Ich sehe was 2026-10: Religion im Kinderfilm

Über dieses Dossier

Filmbild aus Goldenes Königreich
"Goldenes Königreich" (c) Tiberius Film

Religion ist vieles: eine Quelle existenzieller Sinnfragen, ein Geflecht aus kulturellen Traditionen und Ritualen, ein moralischer Orientierungsrahmen. Mit anderen Worten: Sie prägt viele Alltagserfahrungen. So verwundert es nicht, dass sie auch ihren Platz im Kinderfilm hat. Und zwar meist keineswegs in einer problematisierenden Funktion, sondern ganz spielerisch und leicht, als Teil des Alltags, als Handlungspraxis, als Moment der Gemeinschaft, als magisches Element. In diesem Dossier wollen wir der Rolle von Religion im Kinderfilm nachspüren und einen Blick auf bemerkenswerte Filme quer durch die unterschiedlichen Konfessionen werfen.

Gerade der christliche Glaube scheint für einige Filmemacher*innen ein attraktives Fundament gewesen zu sein, um Geschichten über ganz besondere unsichtbare Freund*innnen zu erzählen. Denn um die Jahrtausendwende, so kann man sagen, war es geradezu en vogue, Heilige, Engel, Jesus, sogar Gott höchstpersönlich sich in Kinderfilmen manifestieren zu lassen. Das klingt witzig, und das ist es auch. Weil die religiösen Figuren eben nicht nur Selbstzweck sind, sondern von den Kindern mit Wünschen und Sehnsüchten aufgeladen werden. Christian Exner stellt vier Filme vor und beleuchtet darin die Funktion dieser außergewöhnlichen unsichtbaren Freund*innen und ihre Empowermentleistung, die letztlich wieder in die Realität zurückführt.

Auch der zweite Hintergrundtext konzentriert sich auf christliche Religionen, allerdings in einer viel konkreteren Form (und reicht auch ein wenig in den Jugendfilm hinein). Josef Lederle untersucht anhand von drei Filmen, wie darin das Verhältnis christlicher Religionsformen zum Denken und Handeln der jungen Protagonist*innen in Bezug gesetzt wird, deckt Formelhaftigkeiten auf und zeigt, wie Religion als Baustein der Identitätsarbeit dient.

Spuren des Religiösen finden sich unterdessen in den Animes von Hayao Miyazaki in nahezu jeder Szene. Miyazakis fantastische Filme sind geradezu getränkt von Spiritualität – jedoch sehr zurückhaltend und leise. Religion ist in diesen Filmen keine Lehre, sondern, so Denis Sasse, „eine unaufdringliche alltägliche Präsenz, die das Erzählen und Wahrnehmen durchzieht“.

Die überraschende Gegenwärtigkeit scheint ein verbindendes Element all dieser Kinderfilme mit Religionsbezug zu sein. Und dieses Muster setzt sich auch in unseren Filmempfehlungen fort, die den Bogen noch breiter spannen. Islam, Buddhismus, Judentum oder Naturreligionen prägen die Lebensphasen der jungen Protagonist*innen. Mit religiöser Indoktrination haben all diese Filme nichts zu tun (nur in „Der Sohn von Rambow“ erleben wir religiöse Vorstellungen als Einschränkung). Sie öffnen vielmehr den Blick in unterschiedlichste Lebensweisen und Vorstellungswelten, laden trotz aller Differenzen zur Identifikation mit den Protagonist*innen ein und erzählen vor allem davon, wie junge Menschen ihre Welt sehen und erklären, wie sie ihren Weg finden und selbstbewusster werden.

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