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Interviews | | von Verena Schmöller

„Das Wichtigste für mich ist, das Kinderpublikum ernst zu nehmen.“

Ein Gespräch mit Tobi Krell über gute Kinderfilme und Dokumentarfilme für Kinder

Tobi Krell und die von ihm verkörperte Kunstfigur Checker Tobi sind kaum mehr voneinander zu trennen. Und gerade das trägt nicht unwesentlich zur Authentizität der Kinderwissenssendung „Checker Tobi“ bei, die nun zum dritten Mal den Sprung vom TV-Bildschirm auf die Kinoleinwand gewagt hat. Im Interview erzählt Tobi Krell über das Drehen und Konzipieren für Kinder, Erwachsene als Mitgucker*innen und Filme als Erfahrungsraum.

Filmbild aus Checker Tobi: Die heimliche Herrscherin der Erde
"Checker Tobi: Die heimliche Herrscherin der Erde" (c) megaherz

Wer Kinder oder Enkelkinder hat, kennt „Checker Tobi“. Die Kinderwissenssendung hat sich mit Tobi Krell alias Checker Tobi zum Erfolgsformat entwickelt. Mittlerweile gibt es nicht nur die wöchentlichen Folgen der Fernsehserie, sondern eine ganze „Checker Welt“ mit Experimenten, Rätseln und Reportagen, Podcasts oder einer Checker-Webshow. Immer steht die Vermittlung von Wissen und der Lust am Entdecken im Vordergrund – so auch in den Kinofilmen, die seit 2019 regelmäßig Besucherrekorde brechen und zu den meistgesehenen deutschen Produktionen eines Jahres gehören. Im Januar 2026 erscheint der dritte Teil der Reihe, „Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde“. Ein guter Anlass, um mit Tobi Krell, der auch Leiter der Kinder- und Jugendsparte CineKindl beim Filmfest München ist, über gute Kinderfilme und Dokumentarfilmformate für Kinder zu sprechen.

Lieber Tobi, für viele Kinder bist du der Held. Du begleitest Kinder zu Hause von den Bildschirmen aus, aber auch in der Schule und immer wieder – wie auch ab Januar – im Kino. Und bleibst mit oder ohne Film ein solcher Kindheitsheld auch über das Kindsein hinaus für viele Menschen. Wer war dein Held und was sind die Kindheitsfilme, die du im Herzen trägst?

Kindheitsfilme habe ich natürlich viele. Meine ersten Kinoerfahrungen habe ich mit Disney-Filmen gemacht, vor allem „Aladdin“ (Ron Clements, John Musker, 1992), das war meine Generation. Und Kindheitsheld? Ich fand Peter Lustig irre gut. Es gibt „Löwenzahn“-Episoden, die kann ich immer noch nacherzählen, weil sie sich so eingebrannt haben. Gutes Kinderwissensfernsehen war wohl schon immer ein Thema in meinem Leben.

Was ist für dich das Wichtigste an einem guten Kinderfilm?

Das Wichtigste für mich ist, das Kinderpublikum ernst zu nehmen. Dafür gibt es viele Begriffe, die immer verwendet werden, wie die berühmte Augenhöhe. In unserem Fall – oder in meinem Fall als Figur – gehört auch noch Authentizität mit dazu. Das sind alles Bestandteile, die darauf abzielen, dass man das Publikum nicht veräppelt, sondern mit einer Ernsthaftigkeit für junge Menschen ein Erlebnis schafft. Bei den „Checker Tobi“-Kinofilmen natürlich auch für die Erwachsenen, die gehören ja nun mal dazu, aber vor allem mit Blick auf die jungen Menschen. Und das geht nur, wenn man sich fragt: Wie können wir für diese Zielgruppe erzählen? Dabei geht es immer darum, dass man das Publikum ernst nimmt. Das gilt generell nicht nur für Kinderfilme, sondern auch für Filme für ein erwachsenes Publikum. Ich glaube aber, bei Filmen für Kinder gilt das im Speziellen, weil Kindermedien eben oft daran kranken, dass sie die Kinder nicht für voll nehmen. Wenn man das aber macht, dann kommen die anderen Bestandteile automatisch irgendwie mit.

Welche Aspekte sind es dann, die für dich einen Kinderfilm zu einem guten Kinderfilm machen?

In erster Linie ist das für mich eine Geschichte, die das Kinderpublikum, auch gerade jüngere Kinder, herausfordert und auch fordert. Ich finde, man kann Kindern durchaus etwas zumuten. Das ist zwar nicht gerade einfach, wenn man weiß, dass die jüngsten Kinder im Kino wahrscheinlich vier Jahre alt und die ältesten Teenager sind – plus dann die Eltern. Alle im Publikum mitzudenken, das ist ja eigentlich unmöglich, denn schon zwischen der ersten und der vierten Klasse passieren Welten: Die zehnjährigen Viertklässler haben schon so viel gesehen im Vergleich zu sechsjährigen Erstklässlern, die vielleicht ihre erste Kinoerfahrung machen und bestimmte filmische Erzählmittel gar nicht kennen.

Magst du ein Beispiel aus dem neuen „Checker Tobi“-Film, „Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde“, geben?

Wir haben lange darüber gesprochen, wie wir einen plötzlich in der Gegenwart auftauchenden achtjährigen Tobi, den es aber doch eigentlich nur in einem Video in der Vergangenheit gibt, im Film erklären. Während der Entwicklung des Films hätten wir einfach sagen können: Das ist ja viel zu komplex, da verlieren wir die jüngeren Kinder, das checken die nicht. Wir haben darüber aber extrem viel diskutiert. Ich finde, da kommt genau das ins Spiel, dass man sein Publikum ernst nimmt und sagt: Wir machen es trotzdem. Wir versuchen natürlich in der Art, wie wir es erzählen, möglichst alle mitzunehmen, die Sechsjährigen nicht zu verlieren, aber auch die Zehnjährigen nicht zu langweilen, indem wir nochmal erklären, wie das jetzt ist. Das sind dann alles so winzige Bausteine, die dazu beitragen, dass so ein Film funktioniert. Da bin ich übrigens auch jetzt schon echt neugierig auf die Q&As, die ich bald haben werde. Welche Fragen kommen, was kapieren sie und was noch nicht? Und wie alt sind die Kinder, wenn sie etwas verstehen.

Auch im dokumentarischen Teil des Films fordert ihr die Kinder.

Ja, absolut. Wir zeigen ihnen Welten und Kinder, Menschen, die womöglich ganz anders sind, als das, was sie kennen. Das ist immer – auch in der „Checker Welt“ – ein Anspruch, den wir haben. Deswegen sind wir auch in Madagaskar in einem Dorf und deswegen haben wir dann auch dieses Ritual mit aufgenommen, bevor wir in eine Naturwelt gehen, die vielleicht auch die Eltern noch nicht gesehen haben.

Und trotzdem wollt ihr ja auch unterhalten.

Unbedingt. Es ist uns immer wichtig, eine gute Mischung hinzukriegen. Es muss auch witzig sein und Spaß machen, abenteuerlich sein und Emotionen hervorrufen.

Diese Mischung schafft ihr, eine gute Balance zwischen Wissensvermittlung und Geschichte oder auch den anschaulichen Animationen, die Sachverhalte noch einmal grundlegend erklären. Der Film ist episodisch erzählt und könnte auch in drei „Checker Tobi“-Folgen aufgeteilt werden, das Band der Geschichte verbindet sie aber zu einem großen Ganzen. Ich glaube, dass sich da wirklich jeder aufgehoben fühlt.

Ja, auch den Erwachsenen schadet eine solche Struktur ja auch nicht.

Filmbild aus Checker Tobi: Die heimliche Herrscherin der Erde
"Checker Tobi: Die heimliche Herrscherin der Erde" (c) megaherz

Achtet ihr in der Entwicklung darauf, dass sich ein gut durchmischtes Arrangement gibt? Dass auf erklärende Momente oder ein schwereres Thema eine unterhaltende oder witzige Situation folgt, um alles ein wenig aufzulockern im Sinne eines comic relief?

Jein, würde ich sagen. Wir hatten für den Film das erste Mal einen Writers‘ Room. Das heißt, es waren nicht nur – wie bei den ersten beiden Filmen – die Regie-Person und ich, die sich eine Geschichte ausgedacht haben, sondern Regisseurin Antonia und ich und dazu fünf, sechs Leute mehr, die aus ganz anderen Ecken und eben nicht aus dem „Checker“-Format kamen. Das war ein spannender Punkt, denn bei den ersten Filmen sind wir so oft an bestimmten Fragen gescheitert. Etwa: Was kann man einer Figur wie Checker Tobi, die es schon so lange gibt, die etabliert ist und die einen Rahmen hat, noch an dramatischen Elementen zuschreiben? Wir haben gemerkt, dass wir so sehr in unserem Käse gefangen waren und deshalb nicht auf gute andere Ideen kamen. Jetzt kamen die Leute im Writers‘ Room dazu, hatten die gleichen Ideen und haben ebenfalls gemerkt, dass bestimmte Sachen in dieser Welt, die mittlerweile eine Markenwelt ist und an deren Regeln wir uns halten müssen, nicht funktionieren. Das war spannend.

Auch im weiteren Prozess kommen natürlich Ideen dazu: beim Niederschreiben der Buchform oder bei der Übertragung in eine Dispo. Wieder neue Ideen gibt es, wenn wir vor Ort sind und Leute wie Johannes Obermaier, der Kameramann, dazustoßen. Dann kommen visuelle Ideen dazu, und dann sind wir im Dschungel, dann ist da Affenkacke und dann binden wir das natürlich mit ein. Und wieder neue, wenn Antonia, die Regisseurin, mit dem Cutter am Ende im Schnittraum sitzt. Sie bauen dann den Rhythmus des Films zusammen: Wann hat man Strecken mit mehr Wissensvermittlung? Wann braucht man Erleichterung? Das entsteht im Schnitt.

Es ist immer spannend zu sehen, wie viel im Buch schon angedacht war und wie viel davon es in den Film schafft. Ich habe den Film in einer Rohfassung gesehen und gedacht: Puh, das funktioniert ja noch nicht so wie erhofft. Und dann ist es total wertvoll, wenn ein Cutter und eine Regisseurin, die schon seit Monaten an dem Ding arbeiten, eine Pause machen und ein frischer Blick kommt – von mir oder auch den Produzenten, die ebenfalls mitgucken. Und dann wird der Film plötzlich noch mal ganz anders.

Was hat dir gefehlt, als du die Rohschnittfassung gesehen hast?

Die Motivation der Reise. Warum mache ich schon wieder eine weltumspannende Reise? Marina sagte in der Rohschnittversion an einem Punkt: „Was bist denn du für ein langweiliger Erwachsener?“ Jetzt im Film sagt das der kleine Tobi. Wir mussten erst mal rausschälen, von welcher Person aus das eigentlich losgetreten wird. Es gab in der Rohschnittversion auch keinen einzigen „der kleine Tobi verfolgt mich“-Moment und keine Off-Stimme. Aber ohne diese hätte der Film nicht funktioniert. Bei den beiden ersten Filmen war es ähnlich. So konnte das Rätsel im ersten Film erst in einer späteren Version sprechen, weil der Film schon durch die erste Testvorführung durchfiel. Und das ist auch das Schöne an unserem Format und vor allem dem dokumentarischen Teil. Weil wir anders als bei einem Spielfilm so viel Ungeplantes drehen, dass man am Ende noch ganz viel umbauen und auch umwidmen kann. Dazu kommt, dass ich ja auch noch meine Off-Stimme habe. Ich kann alles kommentieren – und dadurch kann man noch so viel machen, ändern, verschieben.

Ich finde auch, dass „Checker Tobi 3“ noch einmal viel mehr Dokumentarfilm ist als Film Nummer zwei.

Das freue mich sehr, dass du das sagst. Denn das finde ich auch.

Filmbild aus Checker Tobi: Die heimliche Herrscherin der Erde
"Checker Tobi: Die heimliche Herrscherin der Erde" (c) megaherz

Was kann denn Dokumentarfilm für Kinder aus deiner Sicht leisten oder was muss und was soll er leisten?

Ich liebe am Kino und an Filmen, dass man durch sie in andere Welten gelangen kann. Wenn ich könnte, würde ich am liebsten eine Zeitmaschine erfinden, um andere Zeiten und Orte zu besuchen. Die gibt es aber leider nicht und wird es wahrscheinlich auch nicht geben. Aber das Kino ist der Ort, der uns am ehesten dahin bringen kann. Genauso ist das Kino auch ein Ort, wo wir, ohne ein Flugticket zu lösen, reisen können, andere Welten entdecken und unseren Horizont erweitern können. Das können Spielfilme auch auf eine andere Art, aber das ist für mich das, was der Dokumentarfilm gerade für Kinder unbedingt machen kann und auch soll: Kindern die Welt zeigen und sie sensibilisieren für die Art und Weise, wie Kinder anderswo aufwachsen, wie Kinder anderswo leben, wie Natur anderswo aussieht, auch wie Natur oder ein Leben auch nicht gesund ist. Ein Dokumentarfilm kann den Horizont der Kinder erweitern. Das versuchen wir in unseren Filmen und drehen die Filme auch nicht im Bayerischen Wald, sondern im mexikanischen Urwald. Oder, wenn wir an „Zirkuskind“ (2025) denken, dann gehen Filmemacherinnen wie Anna Koch und Julia Lemke in eine Zirkusfamilie, drehen dort oder decken für uns auf, wie eine Familie in einem Zirkus lebt. Das ist ein Blick durchs Schlüsselloch in ein Leben, das die allermeisten Kinder in Deutschland nicht kennen werden. Ebenso wenig wie die Erwachsenen.

Wie viel denkt ihr die Erwachsenen für eure Filme mit? Denn die funktionieren ja – wie auch „Zirkuskind“ – für Erwachsene genauso gut.

Ich hoffe, dass das genauso ist. Und bei „Checker Tobi 3“ hoffe ich, dass das noch einmal mehr der Fall ist, weil wir diese Meta-Ebene haben: Was heißt es eigentlich, erwachsen zu werden? Wir denken Eltern insofern mit, als sie natürlich auch irgendwie einen Film gucken sollen, der ihnen gefällt, und dann nicht im Kino sitzen und denken: „Mist, verschwendete Zeit“. Das gibt es häufig genug. Aber es ist nicht so, dass wir festlegen: Diesen Witz machen wir für die Eltern. Sondern wir machen – und das ist bei den Fernsehsendungen genauso – immer Sachen, die uns selbst gefallen würden, die wir lustig finden, die wir spannend finden. Wir sind alle keine Pädagoginnen oder Pädagogen, sondern Journalistinnen und Journalisten, die sich Weltentdeckungen für Kinder ausdenken. Und als erwachsene Leute mit Erwachsenenhumor machen wir auch Witze in diesem Film, die Erwachsenen gefallen können. Aber nicht, weil wir denken, dass wir jetzt nochmal was für die Eltern brauchen, sondern weil das einfach passiert.

Ihr zeigt Kindern – und Erwachsenen – ja nicht nur andere Welten, sondern ihr präsentiert im neuen Film auch ganz viel Teilhabe. Drei Gruppen von Kindern an unterschiedlichen Orten der Welt pflanzen Bäume, daran lassen sich direkt auch Schul- oder Jugendgruppenprojekte anschließen. War es euch wichtig, nicht nur zu zeigen, welche Auswirkungen die Entwicklungen auf der Welt auf die Kinder haben, sondern auch, dass Kinder etwas tun können?

Das ist auf jeden Fall etwas gewesen, was wir wichtig fanden. Aber auch das ist einfach passiert. Und das ist vielleicht nochmal eine Anekdote, wie die Filme entstehen. Einerseits denken wir uns im Writers‘ Room die fiktionale Handlung aus, kommen auf so einen kleinen Tobi, auf diese Begegnung und die Motivation loszuziehen, und dann ist es natürlich Teil der journalistischen Recherche, welche Orte wir aufsuchen, wer die Protagonistinnen und Protagonisten sind, die wir treffen und mit denen wir sprechen. Aber das Baumpflanzprojekt auf Madagaskar haben wir gefunden, weil wir Protagonistin Hanitra ausgewählt haben, die das tatsächlich macht. Also da sind wir wieder sehr, sehr viel dokumentarischer: Wir werden beim Drehen vor Ort überrascht und können plötzlich auftauchende Dinge mit in den Film aufnehmen, die in der Entwicklung noch nicht drin waren. Und das finde ich auch ganz toll.

War das bei den anderen Stationen auch so?

Ja, Malte lebt seit 20 Jahren auf Spitzbergen, seine Kinder gehen dort zur Schule. Er hat uns ganz viele Sachen gezeigt, auch das Kohlebergwerk kam über ihn mit in den Film hinein. Deshalb entstehen die Filme dann auch sehr mit unseren Expertinnen und Experten vor Ort. Bei der Maisernte in Mexiko konnten wir dabei sein, weil der Papa von Samara tatsächlich seit 30 Jahren mit den Indigenen arbeitet. Sonst hätten wir gar keinen Zugang dazu gehabt. Das ist total schön, wie die verschiedenen Themen auch in diesem Teil miteinander verschmelzen.

Und total schön, wie ihr Kindern damit mit auf den Weg gebt, dass sie selbst etwas tun können: Rausgehen, anpacken und in ihrer Umgebung etwas verändern, so wie ihr das am Ende des Films mit Münchner Kindern macht. Danke für den Film und danke für das Gespräch!

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