im Filmbereich und der Jugendarbeit den Bach runtergegangen ist, stehen wir nicht schlecht da.

Stichwort Medienkonsum: Welche Folgen hat der Trend zu Streamingdiensten für den Verband?

Generell lässt sich sagen, dass Medien in der Jugendarbeit schon mal einen größeren Stellenwert hatten. Gerade in den letzten fünf Jahren findet der Medienkonsum immer mehr privat statt. Wir stellen fest, dass immer mehr Medienaktivitäten zuhause am Computer oder Tablet stattfinden. Jugendliche kommunizieren auch immer mehr über Medien, tun das aber nicht unbedingt gemeinsam. Auch Computerworkshops im Jugendhaus finden seltener statt. Im Vergleich dazu haben sich Filmveranstaltungen relativ gut gehalten.

Wir registrieren natürlich Rückgänge, denn für viele Jugendliche ist eine Netflix-Serie einfach cooler als ein niederländischer Kinderfilm. Wenn sie den aber doch gesehen haben, ändern sie oft ihre Meinung. Doch der Coolness-Faktor der großen VoD-Portale ist natürlich enorm. Da müssen wir kräftig gegensteuern und die Bedeutung von gemeinsam erlebter Kinder- und Jugendfilmkultur unterstreichen.

Gerade junge Leute merken jetzt aber auch, wie wichtig es ist, zusammenzukommen und sich auszutauschen, gemeinsame Ziele zu formulieren und die auf die Straße zu tragen. Da kommt eine neue Welle auch beim kulturellen Selbstverständnis von Jugendlichen zusammen, wo wir auch sehen, wie andere Werte entstehen. Genannt sei nur die Bewegung 'Fridays for Future'. Die steht für eine Generation, die auch wieder zusammenkommt, um ihre Interessen zu vertreten.

Die Verfügbarkeit von Kinder- und Jugendfilmen auch abseits des Mainstreams hat sich ein wenig verändert in den vergangenen Jahren. Wie wirkt sich das auf die Arbeit des Verbands aus?

Wichtig ist das Netzwerk. Das wollten wir auch mit unseren Jubiläumsfeiern ein Stück weit mitdarstellen. Festivals sind ein sehr wichtiger Punkt in diesem Netzwerk. Da werden Filme entdeckt. Wir erleben sie hoffentlich bald wieder gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen, so dass man auch authentisch beurteilen kann, wie Filme bei ihnen ankommen. Dann gilt es, über die Filme zu diskutieren und Verbündete zu suchen, etwa beim Kinderkanal oder bei Filmverleihern. Das kann bei manchen Filmen, die uns besonders wichtig sind, auch mal schwierig werden. Manchmal kommen wir mit Filmen und fragen, ob sie mit uns kooperieren wollen, um diesen Film nach Deutschland zu holen, oder die Partner haben selbst Filme entdeckt und fragen uns nach einer Zusammenarbeit. Zuweilen hilft dabei das Preisgeld, das ein Film etwa beim „Schlingel‟ gewinnen und das in eine deutsche Synchronisation fließen kann. Wir haben auch schon mit einem kleinen VoD-Portal zwei Filme herausgebracht. Es heißt FilmConfect und nimmt auch mal anspruchsvolle Kinderfilme ins Repertoire, um ein medienbewusstes Familienpublikum zu erreichen.

Welchen Stellenwert hat die Nachwuchsförderung etwa in der Jungen Filmszene im BJF?

Sie spielt eine große Rolle. Diesen Bereich haben wir vor 25 Jahren aufgebaut. Die Werkstatt der jungen Filmszene gibt es sogar schon seit über 50 Jahren, die hat früher der Verband der Filmclubs betrieben. Ausgangspunkt war der Gedanke, Jugendliche zu befähigen, auch selbst Filme zu machen. Dazu diente von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre Super 8, danach VHS. Inzwischen drehen die jungen Leute digitale Filme. Das ist eine Szene, die hat sich stark verbreitet. Wir waren die ersten, die nicht nur ein Festival oder einen Wettbewerb organisiert haben, sondern kontinuierlich Angebote für den Informations- und Beratungsbedarf gemacht haben.

In der Zwischenzeit hat sich sehr viel ins Internet verlagert. Deshalb haben wir auch ein Internetangebot für Jugendliche, die selbst Filme drehen möchten. Wir helfen auch da, wo die Zielgruppe nicht weiterkommt, etwa bei der Frage: Wo können solche Filme gezeigt werden? Wir sind da national wie international gut vernetzt und damit eine zentrale Plattform für den kreativen Informationsaustausch. Wir bieten inzwischen auch ein Festivalportal an, in dem Jugendliche umsonst ihre Filme einstellen können und ohne große Bürokratie bei einschlägigen Festivals anbieten können. Bei „Filmfestivals4U“ werden im Jahr mehr als 1000 Filme angemeldet, die den Weg zu Festivals finden können. Außerdem geben wir Tipps auf Workshops zu spezifischen Themen wie Musik im Film. Wer sich ein teures professionelles Seminar nicht leisten kann, kann bei uns erfahren, in welcher Medienwerkstatt in Deutschland ein ähnlicher Workshop stattfindet. Wir wissen, dass konstant mehr als 3000 Jugendliche den Service dieser Plattform nutzen.

Wie siehst du die Perspektiven des BJF und seiner Mitglieder für die nächsten Jahre?

Wir halten an der Idee von Kinder- und Jugendfilmarbeit vor Ort fest und werden die nicht so schnell aus der Hand geben. Wir werden sehr oft gefragt: 'Na, Ihr habt doch einen Online-Filmclub betrieben während des Lockdowns. Ist das vielleicht eine Zukunftsperspektive?' Das sehen wir so erst mal nicht. Wir wollen an der Veranstaltungsform Film in der Jugendeinrichtung festhalten, auch wenn es da kein richtiges Kino gibt. Wenn es nötig sein sollte, andere Wege zu gehen, um das Zielpublikum zu erreichen, sind wir dafür offen.

Unser Medienverleih ist weitgehend digitalisiert. Insofern ist das state of the art, wie wir Filme in Jugendeinrichtungen bringen können. Dementsprechend sind wir da so gut aufgestellt, wie wir es sein können. Und beim inhaltlichen Anspruch wollen wir so schnell keine Kompromisse machen.

"Youth Unstoppable" (c) BJF

Der BJF bringt demnächst als Verleiher erstmals mit „Youth Unstoppable‟ einen Langfilm in die regulären Kinos. Warum dieser Schritt jetzt?

Wir haben beschlossen, zum Jubiläum keine pompösen Feiern abzuhalten, sondern nach dem Lockdown ein Zeichen zu setzen und zum ersten Mal einen Film ins Kino zu bringen. Eben weil es ein Film ist, der unsere Ideen in besonderer Weise verkörpert. „Youth Unstoppable‟ wurde von einer Jugendlichen gedreht über ein Anliegen, das Jugendliche gerade auf die Straße tragen, und dieser Film bringt sehr authentisch die neue politische Jugendbewegung auf die Leinwand und damit auch in weitere Kreise.

Nun sind wir weltweit die ersten, die diesen Film ins Kino bringen. Seit zwölf Jahren nimmt die Kanadierin Slater Jewell-Kemker an Weltklimakonferenzen teil, sie hat diese gesamte Bewegung mit der Kamera begleitet und das auch mit einer professionellen Qualität hinbekommen. Das ist ein kraftvoller Film, die Resonanz auf die ersten Vorführungen im Kino ist überwältigend. „Youth Unstoppable‟ ist für uns schon das 50-Jahre-Thema schlechthin.

Was war das entscheidende Motiv, den Film auch in reguläre Kinos zu bringen und nicht allein nicht-gewerblich anzubieten?

Es gibt eine Reihe von Kinos, die gerne und gut Dokumentarfilme zeigen. Wir gehen nicht davon aus, dass wir mit Hunderten von Kopien durch die Landschaft ziehen. Aber ich glaube, das sind Filme, die gerade gefragt sind und die engagierten Arthouse- und Kommunalen Kinos den Weg zum jungen Publikum öffnen können.

Macht der Verband die konkrete Verleiharbeit selbst?

Das Billing & Booking erledigt unsere Dispo bei medien.rlp in Mainz, die schon seit 50 Jahren unsere Filme an nicht-gewerbliche Spielstellen verleiht. Die kriegen das jetzt auch für Kinos hin. Wir arbeiten aber natürlich mit einem externen Dienstleister zusammen, der zum Beispiel die DCPs auf Festplatte vervielfältigt und ausliefert. Auch die Pressebetreuung haben wir ausgelagert. Da haben wir uns punktuell verstärkt.

Plant der BJF, weitere Filme in die gewerblichen Kinos zu bringen?

Es ist erst mal ein einmaliges Projekt. Da steckt also kein Zukunftsplan dahinter. Wir wollten diesen speziellen Film auf diese Weise herausbringen, auch weil die Schulkinowochen von vornherein als Verbündete mit dabei waren. Der Film läuft bei dem Sonderprogramm 17 Ziele der Schulkinowochen und wird in den nächsten 12 Monaten da auch zu sehen sein. Zudem wurde er gerade für BritFilms gebucht, weil er sprachlich überwiegend auf Englisch ist. Wir zeigen mit dem Projekt, dass wir offen für neue Ideen und Projekte sind. Ich sehe aber derzeit nicht, dass es für uns notwendig ist, gute Kinder- und Jugendfilme in die Kinos zu bringen. Da gibt es einige sehr engagierte Verleihpartner, bei denen solche Filme gut aufgehoben sind.

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