Interviews | | von Holger Twele
„Ich glaube wirklich, dass Dokumentarfilme das Denken von Kindern verändern und erweitern“
Im Gespräch mit der Dokumentarfilmerin Sigrid Klausmann
Mit „Girls Don’t Cry“ (2025) hat Sigrid Klausmann ihre Karriere als Dokumentarfilmregisseurin beendet. In diesem Jahr war sie noch einmal Teil der Kids-Jury bei Lucas – Internationales Festival für junge Filmfans in Frankfurt am Main. Im Gespräch mit Holger Twele erzählt sie über die Schwierigkeiten, heute Dokumentarfilme für junge Menschen ins Kino und zum Publikum zu bringen, und die Relevanz von Dokumentarfilmen für Kinder.
Kindern eine Stimme geben – das hat sich die Dokumentarfilmerin Sigrid Klausmann mit dem Projekt „199 kleine Helden“, aus dem 2016 auch der Langfilm „Nicht ohne uns!“ hervorgegangen ist, auf die Fahnen geschrieben. Ganz ähnlich stellt Klausmann, die ursprünglich als Sport- und Tanzlehrerin arbeitete und danach mit ihrem Ehemann Walter Sittler die Produktionsfirma Schneegans Productions gegründet hat, in „Girls Don’t Cry“ sechs jugendliche Mädchen aus sechs Ländern vor und erzählt über deren Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben angesichts gesellschaftlicher Zwänge, einschränkender Traditionen und Vorurteile. Mit diesem Film, der 2025 beim Internationalen Festival für junge Filmfans Lucas mit dem Bridging the Borders-Award ausgezeichnet wurde, hat Klausmann ihre Karriere als Regisseurin beendet.
Welche Chancen hat ein Film wie „Girls Don’t Cry“ (2025) heute, um ein Kinopublikum zu erreichen?
Im Vergleich zu „Nicht ohne uns!“, der 2017 ins Kino kam, haben sich die Chancen eher verschlechtert. Für die sogenannten großen Filme geben die Verleiher Slots vor, in denen ihr Film gezeigt werden muss. Diese Möglichkeit haben wir mit einem Dokumentarfilm nicht, der sich zwar an Jugendliche richtet, aber aus meiner Sicht und der gemachten Erfahrung für Erwachsene genauso geeignet ist. Im Nachmittagsprogramm erreichen wir jedoch ein Erwachsenenpublikum nicht. Und viele Jugendliche gehen nicht ins Kino, schon gar nicht in Dokumentarfilme. Wenn wir also unser junges Publikum erreichen wollen, geht es nur über den Bildungsbereich.
Was müsste sich konkret ändern, damit solche Filme eine größere Chance haben, ihr junges Publikum zu erreichen?
Zuallererst muss es politisch gewollt sein. In Deutschland ist der Bereich Kinderfilm nicht genug präsent. Anders sieht es in den Niederlanden oder in Norwegen aus, da hat der Kinderfilm einen hohen Stellenwert. Es braucht die Ermöglicher, bessere Förderung, mehr Sendeplätze und weitere öffentliche Programme und Ideen, damit junge Menschen in den Genuss hochwertiger Filme kommen. Sonst geht das schief. Vielleicht brauchen gerade Programmkinos und kommunale Kinos finanzielle Anreize, um Platz schaffen zu können für Filme, die keine potenziellen hohen Einnahmen versprechen, aber wichtig sind.
Bei den Sendern wünsche ich mir mehr Mut und Kreativität, Freiräume und mehr Flexibilität bei den Formaten. Und wenn wir so etwas wie ein öffentlich-rechtliches Fernsehen haben, hat es doch auch einen Bildungsauftrag, nicht wahr?
Du hast angekündigt, dass du dich aus der praktischen Filmarbeit zurückziehen wirst. Ist das auch eine Reaktion auf die Produktionsbedingungen?
Wenn ich jünger wäre, würde sich meine Leidenschaft weiter durchsetzen. Themen gibt es genug. Die Arbeit als Dokumentarfilmerin hat mir wahnsinnig viel Freude bereitet, in allen Bereichen, von der Recherche über die Arbeit im Team bis zur Postproduktion. Jetzt bin ich 71 und denke, meine jüngeren Kolleg*innen sind frisch und voller Ideen und werden, allen Widrigkeiten zum Trotz, tolle und wichtige Filme machen. Ich möchte weiterhin Bildungsarbeit machen, gerade in diesen Zeiten. Jeder sollte seinen Beitrag leisten. Ich habe viele Anfragen für „Girls Don’t Cry“, von Schulen und bildungsnahen Einrichtungen, zum Beispiel für Veranstaltungen am Weltmädchentag, zu Veranstaltungen mit Themen wie Gleichstellung, Rechte für Mädchen und Frauen und so weiter.
Was waren die größten Herausforderungen und die positiven Überraschungen in deiner Filmarbeit mit Kindern?
Ich wurde so oft positiv überrascht! Jedes Kind ist eine neue Entdeckung und Erfahrung für mich. Jedes Mal war es aufs Neue spannend, in die Welten der Kinder einzutauchen und nicht zu vergleichen mit Erlebnissen, die man als Tourist*in hat. Die Begegnungen beispielsweise mit dem Maya-Jungen in Guatemala, dem Beduinen-Mädchen aus Jordanien oder dem verschlossenen Mädchen, das in einer Jurte lebt, sind für mich unvergesslich. Überrascht war ich auch immer wieder von dem Vertrauen, das die Kinder mir oft schon nach kurzer Zeit entgegengebracht haben, und dass sie sich geöffnet haben, obwohl ich eine Fremde für sie war.
Das stelle ich mir nicht einfach vor.
Insbesondere Interviews sind eine Herausforderung, wenn die Kinder aus einem eher bildungsfernen Umfeld kommen und es nicht gewohnt sind, abstrakte Fragen zu beantworten, frei zu sprechen oder über Gefühle zu reden. In diesem Zusammenhang habe ich oft über die Kraft der Sprache nachgedacht und wie wichtig es ist, sie zur Verfügung zu haben. Kindern mit geringer Schulbildung fehlen diese Skills, die man im Leben braucht, leider oft. Ihr Leben ist hart, die Alltagssorgen, der Kampf ums Dasein, dominieren alles. Aber die Interviews waren relevant für die Form meiner Filme, die keine zusätzlichen Erzähler*innen haben. Und am Ende ist es immer gelungen, mit Geduld und Einfühlungsvermögen – und wenn das Kind verstanden hat, dass ich mich wirklich interessiere.
Warum hältst du Dokumentarfilme für Kinder insgesamt für sehr wichtig?
Ich glaube wirklich, dass sie ihr Denken verändern und erweitern. Im Spielfilm kann man auch sehr viel erzählen, das ist mir klar. Aber diese Begegnung mit Menschen über einen Dokumentarfilm hat eine andere Tiefe. Ich werde manchmal insbesondere von jüngeren Kindern gefragt, ob in den Filmen alles echt sei, weil sie das gar nicht kennen. Sie denken, alles, was im Film und im Fernsehen zu sehen ist, sei gespielt und jemand habe sich dabei eine Geschichte ausgedacht. Und dann kann ich ihnen sagen, dass ich diesen Jungen oder dieses Mädchen getroffen habe, etwas von ihren Leben kennengelernt und lange Gespräche mit ihnen geführt habe. Das ist näher dran an der Wirklichkeit. Ich habe bei den Zehn- bis Zwölfjährigen festgestellt, dass sie oft einen klaren Blick in ihre eigene Gesellschaft haben und sich eine Meinung bilden wollen. Gerade in dieser Altersstufe kann man sie mit Dokumentarfilmen erreichen und später schauen sie diese vielleicht auch als Jugendliche.
Im Kinderfilmbereich wird immer wieder betont, wie wichtig es ist, dass Kinder über Filme mit anderen Kulturen und mit dem Lebensalltag von Kindern auf der ganzen Welt konfrontiert werden. Gilt das bis heute?
Ich finde das absolut wichtig, gerade in Zeiten, in denen das Andere zunehmend als etwas Bedrohliches dargestellt wird. Denken wir nur an die schlimme Migrationsdebatte, die viele Kinder verängstigt. Das Spalterische, der Hass, das macht etwas mit ihnen, mit uns allen. Deshalb sind Geschichten wie die der „Kleinen Helden“ so wichtig, weil sie Empathie fördern, Neugier wecken und Solidarität erfahrbar machen.
Die Kinder, die den Film sehen, sind auf Augenhöhe mit den Kindern in den Filmen und im gleichen Alter. Sie vergleichen deren Leben mit ihrem eigenen und wollen mehr erfahren. Sie entdecken, dass Kinder aus armen Verhältnissen manchmal Dinge können, die sie selbst nicht können oder dürfen, zum Beispiel auf 20 Meter hohe Bäume klettern, mit der Machete umgehen, bei Wind und Wetter allein mit den Schafen in den Bergen sein. Und es fällt ihnen auf, dass die Kinder in den Filmen bei einem vergleichsweise harten Leben trotzdem oft fröhlich und zufrieden wirken.
Die Kinder spüren und erleben, dass alle diese Kinder eigentlich dieselben Bedürfnisse haben wie sie selbst, dass sie etwas Schönes machen wollen aus ihrem Leben, dass sie ihre Talente entwickeln und in Sicherheit leben wollen. Und dass sie ihre Gesellschaft mitgestalten wollen.
Hat das Kino für die nachwachsende Generation angesichts des Einflusses von Social Media überhaupt noch eine Zukunft?
Ich wünsche das dem Kino sehr. Aber von alleine geht es nicht. Es braucht eine Vision und den Willen, hier zu investieren. Filmbildung sollte im Curriculum festgeschrieben werden, weil Film ein wichtiges Thema bei jungen Menschen ist. Die Eltern dürfen eingeschlossen werden: Wenn sie mit ihren Kindern nur in einen Film gehen, den sie schon aus vielen Büchern kennen, ist das ein bisschen schade.
Eigentlich ist es ein Teufelskreis. Wenn ich die Förderungen nicht bekomme, gibt es keine Filme, die ins Kino kommen können. Wenn sie dann im Kino sind, braucht es entsprechende PR und gute Verleiher. Zeitungen schreiben oft gar nicht mehr über Filme. Ich habe die Erfahrung mit einem Dokumentarfilm über das Leben meiner Mutter gemacht: Wenn eine Redaktion die Veranstaltung aufgreift, habe ich einen vollen Kinosaal. Denn ältere Menschen, die sich speziell für diesen Film interessieren, lesen noch Zeitung. Wie erreicht man die Menschen? Vielleicht sagen sich manche Eltern auch: Mein Kind sitzt schon genug vor dem Bildschirm, da gehe ich nicht auch noch ins Kino. Man könnte es auch andersherum sagen. Wir gehen ins Kino und schauen uns einen schönen Film an, der uns begeistert und über den wir miteinander ins Gespräch kommen.
