Ich sehe was 2026-11: Natur im Kinder- und Jugendfilm

Wundervoll und fragil

Natur im Kinderfilm

von Christian Exner

Die Natur im Märchen, das war einmal Schauplatz von Wundern, Prüfungen und Verwandlungen. Speziell der Wald war unheimlich und voller Abenteuer. Heute erscheint die Natur in den Erzählungen von Kinderfilmen verlockend, wundervoll, heilend – und sogar fragil. Letzteres könnte jedoch stärker präsent sein.

Filmstill aus Lene und die Geister des Waldes
"Lene und die Geister des Waldes" (c) Real Fiction

Jean-Jacques Rousseau glaubte, dass Kinder von Natur aus neugierig, unschuldig und entwicklungsfähig seien. Mit seiner Idealisierung der Kindheit geht unwillkürlich die Vorstellung einher, dass Kinder mehr bei sich sind, wenn sie Naturnähe erleben und haptische Erfahrungen in ihrer belebten Umwelt sammeln. Der französische Philosoph wäre – würde er heute noch leben – bestimmt sehr angetan vom semidokumentarischen Film „Lene und die Geister des Waldes“ (Dieter Schumann, 2019). Schließlich bedient dieser beinahe prototypisch Rousseaus Gedankenwelt.

In dem Film fährt die siebenjährige Lene mit ihrer älteren Schwester und ihrem Vater in den Urlaub in den Bayerischen Wald. Zunächst ist das wenig prickelnd für die Schwestern. Der Vater sucht Ruhe und macht seinen Töchtern auch noch einen Handy-Verzicht zur Auflage. So wird der Genuss an der Natur sanft erzwungen. Und siehe da: Bei der Begegnung mit besonderen Wald-Forscher*innen, bei Abenteuern mit neuen Freund*innen und bei ausgedehnten Ausflügen werden innere Bilder eines Märchenwaldes zur Folie für fantastische Landschaftserlebnisse. Die Reise mit einem Ausblick auf sieben Berge ist am Ende tatsächlich überwältigend. Der Film suggeriert seine Ursprünglichkeit schon allein mit seiner dokumentarischen Attitüde. Zugleich spielt er aber auch mit Bezügen zu einer großen Tradition von Märchenwald-, Geister- und Räuber-Mythen. Hinter den sieben Bergen, da klingelt doch etwas! Die Heilung des Menschen in der Natur (hier die Digital Detox-Ansage des Vaters), der Schutz der Umwelt vor dem Menschen und der Wald als Hort des Unheimlichen, das sind sehr unterschiedliche Motive und Erzählanlässe in Kinderfilmen. Manchmal fließen diese Aspekte sogar ineinander. „Bei Lene und die Geister des Waldes“ ist eine solche Durchmengung jedenfalls zu spüren.

Kann man Rousseau eigentlich dafür verantwortlich machen, dass die Romantisierung von Kindheit und die Idyllisierung der Natur im Kinderfilm einträchtig zusammenfinden? Denn das tun sie oft. Die Kinderfilm-Kultur schafft es zwar immer mehr, sich von ihrem Märchenerbe zu lösen. Düstere Waldmythen scheinen zu verblassen. Doch neue Mythen werden heraufbeschworen, zumeist im Gewand von Fantasy-Plots. Politisch im Sinne des Umweltschutzes ist die Darstellung der Natur im Kinderfilm dabei selten. Noch immer überwiegt die Sehnsucht nach der Unschuld in den Natur- und Architektur-Kulissen, die erwachsene Filmschaffende für Kinder anbieten. Parallel entfernt sich die reale Umwelt immer mehr von einer Form der Unversehrtheit und der Ursprünglichkeit. Doch vielleicht verschärft gerade die wachsende Sehnsucht nach dem Idyll auf lange Sicht den Schmerz über die verlustreichen Eingriffe der expandierenden Industrien und der modernen Lebensweisen in die Umwelt.

Wunder, Verwandlungen und Bedrohungen

Der Märchenwald von anno dazumal war alles andere als ein idyllischer Spielplatz. Er steht mehr für die Heimstatt feindlicher Kreaturen, die sich in Dickicht und Höhlen verbergen. So ist eine Höhle im Wald natürlich das Zuhause des „Räuber Hotzenplotz“ (Michael Krummenacher, 2022). Hexen, Feen, Gnome, Wölfe und Zauberer finden sich in Wald-Plots zuhauf. Wenn ein Waisenkind Glück hat, dann heißt es Tiffany und trifft tief in der Wildnis auf „Die drei Räuber“ (Hayo Freitag, 2007), die es nur gut mit ihm meinen und die ganz anders sind als ihr Ruf. In der anarchischen Welt des Illustrators Tomi Ungerer ist es möglich – ja geradezu erwünscht – die unheimlichen Figuren ins Gegenteil zu kehren und Märchenwelten auf den Kopf zu stellen. Komplementär dazu ist der Ansatz von „Hänsel und Gretel“ (Anne Wild, 2006). Dieser Film geht ins Herz der Finsternis und beschönigt nichts an der Grausamkeit der Vorlage. Das Ausgeliefertsein der Kinder an eine Menschenfresser-Hexe hat in der Inszenierung beinahe Züge von Horror.

Wald als Heimstatt der Missetäter oder Wald als Refugium? Kommen wir noch einmal zurück zu den sieben Bergen. Auch Schneewittchen wird von einer Stiefmutter verstoßen, die ihm nach dem Leben trachtet. Aber die sieben Zwerge sind freundliche Gefährten und Verbündete, in etwa so wie Tomi Ungerers knuffige Räuber. Hält man sich die Figuren und Plots der Märchen vor Augen, dann wird wieder einmal klar, wie archaisch und wild der Wald einst gezeichnet wurde. Er war Schauplatz von Wundern, Prüfungen und Verwandlungen. Er wurde zum Symbol für das Geheimnisvolle und Unbekannte.

Filmstill aus Die drei Räuber
"Die drei Räuber" (c) X Verleih

Die heilsamen Kräfte der Natur und der Tradition

Mögen wir auch in einem Zeitalter der Entmystifizierung leben, so bleibt der Wald, bleiben Flora und Fauna weiterhin Motive, denen neue Mythen zugeschrieben werden. Ein Mythos ist die Heilung des Menschen durch die Kräfte der Natur. Er liegt unter der Handlung der Filme, die nach Johanna Spyris „Heidi“-Erzählungen gedreht wurden. Heidis Freundin Klara ist gehbehindert. Als das Stadtkind in den Bergen zum Verzicht auf ihre Gehhilfen gezwungen wird, gesundet es fast von allein. Heidi jedoch spürt am eigenen Leib, wie sehr sie die Enge der Großstadt runterzieht und krank macht. Das Naturkind kann nicht ohne seine Bergwiesen und ohne die Tiere sein. Die „Heidi“-Erzählungen sind ein Dauerbrenner in TV und Kino. Dass sie im Subtext eine mehr als skeptische Sicht auf urbane Lebensweisen artikulieren, fällt kaum auf, solange in der TV-Kultur der Erwachsenen reaktionäre Heimat-Motive perpetuiert werden. In deren Figuren-Repertoire gibt es immer wieder Menschen mittleren Alters – bevorzugt Frauen –, die im Stadtleben ausgebrannt sind und bei der Übernahme eines leidlich erfolgreichen Familienbetriebs zu ihren Wurzeln, zu ihrer wahren Bestimmung und zur wahren (Jugend-)Liebe (zurück-)finden. Die Moral der Mär: Land ist gesünder als Stadt. Tradition ist besser als Moderne.

Schwellen überschreiten

Buch, Film und Serie „Ronja Räubertochter“ bewegen sich an einer bemerkenswerten Schwelle. Auf der einen Seite dockt Astrid Lindgren bei den generischen Märchenmotiven an: Die Burg, der Clan, die Räuber und die Wildnis der bedrohlichen Wilddruden und Rumpelwichte. Andererseits gibt es eine Flucht der jungen Generation vor dem vorbestimmten Schicksal des gemeinen Räuberdaseins. Das Ausreißen von zu Hause und die Hinwendung zur Natur folgen der inneren Bewegung einer Transition und eines Schrittes in die Autonomie. Ronja und Birk erschaffen sich eine eigene Geschichte, die von Befreiung und Emanzipation handelt. Die weite Natur wird zum Schauplatz und zum Symbol für Abenteuer, Freiheit, Freundschaft, Zusammenhalt und Bewährung. Ronja und Birk verbringen einen ganzen Jahreszyklus in der Wildnis. Den Erfolg der beiden feiern Film (Tage Danielsson,1984) und Serie (2024) mit einem enthusiastischen Moment des Naturerlebens. Der bittere Winter ist überstanden. Sonne und Wärme sind zurück. Ronja und Birk toben voller Lebensfreude in einem See. Alle Skandinavien-Fans fühlen synergetisch in dieser Szene, was den Unterschied des Sprungs in einen einsamen See von der Erfahrung eines stark gechlorten Pools unterscheidet.

Mit den Medienbildern unserer Kinder und unserer eigenen Kindheit sind wir sowieso immer ein wenig im schwedischen Småland zu Hause. Liegt es vielleicht daran, dass Kinderfilme aus dem Norden mit Schauplätzen wie dem Katthult Hof, Saltkrokan, Bullerbü, der Krachmacherstraße oder Pettersons Hof Eindrücke geprägt und Marken gesetzt haben? Mit ihrer Zuwendung zum jungen Publikum waren die Skandinavier oft etwas früher am Start und etwas innovativer im Erzählen als deutsche Produktionen. Um ihre Pädagogik und Kindermedienkultur kann man die nordischen Nachbarländer Norwegen, Finnland, Island, Schweden und Dänemark immer noch ein wenig beneiden. Das hat nicht zuletzt mit hinreißenden Landschaftsbildern zu tun, die in einer Natur entstehen, wo nicht alles eingehegt und kultiviert erscheint. Wo sich Wald und Wildnis in einer Form ausdehnen, wie man es in Deutschland kaum noch gewohnt ist. Wo sich Wohnhäuser klein, hölzern und farbig in Felslandschaften und an Waldränder kuscheln. Bullerbü und Småland sind ikonisch. Bei den immer wieder sehr gelungenen Produktionen der Münchner Firma Lieblingsfilm fällt auf, dass sie sich Motive aus skandinavischen Filmen leiht. Besonders augenscheinlich bei sonnigen Roadtrips nach Finnland in „Pferd am Stiel“ (Sonja Marie Kröner, 2026) oder „Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums“ (Stefan Westerwelle, 2018). Etwas unterschwelliger in „Mein Lotta-Leben“ (Neele Leana Vollmar, 2019), wo Protagonistin Lotta in einer Holzhaussiedlung lebt, wie sie bei uns eher selten und in Småland eher Standard ist.

Filmstill aus Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums
"Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums" (c) Universum

Das Tier im Menschen und die Mission Naturschutz

Es gibt offenbar eine verblüffende Diskrepanz zwischen einer Wildnis, die lebensfeindlich und unheimlich ist, und einer Natur, deren Großartigkeit die Menschen bewundern und um deren Erhalt sie fürchten. Kinderfilme nähren sich bislang aus beiden Quellen. Es ist Teil der Kinokultur seit eh und je, dass Naturfilme mit überragender Kameraarbeit und in spektakulären Bildern die Wunder der Natur einfangen. Die Wiese, die Eiche, die Pinguine dieser Welt – es reißt einfach nicht ab. Eine Spur Umweltbewusstsein bringen die drei „Checker Tobi“-Kinofilme (Martin Tischner, Johannes Honsel, Antonia Simm, 2019 bis 2026) – speziell für die Zielgruppe Kinder – in diese Plots. Immer ausgefeiltere Kameratechniken wollen die Wunder der Welt durch optische Spektakel bannen. Natur-Dokumentationen, Tierfilme und Fantasy-Filme mit Gestaltwandlern bilden eine sichere Bank im Kosmos des Kinderkinos. Seit J.K. Rowlings in ihren „Harry Potter“-Plots die Welt der Zauberlehrlinge populär gemacht hat, wandeln erfolgreiche Filme auf den Spuren von magischen Tierwesen. Zum Beispiel „Die Schule der magischen Tiere“ (Gregor Schnitzler, 2020) oder die „Woodwalkers“ (Damian John Harper, 2024). Die Idee des Gestaltwandelns ist in mehrfacher Hinsicht fabelhaft. Denn was ist Pubertät anderes als eine physische Erfahrung des Gestaltwandelns? Doch abgesehen davon: Die Idee, dass in jedem Menschen ein charakter-bildendes Tierwesen steckt, das trainiert werden will, ist moderne Fantasy einerseits. Andererseits nimmt sie Bezug auf ganz alte Fabelerzählungen, in denen Tierfiguren für menschliche Eigenschaften stehen. Der Löwe ist König, der Fuchs eben ein Fuchs, das Schwein … nun ja, keine Diskriminierung an dieser Stelle. Neu ist an dieser Fantasy, dass die Figuren gerade in ihrer Doppel-Identität den Feind noch besser erkennen, wenn er sich an der Natur vergeht, wenn er sie ausbeutet und Lebensräume zerstört. Milling ist der Name des Bösewichts bei „Woodwalkers 2“ (Sven Unterwaldt, 2025), Typ skrupelloser Shareholder, der den Wald um die Clearwater Highschool verkaufen und damit das Schutzgebiet der Tierwandler zerstören will. Anspielungen auf Figuren der Zeitgeschichte sind vermutlich beabsichtigt.

Filmstill aus Woodwalkers 2
"Woodwalkers 2" (c) StudioCanal, Marc Reimann

Unterhaltsame und dringliche Geschichten

Damit sind wir beim Zeitgeist und damit sind wir auch zurück bei Lene (und ihren Waldgeistern). Weniger Handy, mehr Naturerlebnis, das ist das Konzept ihres Vaters. Es entspricht mehr denn je der Jugend- und Medien-politischen Agenda, das Smartphone Smartphone sein zu lassen. Der Pfadfinder und der Wandervogel in uns sagen andauernd: In der Natur erwarten uns die Wunder, die Heilung und das wahre Glück. Aber der Natur geht es gerade kaum besser, als einem Smartphone-Junkie nach sechs Stunden Swipen.
Was macht man nun damit? Man könnte wenigstens Film-Geschichten erzählen, die ihrem Thema nicht ausweichen. Die jüngste Pixar-Produktion „Hoppers“ (Daniel Chong, 2026) verbreitet etwas Hoffnung. Protagonistin Mabel changiert zwar auch zwischen Leinwandmythen und Fantasywelten, als menschliche Figur, die als (Roboter-)Tier erscheint und mit den Bewohnern einer bedrohten Waldlichtung kommuniziert. Doch den Spirit des Umwelt-Aktivismus hält dieses Family-Entertainment Werk sehr deutlich und sehr sympathisch hoch. Das Disney-Pixar-Produkt ist nicht in allen Belangen gelungen. Doch seine Dringlichkeit darf man ihm gerne glauben ebenso wie bei „Der letzte Walsänger“ (Reza Memari, 2025), der ein Wappentier des Meeresschutzes mit einer bildgewaltigen Umweltfabel und einer herzzerreißenden Coming of Age-Geschichte verbindet.

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