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Interviews | | von Reinhard Kleber

„Ja, gebt den Jugendlichen das Mikro!“

Ein Gespräch mit Dascha Petuchow, der neuen Leiterin der Sektion Young Audience bei den Nordischen Filmtagen Lübeck

Die Nordischen Filmtage in Lübeck haben einen wichtigen Stellenwert im Kalender der Kinder- und Jugendfilmbranche. In diesem Jahr hat Dascha Petuchow die Leitung der Sektion Young Audience übernommen. Im Interview erzählt sie über ihre Begeisterung für Kinder- und Jugendfilme, die Bedeutung des Schulkinos, die Versuche, möglichst viele Kinder und Jugendliche einzubinden – und ihr Vertrauen in das junge Publikum.

Portraitfoto von Dascha Petuchow
Die neue Leiterin der Sektion Young Audience bei den Nordischen Filmtagen Lübeck: Dascha Petuchow - Quelle: privat

Seit Juni hat die Kinder- und Jugendfilmsektion der Nordischen Filmtage in Lübeck eine neue Leiterin. Dascha Petuchow hat die Nachfolge von Hanna Reifgerst angetreten, die zu Jahresbeginn die Künstlerische Leitung des Festivals übernommen hat. Die neue Kuratorin hat an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden Kommunikationsdesign studiert und eigene Projekte als Autorin und Regisseurin realisiert. Ab 2018 war sie bei der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) für das bundesweite Projekt FBW-Jugend Filmjury verantwortlich, das seit diesem Jahr unter der Trägerschaft des Bundesverbands Jugend und Film e.V. (BJF) als BJF-Jugend Filmjury fortgeführt wird.

Wie wichtig sind für Sie Kinder- und Jugendfilme? Warum beschäftigen Sie sich damit professionell?

Das hat sich bei mir durch einen Zufall ergeben. Ich habe als Werkstudentin bei der FBW angefangen, bei der ich für die FBW-Jugend Filmjury (heute: die BJF-Jugend Filmjury) tätig war. So kam ich in die Branche. Ich habe zugleich gemerkt, dass das auch die Filmrichtung ist, die ich mir am liebsten anschaue. Als ich das erste Mal auf der Berlinale war, habe ich mir die Beschreibungen der Filme durchgelesen und ein Programm zusammengestellt. Am Ende sah mein Plan fast komplett hellblau aus. Ich hatte also fast ausschließlich Filme aus der Sektion Generation ausgewählt. Im Endeffekt habe ich festgestellt: Das waren die Filme, die mich am meisten berührt oder aufgewühlt haben.

Sie haben zur Vorbereitung des Young Audience-Programms in Lübeck in den vergangenen Monaten viele Filme aus dem Norden Europas gesichtet. Wie nehmen Sie das dortige Kinder- und Jugendfilmschaffen wahr?

Was mich in diesem Jahr begeistert hat, waren die aufwändig gestalteten Kurzfilme aus dem Baltikum. In den einen oder anderen Kurzfilm habe ich mich direkt verliebt. Allgemein würde ich sagen, dass sich durch die Einreichungen ein Thema durchgezogen hat: Es geht um die Suche nach dem Platz in der Welt, die sich gerade sehr verändert und zunehmend unvorhersehbar wird. Die Filme haben also etwas Aufrüttelndes und geben einem zugleich das Gefühl, mit den eigenen Fragen nicht allein zu sein. Das fand ich sehr schön.

Gibt es in der diesjährigen Kinder- und Jugendfilmsektion Schwerpunkte, die Sie hervorheben können?

Wir haben wieder die ganze Bandbreite dabei, vom ersten Kinoerlebnis für die Jüngsten bis hin zu Kino für Jugendliche und junge Erwachsene. Es geht oft um kleine und große Krisen, würde ich sagen. Bei den Filmen für die Jüngeren geht es auch viel um das Miteinander. Und bei den 14+-Filmen geht es auch um komplexere Angelegenheiten, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Das Festival organisiert ja seit Jahren ein Schulkino. Wie wichtig ist dieses generell für das Festival?

Sehr wichtig. Und die Nachfrage ist hoch. Es kamen sofort Buchungen rein, nachdem wir das Programm rausgeschickt hatten. Schon im Vorfeld hatten Lehrkräfte angefragt, wann denn das Programm kommt. Das Schulkino ist ein Tor für das junge Publikum. Wer teilnimmt, kommt nächstes Jahr hoffentlich wieder zu den Vorstellungen und wächst im Idealfall heran zu einem Erwachsenen, der uns weiterhin besucht.

Nach welchen Kriterien werden die Filme ausgewählt?

Wir möchten Kindern und Jugendlichen die Vielfalt des nordischen und baltischen Kinos zeigen. Bei der Auswahl achten wir deshalb auf künstlerische Qualität, unterschiedliche Erzählformen und Themen, die für die jeweilige Altersgruppe relevant und interessant sind. Dazu gehören ausdrücklich auch Filme, die gesellschaftliche Fragen aufgreifen und Gesprächsanlässe für den Unterricht bieten.

Haben Lehrkräfte ein Mitspracherecht?

Wir stehen in einem kontinuierlichen Austausch mit Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften. Ihre Rückmeldungen und Erfahrungen fließen in die Programmgestaltung ein. Das gilt ganz besonders für NFLplus: Hier entwickeln wir unsere Angebote nach dem Prinzip der Co-Creation und orientieren uns sehr stark an den tatsächlichen Bedarfen der Schulen. Auch die Entwicklung unserer Workshops geht auf solche Rückmeldungen zurück.

Wie erreichen Sie Einrichtungen außerhalb der klassischen Schulformate?

Wir haben über die Jahre einen umfangreichen Verteiler aufgebaut, der neben Schulen auch Jugendzentren, Kindertagesstätten und andere Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit umfasst. Über NFLplus arbeiten wir außerdem mit Vereinen, AGs und außerschulischen Bildungsträgern zusammen. Ein wichtiger Schritt für eine größere Reichweite war die Kooperation mit den Stadtwerken Lübeck: 2023 konnten wir erstmals kostenfreie ÖPNV-Tickets für Schulklassen anbieten. Das hat die Teilnahme deutlich erleichtert. Das ist in Lübeck besonders relevant, weil sich viele Kulturorte in der Innenstadt konzentrieren. Für Schulen aus den äußeren Stadtteilen bedeutet ein Kinobesuch zusätzlichen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Wenn wir diese Hürden senken, erreichen wir auch Kinder und Jugendliche, die sonst möglicherweise keinen Zugang zu unseren Angeboten hätten.

Wie wichtig sind Diversität und Barrierefreiheit?

Das ist für uns ein ganz zentraler Aspekt. Wir haben unser Publikum in den vergangenen Jahren nicht nur sozial und geografisch diversifiziert, sondern auch die Altersgruppen deutlich erweitert. Mittlerweile beginnen unsere Angebote bereits bei vier Jahren. Wir möchten Kinder möglichst früh und in einem sicheren, begleiteten Rahmen an den Kulturort Kino heranführen. Gleichzeitig ist das Schulkino ein wichtiger Ort, um barrierearme Formate auszuprobieren. So haben wir beispielsweise sensorisch angepasste Vorstellungen zunächst im Rahmen des Schulkinos getestet. Auch in diesem Jahr gibt es wieder solche Screenings für Menschen, die empfindlich auf Reize reagieren. Da lassen wir etwas Restlicht an, machen nochmal eine spezielle Anmoderation.

In diesem Jahr zeigen wir den Film „Nipster“ sowie das 16+ Kurzfilmprogramm mit SDH-Untertiteln. SDH steht für Subtitles for the Deaf and Hard of Hearing, das sind also Angebote für gehörlose und schwerhörige Menschen. Diese Untertitel sind im Kino und auch im Streaming verfügbar. Im Streaming haben wir teilweise deutsche, teilweise englische Untertitel. Außerdem werden fremdsprachige Filme für Kinder bis zu 12 Jahren deutsch eingesprochen, die Einsprachen sind auch im Streaming verfügbar.

Gerade durch den Austausch mit Förderschulen und Fördergruppen erfahren wir sehr konkret, welche Bedürfnisse bestehen und welche Anpassungen sinnvoll sind. Wir entwickeln unsere Angebote deshalb nicht am Schreibtisch, sondern gemeinsam mit den Menschen, die sie nutzen.

Filmstill aus Nipster
2026 im Jugendprogramm der Nordischen Filmtage: "Nipster" (c) Carbs Film

Zeigen die Nordischen Filmtage eigentlich auch Kinderfilmklassiker?

Ja, durchaus! Wir haben jedes Jahr eine Retrospektive, und gelegentlich nehmen wir daraus auch Filme ins Schulkino-Programm auf. In diesem Jahr ist beispielsweise ein Film aus der Hommage Teil des Schulkinos. Auch bei NFLplus haben wir einige Kinderfilmklassiker im Repertoire: von „Pippi Langstrumpf“ (Olle Hellbom, 1969) über „Die Brüder Löwenherz“ (Olle Hellbom, 1977) bis zu „Prop und Berta“ (Per Fly, 2000). Dazu kommen Filme, die man inzwischen durchaus als moderne Klassiker bezeichnen kann, etwa „Der Traum“ (Niels Arden Oplev, 2006) oder „Kletter-Ida“ (Hans Fabian Wullenweder, 2002). Wir finden es wichtig, Kindern und Jugendlichen nicht nur aktuelle Produktionen zu zeigen, sondern ihnen auch Filmgeschichte näherzubringen, denn Filmkultur besteht nicht nur aus dem, was gerade neu ins Kino kommt.

Mit NFLplus ergänzen die Nordischen Filmtage das klassische Festivalangebot im Herbst um ein ganzjähriges Beteiligungsformat für Lübecker Schulen und Gruppen. Wann und wie kam es dazu?

Aus der Idee heraus, das Angebot der Nordischen Filmtage über die fünf Festivaltage im November hinaus zu erweitern und das ganze Jahr über Zugang zu nordischer und baltischer Filmkultur zu schaffen, startete NFLplus nach einer Pilotphase im Herbst 2021/Anfang 2022. NFLplus wird zu 100 % durch die Possehl-Stiftung finanziert. Uns ist besonders wichtig, die Filmvorführungen und Workshops für Schulen und Gruppen kostenfrei anzubieten, denn Teilhabe sollte nicht von finanziellen Möglichkeiten abhängen.

Was ist das Hauptziel von NFLplus?

Unser Ziel ist es, Film und Kino dauerhaft im Alltag von Kindern und Jugendlichen zu verankern. Wir verstehen NFLplus als ganzjährige Medienbildungs- und Audience-Development-Strategie. Neben einem schönen Kinobesuch für Schulklassen ist uns wichtig, Film als Kunstform und als Medium der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen dauerhaft in der Bildungsarbeit zu verankern. Dazu bieten wir nicht nur Filmvorführungen an, sondern entwickeln auch medienpädagogische Begleitmaterialien und Workshops. Ein wichtiger Baustein ist unser kostenloser Online-Methodenkoffer. Besonders stolz sind wir auf die Workshops, die wir gemeinsam mit Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften entwickeln. Sie greifen Themen auf, die im Schulcurriculum häufig zu kurz kommen oder im Unterricht besondere Sensibilität erfordern. Ein Beispiel ist unser sexualpädagogischer Workshop für Jugendliche, in dem wir anhand eines Films über Sexualität, Beziehungen und persönliche Grenzen ins Gespräch kommen.

Wie wird NFLplus von den Schulen angenommen?

Wir erleben eine konstant gute Nachfrage. Es gibt mittlerweile Schulen und einzelne Klassen, die regelmäßig, also das ganze Jahr über, zu uns kommen. Einige Gruppen haben das Angebot auch schon ganz selbstverständlich in ihre Jahresplanung aufgenommen. Das ist natürlich besonders schön. Dass auch insbesondere die Workshops stark nachgefragt werden, bestätigt uns in unserem Ansatz, Film nicht isoliert zu präsentieren, sondern ihn mit praktischen und pädagogischen Angeboten zu verbinden. Viele Klassen kommen dann auch nochmal zusätzlich während des Festivals ins Schulkino, um neue Filme zu sehen.

Gibt es Vorbilder auf anderen Festivals?

Es gibt Festivals, die ganzjährige Vermittlungsangebote oder mobile Programmreihen anbieten. Ein Beispiel ist das Cinekid in Amsterdam, das nach dem Festival mit ausgewählten Filmen durch die Niederlande tourt. Ein vergleichbares Angebot, das Filmkatalog, regelmäßige Kinobesuche, medienpädagogische Workshops und einen eigenen Online-Methodenkoffer so systematisch miteinander verbindet wie NFLplus, ist mir allerdings nicht bekannt.

Wie viele Filme gibt es bei NFLplus und woher kommen sie? Sind das ausschließlich Filme, die bei den Filmtagen gelaufen sind?

Wir haben aktuell mehr als 50 Filme in unserem Filmkatalog. Dabei handelt es sich ausschließlich um Filme, die schon mal bei den Nordischen Filmtagen gelaufen sind. Die meisten beziehen wir über die Clubfilmothek des Bundesverbands Jugend und Film (BJF), mit dem wir eine entsprechende Kooperation haben. Darüber hinaus arbeiten wir mit einzelnen Filmverleiher*innen zusammen. Das Besondere ist also, dass wir unser Festivalprogramm nachhaltig weiterverwenden und die Filme auch über ihre Festivalpremiere hinaus einem jungen Publikum zugänglich machen.

Filmstill aus Kletter-Ida
Mittlerweile ein Klassiker: "Kletter-Ida" (c) EuroVideo

Zum dritten Mal organisiert das Festival dieses Jahr in Kooperation mit dem Superkunstfestival und der Kulturakademie der Diakonie Nord Nord Ost den Podcast BLOG:Buster. Darin berichten die jungen Festivalblogger*innen aus einem mobilen Studio im Nordic Film Truck über Filme und Events und führen Gespräche mit Gästen und Jurys. Warum dürfen erst Jugendliche ab 13 Jahren teilnehmen?

Das liegt an der internationalen Ausrichtung unseres Festivals. Die Jugendlichen führen Interviews mit Regisseur*innen und anderen Filmschaffenden aus verschiedenen Ländern. Diese Gespräche finden meist auf Englisch statt und uns ist wichtig, dass die Jugendlichen ihre Interviews selbstständig führen können, ohne dass wir auf Übersetzer*innen angewiesen sind. Deshalb setzen wir die Altersgrenze bei 13 Jahren an, denn ab diesem Alter können wir erwarten, dass sie die Gespräche sprachlich selbstständig bewältigen.

Was passiert in dem mobilen Studio?

Im Studio gibt es professionelle Aufnahmetechnik, gleichzeitig ist es auch der Treffpunkt unserer Kinder- und Jugendkulturredaktion. Hier entstehen Podcasts, Interviews und weitere redaktionelle Beiträge. Das Format hat eine längere Geschichte: Vor Corona gab es bereits unsere jungen Festivalblogger*innen. Damals lag der Schwerpunkt noch stärker auf geschriebenen Beiträgen, die gemeinsam mit einer Medienpädagogin erarbeitet wurden. Über die Jahre hat sich daraus erst ein multimediales und schließlich dann ein ganzjähriges Podcastangebot entwickelt.

Warum machen die Filmtage dieses Angebot?

Wir möchten jungen Menschen nicht nur Filme zeigen, sondern ihnen auch ermöglichen, das Festivalgeschehen selbst aktiv mitzugestalten. Der Podcast ist dafür ein besonders zugängliches Format. Die Jugendlichen lernen, Fragen zu entwickeln, Interviews zu führen, Geschichten zu erzählen und sich mit Kultur auseinanderzusetzen. Gleichzeitig erwerben sie technische Kompetenzen und lernen, eigenständig im Team zu arbeiten.

Wie wird das Angebot angenommen? Gibt es eine feste Gruppe?

Wir haben mittlerweile eine feste Stammgruppe von Jugendlichen, von denen einige schon seit mehreren Jahren dabei sind. Sie treffen sich auch außerhalb des Festivals und produzieren beispielsweise in den Herbstferien Sonderfolgen. Die Nordischen Filmtage sind für sie jedes Jahr ein besonderes Highlight. Während des Festivals arbeitet die Gruppe in mehreren Schichten und kleineren Teams. Dabei achten wir bewusst auf eine altersübergreifende Zusammensetzung, denn uns ist das Peer-to-Peer-Prinzip sehr wichtig: Die Älteren geben ihre Erfahrungen an die Jüngeren weiter.

Wer übernimmt dabei die fachkundige Begleitung?

Die fachliche und technische Begleitung erfolgt durch das Team des Superkunstfestivals und der Kulturakademie der Diakonie Nord Nord Ost. Die Jugendlichen erhalten eine Einführung in die Technik und haben während ihrer Arbeit feste Ansprechpartner*innen, die sie bei redaktionellen und technischen Fragen unterstützen. Dabei geht es uns aber nicht darum, alles vorzugeben: Die Jugendlichen sollen möglichst viel selbst entscheiden und organisieren. Und sie dürfen übrigens über alles berichten, was sie interessiert und wichtig finden. Auch Dinge, die sie stören oder ihnen nicht gefallen.

Filmstill aus Korketrekkeren
2026 im Kurzfilmprogramm der Nordischen Filmtage: "Korketrekkeren/The Corkscrew" (c) Fjordic Film

Ein kleiner Blick in die Zukunft: Haben Sie schon Ideen oder Pläne für strukturelle oder inhaltliche Änderungen in Ihrer Sektion?

Grundsätzlich hat Hanna Reifgerst die Sektion ganz toll vorangebracht. Ich freue mich sehr darauf, das zu übernehmen, denn das Programmangebot ist wirklich sehr fortgeschritten. Durch unsere Kinder- und Jugendjurys ist Partizipation gesichert.

Ich möchte erst mal mein erstes Festivaljahr zu Ende bringen und dann auswerten. In Zukunft ist es wichtig darüber nachzudenken, wen wir mit unserem Programm erreichen und wen vielleicht noch nicht. Aus meiner Arbeit bei der BJF-Jugend Filmjury weiß ich, dass es sinnvoll ist, zum Beispiel bei Juryaufrufen auch die Jugendzentren im Blick zu behalten. Wir wollen weiterhin natürlich Filme zeigen, in denen es etwas zu entdecken gibt, und parallel dazu Räume schaffen, in denen Kinder und Jugendliche ihre Gedanken entwickeln und austauschen können.

Sie haben ja jahrelang mit den Jugendjurys von FBW beziehungsweise BJF und in Filmvermittlungsprojekten gearbeitet und koordinieren diese ja auch weiterhin. Welche Erfahrungen bringen Sie daraus mit für Ihre neue Aufgabe als Sektionsleiterin in Lübeck?

Einerseits natürlich das Netzwerk. Durch die Tätigkeit bei der FBW bin ich in die Kinderfilmbranche reingewachsen und kenne inzwischen viele Akteur*innen der deutschen Kinderfilmszene. Andererseits habe ich seit 2018 mehr als 500 Kritiken von Kindern und Jugendlichen gelesen und auf die Homepage gestellt. Ich finde es immer wieder spannend, wie unterschiedlich Kinder und Jugendliche auf einen Film schauen können und wie sich ihre Alterseinschätzung unterscheiden kann. Ich habe zum Beispiel Filme angefragt, bei denen ich dachte, die eignen sich für ein ganz junges Publikum. Doch dann hat eine Jugendjury den Film gesehen und gesagt: Nee, das ist nichts für ganz junge, sondern erst ab 14 Jahren. Ich nehme daraus mit: Man sollte als Erwachsener offen sein, die eigene Einschätzung zur Alterseignung eines Films zu hinterfragen. Und es ist manchmal spannend, wie junge Leute auf Filme reagieren und wie sie das begründen. Generell denke ich, dass Kinder und Jugendliche möglichst viel mitgedacht gehören und involviert werden sollten. Jedes Mal, wenn ich unsere Jugendlichen irgendwo sprechen höre, sei es auf der BJF-Tagung, bei der Filmkunstmesse in Leipzig oder bei Festivals, denke ich mir: Ja, gebt denen das Mikro, lasst sie darüber reden!

Wie würden Sie Ihre Auffassung zur Sektion Young Audience zusammenfassen?

Wir sehen das Kino als kontinuierliche kulturelle Praxis. Uns ist wichtig, junge Menschen nicht nur als Publikum zu erreichen, sondern sie auch zu beteiligen: Sie sollen selbst auswählen, bewerten, Fragen stellen, gestalten und Entscheidungen treffen können. Medienbildung ist für uns deshalb auch Demokratiebildung: Filme zeigen andere Lebenswelten, machen unterschiedliche Erfahrungen sichtbar und regen dazu an, die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Wer lernt, Bilder und Geschichten kritisch zu lesen, erwirbt wichtige Kompetenzen für die aktive Teilhabe an unserer Gesellschaft.

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