Interviews | | von Reinhard Kleber
„Ich will auch etwas Neues machen.“
Der Kinderfilmproduzent Philipp Budweg
Philipp Budweg ist einer der bedeutendsten Produzenten des deutschen Kinderfilms. Im Werkstattgespräch erzählt er über seine Erfahrungen mit originären Stoffen, Markenadaptionen und Sequels, über die Zusammenstellung des passenden Filmteams und Casts, über Förderbedingungen – und den Wunsch, auch beim Produzieren immer wieder neue Wege zu gehen.
Philipp Budweg, 1972 in München geboren, gehört zu den versiertesten und produktivsten Produzent*innen von Kinder- und Jugendfilmen in Deutschland. Neben einigen Fernsehfilmen für Erwachsene hat er seit „Blöde Mütze!“ (2006) von Johannes Schmid 15 Spielfilme für Kinder produziert. Dabei handelt es sich sowohl um Adaptionen literarischer Vorlagen als auch um Verfilmungen originärer Stoffe.
Große Kinoerfolge feierte Philipp Budweg insbesondere mit zwei Trilogien: den drei Filmen „Rubinrot“ (2013), „Saphirblau“ (2014) und „Smaragdgrün“ (2016) nach den gleichnamigen Fantasy-Romanen von Kerstin Gier, der sogenannten Edelstein-Trilogie, sowie die drei Andreas-Steinhöfel-Adaptionen „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ (2014), „Rico, Oskar und das Herzgebreche“ (2015) sowie „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ (2016). Budwegs Produktionen wurden vielfach ausgezeichnet. So gewannen die drei Kinderfilme „Wintertochter“ (2011), „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Amelie rennt“ (2017) den Deutschen Filmpreis für den besten Kinderfilm. Beim Zlin Film Festival wurde „Kannawoniwasein“ (2023) mit dem Hauptpreis Golden Slipper als Bester Film ausgezeichnet. Am 23. April läuft Budwegs jüngste Produktion „Pferd am Stiel“ von Regisseurin Sonja Maria Kröner in den deutschen Kinos an.
Budweg studierte an der Universität München Germanistik und Kunstgeschichte. 2008 gründete er mit dem Produzenten Thomas Blieninger und den Regisseuren Marcus H. Rosenmüller, Stefan Betz sowie Johannes Schmid die schlicht und ergreifend Film GmbH. Im Jahr 2010 schloss sich der Produzent Robert Marciniak der Independent-Firma an, die ein Jahr später in Lieblingsfilm GmbH umbenannt wurde. Seit 2012 gehört Budweg der Deutschen und der Europäischen Filmakademie an.
Auf welchen deiner Filme bist du besonders stolz?
Immer auf den aktuellen Film. Der zieht die größte Aufmerksamkeit auf sich. Da bin ich aufgeregt. Funktioniert er? Was sagt das Publikum? Trotzdem habe ich tolle Erinnerungen an jeden Film, und sehr unterschiedliche. Natürlich hat das mit Preisen und Festivalteilnahmen zu tun. Manchmal wird man auch erst im Rückblick stolz, zum Beispiel wenn man drei Kinderfilme an der Deutschen Schule in Washington vorführen darf. Das war ein bisschen wie eine Workshop- oder Schulkinowoche. Oder wenn man mit einem Film nach Tokio, Tel Aviv oder in den Iran eingeladen wird.
Wann ist ein Kinderfilm für dich gelungen?
Wenn er das Publikum erreicht. Das hat nichts mit Erfolg an der Kinokasse zu tun, sondern ob der Film Kinderherzen berührt. Wenn neben der Hauptzielgruppe auch die begleitenden Eltern und Großeltern mit dem Film etwas anfangen können und nicht nur ihre Pflicht absitzen und sich langweilen, dann hat man schon viel erreicht.
Und wann ist ein Kinderfilm für dich gescheitert?
Das sind die Projekte, die nicht gedreht wurden. Bei denen es uns nicht gelungen ist, Sender oder Förderer zu finden. Zum Scheitern gehört aber auch, dass man aus so einer Projektentwicklung lernt und sich fragt: Was habe ich falsch eingeschätzt? Welche Ingredienzien haben gefehlt? War es nicht der richtige Zeitpunkt? Wenn man für einen Film keine Festivaleinladung bekommen hat, denkt man, oh, andere Filme sind ausgewählt worden. Das habe ich anscheinend für zu selbstverständlich gehalten. Solche Erfahrungen erden einen. Sie fordern auch heraus, bei der Auswahl neuer Projekte genauer hinzuschauen.
Werfen wir einen Blick auf deinen jüngsten Kinderfilm „Pferd am Stiel“, der dem beliebten Untergenre des „Mädchen-Pfere-Films“ mit dem Hobby Horsing eine neue Farbe hinzufügt. Wie ist die Idee entstanden, einen Film über diese Trendsportart zu drehen, bei der vor allem Mädchen auf Steckenpferden reiten und Turniere austragen?
Vor zwölf Jahren war ich auf dem Kinderfilmfestival in Malmö, wo eine finnische Frauengruppe ihr Dokumentarfilmprojekt „Hobbyhorse Revolution“ vorgestellt hat. Da habe ich zum ersten Mal von dieser neuen Sportart erfahren. Der fertige Film von Selma Vilhunen kam 2017 in die Auswertung und erzählt von einigen jungen Sportlerinnen, die auch damals schon mit Augenrollen betrachtet und mit Mobbing konfrontiert wurden. In Finnland hat sich der Sport längst etabliert und ist nun auch nach Deutschland rübergeschwappt. Es haben sich etliche Vereine gegründet und im Mai findet die nächste deutsche Hobbyhorse-Meisterschaft in Frankfurt am Main statt. Es gibt also eine Community, die das ernst nimmt und feiert.
Die Idee zu unserem Film kam von der Berliner Drehbuchautorin Gerlind Becker. Sie hat ihren Stoff an der Akademie für Kindermedien in Erfurt entwickelt und auf dem Festival Goldener Spatz gepitcht. Dort hat sie auch den Preis der Mitteldeutschen Medienförderung gewonnen. Ich hatte Lust auf das Projekt und habe Kontakt mit Gerlind aufgenommen. Da es ja ein Originalstoff ist, war er für die Initiative „Der besondere Kinderfilm“ prädestiniert. Wir haben ihn dann mit Hilfe der Dramaturgin Ulla Ziemann weiterentwickelt und erfolgreich eingereicht.
Die Hauptfiguren des Road Movies sind drei Mädels, zwei Mütter reisen nach Finnland, Regie und Drehbuch liegen in weiblicher Hand. Wie schätzt du die Chancen beim jungen männlichen Publikum ein?
Ich mache keinen Hehl daraus, das ist ein Mädchenfilm. In der Stoffentwicklung haben wir gezielt entschieden, den Fokus auf diese drei Mädchen und deren Freundschaft, insbesondere die zwischen Sarah und Dilek, zu legen. Und wir haben darauf verzichtet, da noch eine Jungsgeschichte reinzubasteln. Wir hatten eine Testvorführung in Bad Wörishofen mit Schulklassen, in denen auch Jungs drin waren. Das Ergebnis: Jungs ab 13 würden sich den Film nie freiwillig angucken. Aber Jungs um die acht Jahre, die im Klassenverband reingingen, hatten durchaus Spaß gehabt. Die fanden die Witze lustig. Sie konnten auch mit den Jungs mitgehen, die sich im Film erst lustig machen über die jüngeren Mädchen, aber dann später im Dönerladen mit Sarah mitfiebern und die Daumen drücken.
Am Ende ist es auch eine Abenteuergeschichte. Denn Sarah und Beatrice trauen sich was, wenn sie einfach so zum Wettbewerb nach Finnland fliegen. Ich kann mir schon vorstellen, dass Kids da abstrahieren und sagen: Wow. Ich finde es auch gut, dass wir keine Super-happy-Geschichte erzählen, wo die Heldin am Ende auch noch den großen Preis abräumt. Dann lieber in der eigenen Community in München-Neuperlach gesehen und anerkannt werden. Die größere Wandlung findet dort statt.
Wie wichtig ist „Der besondere Kinderfilm“ nach deinen Erfahrungen für die deutsche Kinderfilmproduktion?
Extrem wichtig. Dadurch, dass da so viele Institutionen am runden Tisch sitzen und sozusagen mitfördern, hat das Gewicht und eine gewisse Verbindlichkeit. „Pferd am Stiel“ ist nach „Into the Beat“ (2019) der zweite „besondere Kinderfilm“ unserer Firma. Sehr erfreulich ist, dass die Initiative auch Debütleuten bei Drehbuch und Regie Chancen gibt. Barbara Kronenberg hat mit „Mission Ulja Funk“ (2021) ja ihr Debüt gegeben. Aktuell peilen wir gerade ein neues Projekt mit ihr an. Und die Regisseurin Sonja Maria Kröner hatte mit „Sommerhäuser“ auch nur einen Kinofilm realisiert, danach hat sie eine Pause eingelegt und zwei Jungs großgezogen. „Pferd am Stiel“ ist nun ihr zweiter Spielfilm.
Ein großer Vorteil der Initiative ist die Fernsehausstrahlung nach der Kinoauswertung. All die „besonderen Kinderfilme“, die im Kino oft nur so leidlich Besucher*innen gesammelt haben, kommen beim KiKA ja auf den Sendeplatz am Freitagabend. Und da machen sie richtig gute TV-Quoten. Dass da immer wieder Gegenwartsgeschichten ohne Bestsellervorlage super laufen, ist schon die Initiative wert. Bekanntlich schließt sie ja historische und Fantasystoffe aus. Aber sie entwickelt sich stets weiter und lässt neuerdings auch Dokumentarfilme und Animationen zu. Seit 2013 sind insgesamt schon 15 Filme entstanden. Und spätestens in der TV-Auswertung und in der KiKA-Mediathek werden sie auch wahrgenommen.
Andererseits muss ich sagen, die Initiative ist auch ein Feigenblatt. Wenn du etwa mit einem Stoff kommst, der auf einer Vorlage basiert, die kein Bestseller ist, wird es total schwierig, den umzusetzen. Denn ARD, ZDF und KiKA verweisen gerne auf das Argument: Wir machen ja schon den „besonderen Kinderfilm“.
Die Initiative ist eine Nadelohrförderung, denn trotz Drehbuchförderung für maximal sechs Projekte wird im weiteren Verlauf der Stoffentwicklung aus dem Pool immer weiter ausgesiebt. Zur Verteidigung muss man im Gegenzug sagen, es gab auch Filme, die in der Initiative gestartet sind, aber erst Jahre später außerhalb von ihr realisiert wurden.
Mit welchen Erwartungen gehst du an einen möglichen Kinderfilmstoff heran?
Grundsätzlich erwarte ich, dass ich etwas Neues erfahre. Ich will auch etwas Neues machen. Also ich würde nicht gleich wieder einen Pferdefilm herstellen oder wieder einen Tanzfilm wie „Into the Beat“. Ich suche aus dem Bauch heraus eher etwas, was mich herausfordert.
Bei der Edelstein-Trilogie hatte ich zum Beispiel keine Ahnung, wie man Zeitreisen erzählt. Da standen wir vor der Aufgabe, einen Weg zu finden, es möglich zu machen. Bei neuen Stoffen schaue ich mittlerweile genau hin, ob es in der Geschichte schon einen Trailer-Moment gibt, der ein Publikum faszinieren könnte. Also etwas, das ich auch gut pitchen könnte. Am Ende muss ich ja immer schauen: Lässt sich das finanzieren?
Welches Standing haben Kinderfilmproduzenten wie du in der deutschen Filmproduktionsszene?
Innerhalb der Szene ist man bekannt wie ein bunter Hund. Das ist auch okay, denn ich habe in dem Segment regelmäßig Filme produziert, bin ihm also treu geblieben. Ich besuche regelmäßig Festivals und Pitchings und schaue und höre mir neue Stoffe an. In diesem Zusammenhang bin ich dafür, zwischen Kinderfilm- und Family-Entertainment-Produzent*innen zu entscheiden. Das ist eine andere Wahrnehmung. Die Kordes-Schwestern mit der Marke „Die Schule der magischen Tiere“ haben aufgrund des großen Erfolgs ihrer Reihe, die immer weiter wächst, einfach ein anderes Standing als wenn ich ein Einzelstück wie „Pferd am Stiel“ realisiere. Das hat auch mit der Größe des Verleihs und dem Auftritt in der Öffentlichkeit zu tun. Ich finde, es muss beides geben: die etablierte Marke, die alle kennen und gelesen haben, und neue Geschichten, die von der Gegenwart erzählen.
Welche Rolle spielt dabei der Fakt, dass Kinder- und Jugendfilme seit Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Kinoproduktionen zählen? Hat sich dadurch dein Standing verändert?
Die Frage ist, ob du zu den Produzent*innen gehörst, die diese großen Filme und die Klassiker machen. Ich sehe mich mit Independent-Produktionen da eher in einer Nische. Im Übrigen gibt es in der Kinderfilmszene eine noch kleinere Gruppe, das sind die Animationsfilmer*innen. Die produzieren für den Weltmarkt und sind ein Exportschlager. Deutsche Animationsfilme haben wirklich ein Standing. Ich glaube, dass man da gutes Geld machen kann und sich Projekte refinanzieren lassen. Weil es allemal teuer ist, muss man koproduzieren und an eine weltweite Auswertung denken.
Der Erfolg der Animationsfilme wird aber hierzulande praktisch nicht wahrgenommen. Beim Deutschen Filmpreis wird zum Beispiel kein Preis für den besten Animationsfilm vergeben. Eigentlich müsste man drei Nominierungen haben: für große Filme wie „Heidi“, für originäre beziehungsweise besondere Filme sowie für Animationsfilme. Dann würden wir zumindest wahrgenommen werden.
Nach welchen Kriterien wählst du Stoffe für einen Kinderfilm aus?
Wenn ich ein Buch lese, entdecke ich manchmal schon fünf Szenen, die ich mir super als Film vorstellen kann. In so einem Fall wage ich dann meist den Schritt, das zu adaptieren, auch wenn es mühsam ist. Kommt jemand mit einem neuen Stoff zur mir, dann ist es wichtig, dass es nicht nur eine Idee ist, die gut gepitcht werden kann. In letzter Zeit fällt mir auf, dass da oft keine echte Geschichte dahintersteckt. Wenn der Stoff zu dünn ist, muss ich mich fragen: Gelingt es, aus dieser Idee eine tragende Geschichte für 90 Minuten Kinderfilm zu entwickeln?
Wie findest du die passenden Regisseur*innen und Autor*innen für einen vielversprechenden Kinderfilmstoff?
In der Regel auf Empfehlung. Bei Sonja war es so, dass ich ihren Debütfilm sehr mochte und dann den Hinweis erhielt, dass sie ihre Kindererziehpause beenden will und nach neuen Stoffen sucht. Wobei ich wusste, dass sie am liebsten ihre eigenen Projekte schreibt und entwickelt. Ich habe sie trotzdem gefragt: „Hast Du Lust auf ‚Pferd am Stiel‘? Ein üblicher Pferdefilm wäre für sie nicht in Frage gekommen. Darum ging es hier aber nicht. Insofern konnte sie da leicht andocken, auch wenn sie sich den fremden Stoff erst zu eigen machen musste.
Bei „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ (2014) und Neele Leana Vollmar war es ähnlich. Da hatte ich den Stoff und das Drehbuch entwickelt und habe eine Regisseurin gesucht. Neele kannte das Rico-Oskar-Universum bis dahin nicht. Sie hat die drei Romane mit auf eine Weltreise genommen und sich da schockverliebt. Und hat ihren Ansatz gefunden, die Geschichte zu erzählen. Auch Neele wurde mir empfohlen. Nach der erfolgreichen Komödie „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ (2009) war sie zudem bereits bankable.
Es traf sich gut, dass ich damals in Cannes Repräsentant*innen der Twentieth Century Fox kennengelernt habe. Die kannten die Bücher von Andreas Steinhöfel und wussten, wie sie in Berlin geliebt wurden. Auch die einschlägigen Fernsehredaktionen hatten die Bücher gelesen. Das erleichterte die Sache erheblich. Weil ein großes Studio wie die Fox den Stoff realisieren wollte, war umso wichtiger, wen wir als Regie anbieten können. Der Erfolg gab uns Recht: Neele hat dann 2016 auch noch „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ inszeniert.
Arbeitest du bevorzugt mit Regisseur*innen und Autor*innen, die du schon kennst?
Es ist eine Lernkurve, denn jedes Mal mit Debütleuten neu anzufangen ist mühsam. Ich habe aus solchen Kooperationen gelernt, dass ich frühzeitig Dramaturg*innen dazupacke. Es macht natürlich auch Sinn und mehr Spaß, mit einem bewährten Team aus Autor*in und/oder Regie zu arbeiten. Da geht man gemeinsam auf die Suche und fragt: Worauf hast du denn Lust? Welche Idee hast du?
So ergeben sich längere Zusammenarbeiten wie mit Johannes Schmid. Auch wenn es schon mal vier Jahre Pause gibt. Wir haben gemeinsam „Blöde Mütze!“ (2006) und „Wintertochter“ (2011) gemacht. Sechs Jahre später haben wir dann „Agnes“ (2016) hergestellt, eine Literaturverfilmung für Erwachsene. Er wollte nicht nur die Kinderfilmschublade bedienen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass Johannes dann mit Partner*innen in Österreich die Filme „Geschichten vom Franz“ (2022) und „Neue Geschichten vom Franz“ (2023) realisiert hat, nachdem man dort auf seine Kinderfilme aufmerksam geworden ist.
2023 haben wir gemeinsam für den WDR den Coming-of-Age-Film „Wir für immer“ gedreht. Ich freue mich sehr, dass Philip Günsch 2015 dafür den DAfNE-Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen als bester Hauptdarsteller erhalten hat. Das war eine tolle Leistung. Johannes hat ihn in seiner ersten großen Hauptrolle auch super geführt. Gerade sind wir wieder in der Entwicklung.
Welche Rolle spielt die Publikationsplattform für Deine Kinderfilme: Kino, TV, Streaming, Home Entertainment?
Die Realität ist einfach: Man kann nur für das Kino produzieren. Es gibt ja leider keine Auftragsarbeiten mehr von öffentlich-rechtlichen Sendern, KiKA inklusive. Ein Budget für einen 90-Minüter oder einen Adventsvierteiler wie früher? Nullinger! Die Streamer produzieren auch nicht. Sie zeigen allenfalls mal fremdproduzierte Kinderfilme. Im Prinzip streben wir also eine Finanzierung über eine Kino-Koproduktion mit den Öffentlich-Rechtlichen an. Die rühmliche Ausnahme ist jetzt RTL+ mit den beiden Staffeln der Serie „Neue Geschichten vom Pumuckl“. Weil die das erstmal seriell für ihren Streamer als große Marke aufgesetzt haben und dann der Kinofilm „Pumuckl und das große Missverständnis“ (2025) dazukam, der wiederum ein starker Werbeträger ist.
Inwieweit bist du als Produzent in die Auswahl der Kinderdarsteller*innen bei deinen Projekten involviert?
Ich bin immer eingebunden. In der Regel macht eine Casterin die Vorrecherche und organisiert das Ganze. Aber ich bin immer mit der Regie am Start, wenn es heißt, Kandidat*innen anzuschauen. Ich halte mich aber zurück. Für mich ist wichtig, dass ich da auch sehen kann, wie die Regie arbeitet, wie sie sich für die Kinder interessiert. Magisch ist für mich immer der Moment, wenn man sich zum Beispiel beim Anschauen der Bänder plötzlich ansieht und sagt: „Ah, das ist der Junge, der diese Rolle ideal verkörpert.“ Und alle der gleichen Meinung sind.
Die Dreharbeiten selbst sind für die Kinder eine intensive Zeit, denn sie wachsen extrem an der Aufgabe. Deshalb habe ich mir angewöhnt, beim Warm-up vor dem ersten Drehtag den Eltern zu sagen: „Danke, dass ihr uns eure Kinder anvertraut. Ihr werdet andere Kinder zurückbekommen!“ Die Eltern schauen mich dann immer mit großen Augen an.
Aber nach sechs Wochen Dreh sind die jungen Darstellenden tatsächlich ganz woanders. Ich habe den Eindruck, dass sie durch die Arbeit großes Selbstvertrauen gewinnen, zu sich selbst und zu dem, was sie da tun können. Sie lernen natürlich auch Disziplin. Weil sie einfach wissen, sie haben nur diesen begrenzten Zeitrahmen, um etwas gemeinsam zu schaffen. Wir haben auch stets Kinderbetreuer*innen dabei, die sie immer wieder auffangen und in den Pausen für Abwechslung sorgen können. Machen wir uns nichts vor: Da ist natürlich ein großer Druck dabei. Es ist auch eine große Verantwortung der Regie, die Kinder immer wieder zu motivieren und auch zu erkennen, es bringt jetzt nichts mehr, eine Szene nochmal zu wiederholen.
Meistens ist es auch so, dass ich die Eltern mitcaste. Ich gucke nicht nur nach den Kindern, sondern auch, aus welchem Elternhaus sie kommen. Ob die da gut aufgehoben sind und dass es keine Eislaufmama gibt, die ihr Kind nach vorne pusht. Und wir dann das Problem haben, dass das Kind seine Motivation verliert.
Sechs Wochen Dreh sind für Kinder aber auch eine erhebliche Belastung …
Klar. Es ist anstrengend. Das wissen die Kinder auch. Wir können denen da nichts vormachen. Es wird Tage geben, wo sie an ihre Grenzen stoßen. Aber die gemeinsame Aufgabe verbindet sie auch. Unsere drei Mädels in „Pferd am Stiel“ sind noch heute Freundinnen, zwei wohnen in Berlin, eine in München, aber dennoch besuchen sie sich regelmäßig.
Ähnlich war es bei „Mein Lotta-Leben – Alles Tschaka mit Alpaka“ (2022), den wir auf der Insel Amrum gedreht haben. Klassenfahrt. 13 Kinder mit Sprechrollen in der Hauptsaison. Der Horror. Aber die Kinder habe es geliebt, am Drehende noch am Strand zu sein und gemeinsam Quatsch zu machen oder den Tag ausklingen zu lassen. Da haben die wirklich gebondet.
Was adaptierst du bei Kinderfilmen lieber? Originäre Stoffe oder bekannte Marken?
Das ist schwer zu sagen. Die Frage ist: Kommt man an die Marken überhaupt noch ran? Für mich war es ein Luxus, diese beiden Trilogien zu drehen: „Rico und Oskar“ sowie die Edelstein-Filme. Bei „Rico und Oskar“ hatten wir einen Deal mit der Twentieth Century Fox, dass wir die Kinoauswertung nicht abwarten müssen, sondern am Stück weiterdrehen können. Die beiden Jungs waren im ersten Sommer neun Jahre alt, im nächsten zehn, dann elf. Wenn sie dann in den Stimmbruch kommen, funktioniert das Ganze nicht mehr. Es wäre einfacher gewesen, mit 13- oder 14-jährigen Jungs zu drehen, aber wir wollten genau diese Altersgruppe. Die Planungssicherheit war jedenfalls sehr angenehm, so konnten wir während des ersten Drehs schon am nächsten Drehbuch arbeiten.
Überraschenderweise hat dann Andreas Steinhöfel einen vierten Roman über Rico und Oskar geschrieben. Doch leider zu spät – das Zeitfenster war schon geschlossen, die Jungs waren zu alt für die Rollen. Ich wollte aus dem Stoff sogar einen Fernsehfilm für die Adventszeit machen, den ein Sender nach den drei Kinofilmen hätte zeigen können. Das war nicht finanzierbar. Es gibt leider keinen Automatismus.
Bei der Edelstein-Trilogie lief es etwas anders. Da mussten wir jeweils abwarten, wie der Film im Kino ankam. Weil das gut geklappt hat, bekamen wir schnell grünes Licht, so dass es weitergehen konnte.
Aber du verfilmst doch auch gerne originäre Stoffe …
Klar, aber das ist eine ganz andere Herangehensweise. Bei „Amelie rennt“ (2017) bin ich im ersten Jahr der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ in Kontakt getreten mit der Drehbuchautorin Natja Brunckhorst und habe sie gefragt: „Was hast du denn an Originalgeschichten auf Lager?“ Als sie dann von ihrer Amelie-Geschichte erzählt hat, war mir sofort klar, dass ich Lust darauf habe. Wir haben den Stoff dann entwickelt und außerhalb der Initiative realisiert. Zum Glück haben wir dabei das Momentum nutzen können, dass solche Stoffe Anklang gefunden haben bei Sendern und Förderungen.
Mit der Edelstein-Trilogie und den drei „Rico, Oskar“-Filmen hast du erfolgreiche Fortsetzungsfilme produziert. Welche Rolle spielen solche Sequels im Portfolio deiner Produktionsfirma?
Erzwingen kann man das nicht, aber man kann es versuchen. Was ich künftig neu machen will, ist das Format zu wechseln und zu sagen: Lass uns eine Animationsfernsehserie mit einer bekannten Marke machen. Das ist für mich Neuland. Das Vorhaben ist auch aus der Erkenntnis gewachsen, dass das Fenster bei Live-Action-Filmen recht klein ist, um in Richtung Fortsetzung zu denken, weil die Kinderdarsteller*innen schnell zu alt werden für die Rollen. Bei Fantasy-Reihen wie „Die Schule der magischen Tiere“ (seit 2021) und „Woodwalkers“ (seit 2024) funktioniert das dagegen leidlich über einige Jahre. Aber wenn du in einem jungen Alterssegment anfängst, sind Fortsetzungen nur schwer machbar. Bei Animationen bist du vergleichsweise frei und kannst einen Stoff aufbauen, der auch länger umsetzbar ist. Und zu einer Trickserie kannst du immer wieder neue Geschichten erzählen und bist in diesem episodischen seriellen Mechanismus drin.
Hast du schon mal eine Serie produziert?
Ja, wir konnten 2023 für Super RTL „Woozle – Die Serie“ mit Puppen und Schauspieler*innen herstellen, mit 20 Folgen zu je 10 Minuten. Das war ein ganz anderes Denken als bei einem 90-Minüter, auch weil es in Richtung Sitcom ging. Wir haben dafür einen Writer’s Room eingerichtet.
Arbeitest du auch an einem neuen konventionellen Kinderfilmprojekt?
Ja, da heißt es Daumendrücken. Dieses Mal sind wir in einer durchführenden Position. Wenn es klappt, können wir im Kolleg*innenkreis helfen. Ich strecke aber auch die Fühler aus, ob man mal bei internationalen Kinderfilmprojekten, die schon entwickelt sind, als minoritärer Koproduzent auftritt. Es könnte auch eine Möglichkeit sein, Zeit zu überbrücken, wenn eigene Projekte noch in der Entwicklung stecken. Aber auch das ist für uns Neuland.
