Ich sehe was 2026-11: Natur im Kinder- und Jugendfilm
Die kleine Ronja möchte nicht aus dem Småland abgeholt werden
Freiheit durch Naturerfahrungen im Kinder- und Jugendfilm
von Stefan Stiletto
Rausgehen, das gewohnte Zuhause verlassen und – Freiheit in der Weite oder der Wildnis spüren. Davon erzählen viele Kinder- und Jugendfilme, auf ganz unterschiedliche Art. In Kinderfilmen ist der Aufbruch oft mit Abenteuer, Spiel und dem konkreten Erleben der Natur verbunden. In Jugendfilmen hingegen rücken auch gesellschaftskritische Aspekte in den Mittelpunkt, wenn als zwanghaft erlebte Strukturen hinter sich gelassen werden. Ein Streifzug durch die Wildnis im Kinder- und Jugendfilm, wie der Gedanke von Freiheit darin inhaltlich und ästhetisch vermittelt wird und welche Rolle Naturerfahrungen und Erwachsene dabei spielen.
Probieren wir mal einen anderen Einstieg. Einen, der nicht konkret bei einer Szene aus einem Kinder- und Jugendfilm oder einer Serie einsetzt, sondern mit einer Kindheitserinnerung. Mit unglaublich hohen Kastanienbäumen (man konnte nicht einmal darauf klettern, so hoch oben waren die ersten Queräste), verfallenen Zäunen, wildwuchernden Sträuchen. Als ich so etwa neun Jahre alt war, gab es kaum etwas Schöneres, als in dem riesigen, wirklich riesigen, verwilderten Nachbargarten, den die Besitzer*innen längst aufgegeben hatten, zu spielen. Mit meinem besten Freund habe ich mich in diesen Garten geschlichen, unter Zäunen hindurch, über Zäune hinweg. Und dann waren wir da ganz auf uns gestellt. Keine Erwachsenen, keine Verbote. Nur Bäume, Sträucher, Gräser, die längst die menschengeschaffenen Baureste überwuchert und sich wieder zurückerobert haben, selbst gebaute Hütten, Taschenmesser und „MacGyver“-Fantasien. Kein gestalteter Garten, sondern pure Wildnis. Ich weiß nicht, ob das nun nur ein persönliches Gefühl ist oder eine Kindheitserfahrung, die viele teilen – aber in Kinderfilmen (und zum Teil auch Jugendfilmen) gibt es oft diesen natürlichen, einerseits sehr realen und andererseits gleichzeitig auch sehr magischen Ort der Freiheit, an dem für kurze Zeit Regeln ausgehebelt werden und vieles möglich erscheint. Die Bilder der „Wildnis“ (wenn auch nur in abgeschwächter Form) stehen der „Zivilisation“ gegenüber. Dadurch öffnet sich eine andere Welt, die offener, freier, gestaltbarer ist als jene, die Kinder im Alltag erleben. Und das funktioniert sogar schon in Filmen, die gar nicht in der industrialisierten Gegenwart spielen.
Glück und Grusel
Eine der eindrucksvollsten Naturerfahrungen in Filmen und Serien hat in den vergangenen Jahren die – im besten Sinne – ausschweifende Neuverfilmung von „Ronja Räubertochter“ (2024) als Serie geliefert. Über zwei Staffeln baut sie eine enorme Spannung auf, nimmt sich aber vor allem auch viel Zeit, um in den Mattiswald einzutauchen und diesen lebendig werden zu lassen. Schon im Buch ist die Veränderung der Natur im Jahreskreislauf wichtig. In der Serie wird sie zu einer haptischen Erfahrung.
Zuerst ist es für Ronja nur ein kontrollierter kurzer Ausflug, eine Art Mutprobe. Sie weiß um die Gefahren, die draußen, außerhalb der Burgmauern des Verstecks der Räubersippe ihres Vaters, lauern. Wilddruden und Graugnome machen das Spiel im Wald zu einem aufregenden Abenteuer und fordern ein, was Kinder eigentlich nicht berücksichtigen: die Notwendigkeit, vorsichtig zu sein, sich in Acht zu nehmen, auch Verantwortung zu übernehmen. Ein kleiner Vorgeschmack von erwachsenem Denken. Später dann wird aus dem Spiel Ernst. Nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater verlässt Ronja die Burg, weil sie dort nicht länger leben will. Gemeinsam mit Birk, dem Sohn einer verfeindeten Räubersippe, zieht sie in eine verlassene Bärenhöhle, um dort den Sommer zu verbringen.
Und wieder ist beides da: die existenzielle Gefahr der rauen Natur und ihre wunderbare Schönheit. Der Mattiswald ist Abenteuerspielplatz, Lebensraum, Entdeckungsraum und ein Ort der Freiheit, der Ausgelassenheit und des puren Glücks. Im Fluss baden, durch die Blumenwiesen laufen, im Gras liegen. Keine Ansagen von Eltern, keine Einschränkungen, kein Hass: Die kleine Ronja möchte nicht aus dem Småland abgeholt werden. Wenn Ronjas Mutter die Kinder doch im Herbst wieder mit in die Burg nimmt, dann kehren diese zwar zurück. Aber sie sind auch nicht mehr dieselben Kinder, die die Burg verlassen haben. Ronja und Birk haben sich entwickelt in diesen Monaten und erprobt, wer sie sind und wie sie leben wollen, miteinander und mit der Natur. Sie sind unabhängiger geworden, weil sie es mussten. Die Freiheit in der Wildnis war auch eine persönliche Freiheit.
Reizvoll sind solche Geschichten für ein junges Publikum, weil sie den Wunsch nach einem Abenteuer, nach Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung bedienen: Stellvertretend wagen sich die Protagonist*innen der Filme und Serien hinaus in die Welt, raus aus ihrem vertrauten, sicheren Zuhause, hinein ins Unbekannte.
Die Natur umarmt, die Natur wird umarmt
So wie „Ronja Räubertochter“ die Wildnis nicht nur als schön zu betrachtende Kulisse inszeniert, sondern als lebendigen Schauplatz und Charakter, so bindet auch der Animationsfilm „Nina und das Geheimnis des Igels“ (Jean-Loup Felicioli, Alain Gagnol, 2024) Natur in seine Handlung ein. Vordergründig erzählt er über zwei Kinder, die einem korrupten Unternehmer auf die Schliche kommen. Aber außergewöhnlich wird er, weil er so viel Wert auf die Darstellung der Flora und Fauna legt. Im Wald haben sich Nina und Mehdi eine kleine Hütte gebaut und damit einen Rückzugsort geschaffen – auch vor den Sorgen der Eltern, die gerade ihre Arbeit in einer Fabrik verloren haben. Und immer wieder erlaubt sich der Film Abschweifungen und nebensächliche Beobachtungen: Er rückt die Waldtiere ins Bild, er zeigt bildlich, wie die Kinder umarmt werden von der natürlichen Umgebung. Das wirkt durchaus tröstlich und macht das Versteck im Wald zu einem Sehnsuchtsort, gerade im Kontrast zur grauen und zubetonierten Stadt und den kleinen, engen Wohnungen der Kinder.
Dieser Kontrast von Stadt versus Land ist fest eingeschrieben in zahlreiche Filme, die Kinder und Jugendliche irgendwann in die Wildnis oder die freie Natur schicken. Sicherlich: Subtil ist das nicht. Aber doch stets wirkungsvoll. Mustergültig bedienen etwa die „Heidi“-Verfilmungen dieses Erzählschema, wobei in diesen sogar ein Bergdorf noch zu viel Zivilisation ist. Die echte Freiheit erlebt die junge Titelheldin, die von ihrer Tante nach dem Tod der Mutter zu ihrem Opa auf eine Almhütte gebracht wird, erst hoch oben in den Bergen, wohin sich bis auf den eigenbrötlerischen Opa und den Geißen-Peter kein anderer Mensch verirrt. Denn wirklich verstanden fühlt Heidi sich im Dorf nicht und in den Bergen gibt es weder Verpflichtungen noch Erwartungen an sie. Es gehört auch zu den Klischees des Natur-Freiheits-Films, dass mindestens eine Szene enthalten sein muss, in denen ein Kind mit ausgebreiteten Armen über die Felder oder Wiesen läuft. Sich der Natur öffnen, die Natur umarmen – die bislang jüngste Kinoadaption von Alain Gsponer (2015) fängt dieses Gefühl visuell eindrucksvoll ein.
Selbstbehauptung ohne Erwachsene
Dabei braucht es dafür gar nicht mal spektakuläre Landschaften. Wie toll sich allein durch Lichtstimmungen und Musik das Gefühl eines langen Sommers auf die Leinwand zaubern lässt, hat Joya Thome in „Königin von Niendorf“ (2017) gezeigt: Weite Felder, ein großer Baum, ein Fluss, Feldwege, schmale Straßen. In dieser Umgebung verbringt Lea ihre Sommerferien, zunächst allein. Mit ihren bisherigen Freundinnen kann sie nichts mehr anfangen, seitdem diese sich nur noch für Mode und Jungs interessieren. Lea hingegen findet eine Gruppe von Jungen viel spannender, die sich ein Baumhaus gebaut haben und auf einem Floß am See spielen. Aber denen gegenüber muss sie sich erst einmal beweisen.
„Königin von Niendorf“ ist betont alltäglich und bringt – durch die Schauplätze und die unaufgeregte Inszenierung – etwas in den Kinderfilm, was oft sträflich vernachlässigt wird: Ruhe. Auch die trägt zum Freiheitsgefühl bei. Keine Hetze, kein Drängeln, keine Verpflichtungen. Draußen in der Natur können die Kinder machen, was sie wollen, und sein, wie sie wollen. Sie beschließen, mit wem sie befreundet sein wollen, sie gestalten ihre eigenen Regeln, sie bauen an ihrer eigenen Welt. Und vor allem: Erwachsene spielen so gut wie keine Rolle.
Im Grunde beziehen viele Kinder- und Jugendfilme ihren Reiz genau aus diesem Gedankenspiel: Wie würde es sich ohne Eltern leben – wenn auch nur für kurze Zeit? In „Amelie rennt“ (Tobias Wiemann, 2017) büchst die rotzige, asthmakranke Protagonistin, die sich ständig von ihren Eltern bevormundet fühlt, aus einer Klinik in den Alpen aus und macht sich auf den Weg zum Gipfel. Sie hat weder einen Plan noch eine Ausrüstung. Nur ihren Willen. Auch sie wird irgendwann hoch oben in den Bergen ihre Arme ausbreiten, einen kleinen Triumph erleben und sich befreit fühlen von all den Einschränkungen, die sie im Tal zurückgelassen hat. Nur auf einen kleinen Berg, vor allem aber in die ostdeutsche Provinz führt der Ausbruch zwei Vierzehnjährige aus höchst unterschiedlichen Milieus in „Tschick“ (Fatih Akin, 2016), mit einem geklauten Lada. Eine Nacht unter Windrädern mit philosophischen Gesprächen, eine wilde Fahrt durchs Maisfeld, ein Sprung in einen Stausee: Draußen beginnen Maik und Tschick zu spüren, was ihnen im Alltag verwehrt bleibt – da hilft auch kein Einbaupool im Garten, der Natur nur imitiert, aber nicht ersetzen kann. Es ist immer wieder die Weite, die der Film in seinen Bildern beschwört, und hier ausnahmsweise mal ein sehr spielerisches Abenteuer.
Freiheit in diesen Jugendfilmen bedeutet auch: Vergiss die Regeln. Vergiss, was deine Eltern dir gesagt haben. Vergiss, was andere über dich denken. Geh raus. Erlebe. Die beiden Filme tragen eine große Unmittelbarkeit in sich, erzählen sympathisch vom Improvisieren und vom Rebellieren. Dabei ist auch bemerkenswert, welche Rolle technische Geräte bei diesen kleinen Fluchten spielen: Amelie flucht zwar erst noch über den schlechten Empfang in den Bergen. Dafür ist eins der ersten Dinge, das in „Tschick“ aus dem Autofenster fliegt: das Handy.
Die Grenzen der Freiheit
Im Gegensatz zu Amelie, Maik und Tschick sucht die zehnjährige Lila in „Der Fuchs und das Mädchen“ nicht nach dem großen Abenteuer. Als sie bei einem Spaziergang im Wald jedoch einen Fuchs entdeckt, fasst sie ein Ziel: Sie will ihn unbedingt wiedersehen und zähmen. In wunderschöne Bilder verpackt der Film (dem leider in der deutschen Fassung ein gruseliger erklärender Voice-Over-Kommentar verpasst wurde, der noch dazu von einer Erwachsenen gesprochen wurde und den es im französischen Original nicht gibt) die Begegnung des Mädchens mit der Natur und versteht es dabei, die gesamte Palette der Einstellungsgrößen mit größter Wirkung einzusetzen. Nahaufnahmen lenken den Blick auf Details, Panoramen unterstreichen, wie allein das Mädchen in der weiten Natur ist. Mit seinen roten Haaren fügt es sich ohnehin nahtlos ein in die in warmen Farben erstrahlende herbstliche Umgebung und wird zu einem festen Teil von dieser.
Die Naturerfahrung wird in „Der Fuchs und das Mädchen“ vermittelt durch die (vermeintliche) Freundschaft zu einem Tier. Das macht es diesem noch leichter, ein neues Thema einzuflechten: nämlich die Unzähmbarkeit der Natur. Schmerzlich muss Lila lernen, dass das Wilde wild bleibt und wild bleiben muss. Das Kind kann die Natur erkunden und sich an ihr erfreuen, aber es kann sie sich nicht unterwerfen. Insofern beschreitet „Der Fuchs und das Mädchen“ einen neuen Weg, indem er von den Grenzen der Freiheit erzählt.
Bis zum bitteren Ende
Doch die Krönung des Naturfilms ist vielleicht „Into the Wild“ (Sean Penn, 2008). Nach dem College verweigert Christopher McCandless das Leben in der Gesellschaft, die ihm zu formalisiert und unfrei zu sein scheint. Er bricht mit den Menschen, der Gesellschaft und zieht in die Wildnis. So radikal, dass es keine Rückkehr mehr gibt. „Society, have mercy on me / I hope you're not angry if I disagree / Society, crazy indeed / I hope you′re not lonely / Without me“ singt Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder in dem Soundtrack und bringt damit das Gefühl des Protagonisten auf den Punkt, der von einer Enttäuschung und vor allem von einer großen Sehnsucht getrieben wird. Irgendwo da draußen, dort, wo sonst niemand ist, muss es das perfekte Leben geben. Tatsächlich findet er in Alaska die große Freiheit. Aber die unberechenbare Wildnis und sein Unwissen über die Natur wird ihm schließlich auch zum Verhängnis. In dieser Hinsicht sind die einschlägigen Jugendfilme (und die Kinderfilme erst recht) optimistischer. Denn diese erzählen von Fluchten aus der Gesellschaft und von Reifungsprozessen, aber auch von einer Rückkehr als veränderter Mensch. Coming of Age, in der, mit der und durch die Erfahrung von Wildnis, Chaos, Weite und Freiheit – mit der bemerkenswerten Randnotiz, dass die Entwicklung und die prägenden Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen in all diesen Filmen immer erst außerhalb der von Erwachsenen kontrollierten Welt möglich werden.
In meinem früheren Abenteuergarten wurden vor zwei Jahren übrigens alle Baumbestände, Büsche und Sträucher gerodet. Zurückgeblieben ist nur – ein trauriges Brachland.
