Ich sehe was 2026-10: Religion im Kinderfilm
Wie in einem Spiegel
Christliche Religionen im Kinder- und Jugendfilm
von Josef Lederle
Spirituelle Themen spielen im Kinder- und Jugendfilm eine große Rolle, wenn es um einschneidende Erlebnisse oder lebensweltliche Erfahrungen geht. Religionen tauchen als solche darin meist nur vermittelt auf. Untergründig spielt ihre formative Kraft im Leben der Protagonist*innen aber oft eine zentrale Rolle. Ein genauerer Blick auf die höchst zeitbedingten Muster von Konfessionen hilft, ihre biografischen Dynamiken zu erschließen.
Im kindlichen Bewusstsein liegen Realität und Fantasie, Wunsch und Wirklichkeit lange eng beieinander. Erst im Laufe des Heranwachsens treten das Ich und die Welt immer weiter auseinander, wobei das Reifen der Persönlichkeit zu großen Teilen weiterhin gesellschaftlich vermittelt bleibt, unter anderem durch Religionen. In Kinder- und Jugendfilmen tauchen religiöse Zusammenhänge in sehr konkreten zeitbedingten Formen auf, deren untergründige Strukturen selten explizit thematisiert werden. Dabei ließe sich gerade darüber viel über die jeweilige Zeit und ihre spezifischen Konturen erkennen. Im Folgenden soll am Beispiel der Filme „Die Ministranten“ (1990) von Wolfram Paulus, „Kommunion“ (2016) von Anna Zamecka und „Die Konfirmation“ (2016) von Stefan Krohmer das Verhältnis christlicher Religionsformen zum Denken und Handeln der Protagonist*innen in Bezug gesetzt und ihre gegenseitigen Dynamiken ausgeleuchtet werden.
Wasser & Wein
Der in Schwarzweiß gedrehte Heimatfilm „Die Ministranten“ von Wolfram Paulus spielt Anfang der 1960er-Jahre im Salzkammergut und erzählt von einer Handvoll Halbwüchsiger, die als Ministranten in den Wochen vor Ostern eine neue liturgische Choreografie für den Gottesdienst einüben. Statt zu dritt oder zu viert soll in der Osternacht die ganze Schar auflaufen. Das verlangt Disziplin und das Einordnen in eine übergeordnete Struktur, was die Knaben so klaglos akzeptieren wie die lateinischen Gebete, die sie auswendig herunterleiern. Die kirchliche Welt ist in dieser Zeit durchgängig hierarchisch strukturiert; der Protagonist Pauli darf auch weiterhin nicht das Weihrauchfass schwenken, weil er als unzuverlässig gilt und öfter zu spät kommt, wie ihm der Mesner immer wieder unter die Nase reibt. Der gütig dreinschauende Pfarrer mischt sich in solche Dinge nicht ein; ihm müssen die Kinder in der Messe aber in einem komplizierten Prozedere zur Hand gehen, wobei ihre Aufgaben – Wein und Wasser reichen, Stehen, Knien, Läuten und ein ernstes Gesicht machen – symbolisch-zeremonieller Art sind, die exakt ausgeführt, aber nicht weiter bedacht werden müssen.
Pauli ist allerdings mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Er will mit zwei Freunden eine Jugendbande gründen, die „Wölfe“, um gegen die „Dorfler“ aus dem Nachbarort bestehen zu können. Auch das geht nur mit strenger Ordnung und Hierarchie, wobei neben dem Katholizismus hier auch das Werk von Karl May stilbildend ist, bis hin zum Anschleichen auf Mokassins. Mit militärischem Ernst und taktischer Finesse trainiert die Gruppe für den finalen Kampf gegen die „Dorfler“, wobei auch Kompromisse – eine zweite Gruppe wird um den Preis eines weiteren Anführers integriert – gemacht und kleine Zugeständnisse konzediert werden müssen; so darf schließlich auch ein großgewachsenes Mädchen mitkämpfen, weil sie hartnäckig darauf besteht.
Der gänzlich unsentimentale, über Strecken fast dokumentarisch wirkende Spielfilm rekonstruiert streng auf Augenhöhe der Kinder eine von Erwachsenen unbehelligte Welt, die trotz des generalstabsmäßig geplanten „Krieges“ aus heutiger Sicht fast unschuldig wirkt. Die an Robert Bresson geschulte Erzählweise des Films lässt aber umso mehr die prägenden Muster im Verhalten der Kinder erkennen. So ist die Kirche während der Festtage bis zum letzten Platz gefüllt, auch wenn die Menschen die Gebete und lateinischen Texte kaum verstehen, sondern ganz auf die rituelle Ebene verwiesen sind. Eingebettet in die unspektakulären, aber raumfüllenden Filmbilder der alpenländischen Welt, erscheint diese formative Energie des vorkonziliaren Katholizismus fast naturwüchsig und einer zeitlosen Ordnung entsprungen, die individuell gar nicht angeeignet werden muss, um ihre Wirksamkeit zu entfalten.
„Ich bin ein Halbgott“
Für die polnische Jugendliche Ola versteht sich in „Kommunion“ von Anna Zamecka sechs Jahrzehnte später nahezu nichts mehr von selbst. Die Schülerin ist das Zentrum einer chaotischen Welt, die ohne Olas unermüdliche Kraft längst auseinandergebrochen wäre. Der Vater ist dem Alkohol verfallen, die Mutter hat das Weite gesucht, der etwas jüngere autistische Bruder Nikodem findet nur in der Badewanne zu sich selbst. Ola coacht ihn für den Katechismusunterricht, an dessen Ende eine Prüfung steht; nur wenn der Bruder alle Fragen nach der Heilsordnung und der Dreifaltigkeit korrekt beantwortet, wird er zur Erstkommunion zugelassen. Auf diese Feier aber richtet sich das ganze Streben des Heranwachsenden. Darauf arbeitet Ola mit aller Energie hin. Denn sie hofft, dass die Mutter, die inzwischen mit einem anderen Mann ein weiteres Kind hat, bei der Feier mit dabei ist und am Ende wieder bei ihnen einzieht.
„Never Finish Anything“, prangt einmal als Motto auf Olas T-Shirt, was als bitterer Witz verstanden werden kann angesichts Olas ständig kollabierenden Alltags, in dem rein gar nichts von selbst funktioniert, sondern alles in Chaos zu versinken droht. Auf Olas Druck reagiert Nikodem zudem mit spastischen Verweigerungen und verblüffenden Sentenzen: „Ich bin ein Halbgott“, murmelt er in der Kirche verschwörerisch ins Mikro, oder kommentiert das Regiment seiner Schwester mit der Sentenz „Wen Gott liebt, den peitscht er.“ Seine kreativen Spracheskapaden ventilieren auf groteske Weise Bruchstücke aus den religiösen Unterweisungen, die ihm im Unterricht als bloße Merksätze eingetrichtert werden oder musikalisch in kitsch-frommen Liedern erklingen. Im Unterschied zum Kirchenlatein aus „Die Ministranten“ werden die Zehn Gebote oder die Gebete des Rosenkranzes auf Polnisch zwar verstanden, schweben als heilige Prosa aber kontextlos über Olas erdrückender Unheilswelt.
Die „Kommunion“, auf die der Titel verweist, die Zusammenkunft um einen Tisch, spielt nicht in kirchlichen Räumen, sondern findet auf der Terrasse eines Gasthofs statt. Die Mutter ist tatsächlich gekommen, mitsamt ihrem kleinen Kind. Doch Olas tiefe Hoffnung auf einen Neuanfang erfüllt sich nicht. Der dokumentarische Film gerät hier an eine Grenze und vermag dies nur mit Brüchen und einem schnellen Ende zu lösen. Doch das tut weder seinem bestürzenden Blick auf das Leben der Familie noch seiner filmischen Kraft einen Abbruch. Nikodem hat sich dafür eine andere Wortfolge gemerkt, die er beim Planschen in der Wanne zum Finale intoniert: „Realität wird zur Fiktion“. Das lässt sich auch auf den Film, nicht aber auf die geschilderte Wirklichkeit beziehen – Welt und Gnade, das Elend in zwei Zimmern und die göttliche Liebe berühren sich hier keineswegs. Im Gegenteil: Die dogmatisch verschlüsselten Glaubenssätze, die nur aus dem Off erklingen, während die Kamera mit Nahaufnahmen und Halbtotalen konsequent bei den Protagonist*innen weilt, befremden in ihrer anonymen Formelhaftigkeit, während Nikodems blasphemische Spitzen für Befreiungen sorgen.
Eine wohltemperierte Leere
Wie „Kommunion“ spielt auch der dritte Film „Die Konfirmation“ von Stefan Krohmer in der unmittelbaren Gegenwart. Eine Mutter bemerkt am Sonntagmorgen, dass ihr 15-jähriger Sohn Ben über Nacht nicht zuhause war. Ihre Aufregung steigert sich, als der Junge später mit einer Kerze nach Hause kommt und erzählt, dass er sich gerade taufen habe lassen, weil er in ein paar Wochen konfirmiert werden will. Die Mutter und ihr Partner sind wie vor den Kopf gestoßen und bestürmen den Teenager mit einer Mischung aus Unverständnis und Übergriffigkeit. Doch Ben hält an seinem Vorhaben fest. Bis die Mutter scheinbar kleinbei gibt und plötzlich eine teure Konfirmationsfeier organisieren will, die weit über ihre Verhältnisse geht. Damit sie dennoch für die Kosten aufkommen kann, versucht sie ihr Glück am Roulettetisch – und landet einmal mehr in einem Teufelskreis aus Verlusten, Schulden und noch mehr Schulden.
Zunächst hatte sie sich auf ihr Fahrrad geschwungen und war zur evangelischen Kirche gefahren, um die Pfarrerin zurechtzustutzen. Und der Ersatzvater hatte den ganzen Markt der religiösen Angebote vom Buddhismus bis zum Judentum aufgeblättert und eine Erkundungsreise durch die Welt der Religionen angeregt. Bloß nicht uninformiert oder überstürzt etwas tun, was von grundlegender Bedeutung ist. Beide Abwehrreflexe führen aber nicht weit, sondern tragen den Erwachsenen nur Unruhe und zusätzliche Konflikte ein. Ben hingegen ist die personifizierte Ruhe selbst. Über seinen Glauben und was sonst noch in ihm vorgeht, spricht er wenig. Unbeirrt sucht er nach einem Konfirmationsspruch, wobei er sich mit dem Smartphone aufnimmt und die Versuche anschließend begutachtet. So, als probiere er die religiösen Sätze für sich und sein Leben versuchsweise einfach mal aus. Beim Treffen mit anderen Konfirmand*innen im Gemeindezentrum geht es dann aber auch um andere Dinge als um Glaubensfragen. Ein Mädchen sucht Kontakt zu Ben, während der innerlich hin- und hergerissen ist, weil er sich für einen anderen Jungen interessiert: „Ist man denn gleich schwul, wenn man über so etwas nachdenkt?“
Mit unterhaltsamem Ernst kreist der Fernsehfilm um eine wohltemperierte Leere in der Mitte des bürgerlichen Berlins, woraus keine großen Dramen resultieren, weil die Menschen für sich und andere einstehen und an ihren inneren Widersprüchen nicht zerbrechen. Die Konfirmation selbst dient hier eher als Bild für die Suche nach Orientierung und Selbstbestimmung. Sie fungiert als dramaturgischer Kristallisationspunkt, um den herum sich das ein oder andere Thema erzählen und lösen lässt. Beim Fest ist es Ben, der Geschenke an seine Gäste verteilt und damit den profanierten Höhepunkt der Veranstaltung umkehrt, bei dem eigentlich der Konfirmierte mit Geld und anderen Dingen überhäuft wird. Mit dieser Pointe verdichtet sich eine märchenhafte Erzählung über kumpelhaft-bewegte Eltern und ihre religionsmündigen Kinder, die im Resonanzraum kirchlicher Institutionen in der Spätmoderne manchmal mehr Reife als ihre Altvorderen entwickeln.
