Ich sehe was 2026-11: Natur im Kinder- und Jugendfilm
Alles ist lebendig
Belebte Natur im Kinderfilm
von Christian Horn
In vielen Kinderfilmen erscheint die Natur nicht nur als Kulisse oder Metapher, sondern als lebendiges Gegenüber mit autonomer Handlungsmacht. Die Wolken weinen, die Sonne lacht, der Baum schläft. Realität und Fantasie fließen darin ineinander und helfen bei schwierigen Lebensmomenten. Dabei geht es weniger um Magie als um ein lebendiges Gegenüber, das dem jungen Publikum auf Augenhöhe begegnet.
Ein Augenpaar, von Blattlaub umrankt. Schon im ersten Bild des irischen Zeichentrickfilms „Das Geheimnis von Kells“ (Tomm Moore, 2009) wirkt der Wald geradezu verwachsen mit allem, was darin lebt. „Ich sah die Welt durch die Augen des Lachses, des Rehs und des Wolfes“, unterstreicht die Waldfee Aisling im geflüsterten Voiceover die mystische Verbindung mit der Natur. Später bittet sie einen Bienenschwarm, den jungen Brendan nicht zu stechen. Sie entsendet ein Wolfsrudel zu seiner Rettung und verwandelt sich schlussendlich selbst in eine weiße Wölfin. Die Fee ist eins mit dem Wald.
Solche Darstellungen der Natur als beseelte Sphäre lassen sich in vielen Kinder- und Jugendfilmen beobachten. Die Natur erscheint darin nicht nur als Kulisse oder Metapher, sondern als lebendiges Gegenüber mit autonomer Handlungskraft. Das knüpft direkt an eine kindliche Wahrnehmungsweise an, die Naturerscheinungen häufig mit Absichten und Gefühlen verbindet: Die Wolken weinen, die Sonne lacht, der Baum schläft. Indem sie auch unbelebten Elementen eine Beseeltheit zuspricht, geht diese animistische Sichtweise über die bloße Vermenschlichung von Tieren hinaus. So wirkt das Meer im Animationsfilm „Vaiana“ (Ron Clements, Jon Musker, 2016) auch ohne menschliche Gestalt lebendig. Der Grund dafür sind die Bewegungen des Wassers, das absichtsvoll mit den Figuren interagiert.
Eine Form des magischen Denkens
Der magisch aufgeladene Blick auf die Natur in „Das Geheimnis von Kells“ und den daran anschließenden Filmen „Die Melodie des Meeres“ (Tomm Moore, 2014) und „WolfWalkers“ (Tomm Moore, 2020) brachte der Produktionsfirma Cartoon Saloon den Ruf ein, das „irische Ghibli“ zu sein. Denn wenn es um Naturdarstellungen im Kinderkino geht, ist das japanische Animationsstudio Ghibli eine zentrale Referenz. Bereits in „Mein Nachbar Totoro“ (Hayao Miyazaki, 1988) beruft sich der Regisseur Hayao Miyazaki auf shintoistische Vorstellungen einer beseelten Natur. So wird die Existenz des Waldgeistes Totoro ganz selbstverständlich hingenommen, als die jungen Protagonistinnen unter einem Kampferbaum auf seine Erscheinung treffen.
Die Inszenierung der Natur als handelnde Protagonistin kann man als eine Form des magischen Denkens verstehen. Dementsprechend fließen Realität und Fantasie in vielen dieser Filme ineinander, was sich oftmals in einer subjektiven Erzählperspektive andeutet. Im norwegischen Film „Mein Freund Knerten“ (Åsleik Engmark, 2009) wird ein Stück Holz zum Gefährten eines sechsjährigen Jungen. Bei der ersten Begegnung der beiden fällt der Zweig dem Jungen in Zeitlupe entgegen, mit Verwachsungen, die wie Arme und Beine wirken. Erst als der Junge das Holzstück in seiner Hand betrachtet, bekommt es ein Gesicht und spricht – als würde es vom Kind zum Leben erweckt. Ein alter Schreiner regt die Fantasie weiter an, wenn er sagt, Holz habe eine Seele.
Einmal träumt der Junge von Knerten, der am Morgen danach starr neben ihm liegt. Ein Hinweis darauf, dass der Holzgeselle imaginiert ist. Eine Traumsequenz sät auch in „Der blaue Tiger“ (2012) von Petr Oukropec Zweifel. Ein Tiger, der erst nur als Gerücht und Schatten durch die Stadt zieht, beflügelt die Fantasie der neunjährigen Johanna. Eine Sequenz zeigt die Ich-Perspektive des umherstreifenden Tieres. Als sich der Tiger im Wasser spiegelt, erhascht man erstmals einen Blick auf ihn. Doch nach einem Schnitt liegt Johanna in ihrem Bett. Ist der Tiger der kindlichen Vorstellungskraft entsprungen?
Wenn der Tiger im Dschungel verschwindet
Zugleich wirkt sich die Anwesenheit des Tieres konkret aus. Auf wundersame Weise regt der Tiger ein exotisches Pflanzenwachstum im Schnelldurchlauf an. Die Vegetation ist generell ein wiederkehrendes Motiv, wenn es um die Darstellung einer lebendigen Natur geht. Oft rahmen Pflanzen die Bildausschnitte, schieben sich zwischen die Kamera und die Figuren oder werden in Nahaufnahmen ins Bild gesetzt. In „Der blaue Tiger“ ist das Grün schon durch den Schauplatz in einem botanischen Garten omnipräsent; am Ende wird die Silhouette des Tigers eins mit dem Dschungel, in dem er verschwindet. Und in „Martin und das Geheimnis des Waldes“ (2021), der ebenfalls von Petr Oukropec inszeniert wurde, werden Pflanzen als lebendige Wesen dargestellt, die sogar Augen haben.
In „Beasts of the Southern Wild“ (Benh Zeitlin, 2012) gleitet die Handkamera oft knapp über dem Boden und rückt nahe an alles heran, was im Schwemmland hinter einem Damm wächst. Der Film ist zwar nicht explizit an Kinder gerichtet, greift aber die Perspektive der sechsjährigen Protagonistin Hushpuppy auf die Natur auf. Schon die einleitenden Bilder, in denen das Mädchen den Herzschlag von Tieren pochen hört, etablieren die symbiotische Verbindung mit der Natur, die hier fortwährend in der Luft liegt. Einmal mutmaßt Hushpuppy, ihr Vater habe sich in einen Baum verwandelt oder in ein Insekt: „Man weiß es nicht.“ Später verursacht ein wütender Auerochse, der aus dem Eis aufgetaut ist, ein Tier- und Baumsterben. Auch ein heftiger Sturm erweckt den Eindruck, ein lebendiges Wesen zu sein, das bewusst Chaos stiftet. „Im Universum hängt alles mit allem zusammen“, ist Hushpuppy überzeugt. Am Ende ist es für sie eine versöhnliche Vorstellung, ein kleiner Teil davon zu sein.
Neben der Flora und Fauna sind Wasser, Nebel und Lichtspiele oder -reflexe auf der Kameralinse häufige ästhetische Strategien, um die Natur als beseelt zu inszenieren. „Lene und die Geister des Waldes“ (2020) von Dieter Schumann nutzt eine ganze Palette filmischer Mittel. Der Dokumentarfilm für Kinder folgt der siebenjährigen Lene, die ihre Sommerferien im Bayerischen Wald verbringt. Im Eröffnungsbild ziehen Nebelschwaden über die Baumkronen, was sogleich einen mystischen Eindruck erzeugt. Der Off-Erzähler berichtet dazu vom „Waldpeter“, der als Kind im Dickicht verloren ging, von einem Waldgeist in tausend Regentropfen verwandelt wurde und seither in einer Grotte auf seine Rettung wartet. Während der Erzählung wechselt die Kamera von einer erhöhten Position mitten in den Wald, folgt knapp über dem Wasser einem Bachlauf und zieht somit in die Welt der Mythen, die rund um den Wald kursieren. „Du kannst den Wald als Persönlichkeit verstehen“, sagt die „Waldursel“, die eng mit der Natur verbunden ist und schließlich im Grün verschwindet. „Jeder Baum hat seinen Geist um sich herum.“
Im Blick der Protagonisten
Die Sagen und Legenden fließen in Lenes Träume ein, die Schumann szenisch nachstellt. Dabei „verzaubert“ ein ganz schlichtes, aber effektives Inszenierungsmittel den Wald: Ein Bild zeigt eine Wasseroberfläche, auf der das Sonnenlicht glitzert; nach einer Überblendung bleibt das Glitzern als transparentes Halbbild stehen und verleiht den folgenden Waldimpressionen eine märchenhafte Note. Einen magischen Eindruck erzeugt auch das in Höhlen wachsende Leuchtmoos. Zu erhabener Musik schmiegt sich die Kamera an das Moos, an Gräser und Farne. Plötzlich wirkt alles im Wald lebendig und geheimnisumwittert. Und so fragt sich Lene schließlich, wie es sich für den Waldpeter angefühlt haben mag, als Regen durch enge Felsspalten zu fließen, und ob Tiere auch eine Seele haben.
Die Vorstellung einer beseelten Natur holt das junge Publikum auf Augenhöhe ab. Der spezielle Blick dieser Filme fördert Empathie und vermittelt direkt oder indirekt ökologische Botschaften, strahlt aber auch auf die individuelle Entwicklung der Figuren aus. Als handelnde Kraft hilft die Natur bei der Überwindung von Trauer, Sorge oder Einsamkeit, bei der Erlangung von Freiheit oder einer eigenen Stimme. Entscheidender als die meist in der Schwebe gehaltene Frage, ob die Magie tatsächlich existiert, ist die Tatsache, dass die Filme die Sicht ihrer Hauptfiguren übernehmen – und die Natur als lebendiges Gegenüber erfahrbar machen.
