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| von Stefan Stiletto

Wie eine wärmende Decke

Zwei Adaptionen der poetischen Bilderbücher von Oliver Jeffers

Nur zwei Bilderbücher von Oliver Jeffers sind bislang verfilmt worden. Nach „Pinguin gefunden!‟ erschien vor kurzem auf dem Streamingdienst Apple TV+ die Adaption von Jeffers’ Bestseller „Hier sind wir – Anleitung zum Leben auf der Erde‟. Beiden Filmen gelingt es, in vorlagengetreuem Look die humanistische Botschaft von Jeffers zu vermitteln. Und ganz sanft wagen sie sich auch dorthin, wo es weh tut.

"Wir sind hier" (c) Apple TV+

Was sollen Kinder über die Erde und die Menschen wissen? Wie kann man ihnen erzählen, in welche Welt sie hier und heute hineingeboren wurden und wo sie nun leben? Je länger man darüber nachdenkt, als desto schwieriger erweisen sich diese Fragen. Mit seinem Bilderbuch „Hier sind wir – Anleitung zum Leben auf der Erde‟ hat sich Oliver Jeffers trotzdem an diese Aufgabe gewagt. Der visuelle Künstler, Kinderbuchautor und -illustrator liebt Themen, durch die sich die Perspektiven verschieben, vermeintliche Sicherheiten aufgebrochen und humorvoll existenzielle Fragen gestellt werden. Nun hat er unter anderem als ausführender Produzent an der Verfilmung seines gefeierten Bilderbuchs mitgearbeitet.

Produziert wurde der gleichnamige Kurzfilm vom Studio aka, wo man sich mit Jeffers’ Stil schon auskennt. Bereits 2007 konnte das britische Animationsstudio mit der von Philip Hunt inszenierten, vielfach preisgekrönten Adaption von „Pinguin gefunden!‟ einen großen Erfolg verbuchen. Obwohl es sich um die bislang einzigen Verfilmungen von Jeffers-Büchern handelt, verbindet „Pinguin gefunden!‟ und „Hier sind wir‟ ein eigener Look, der sich an den reduzierten, aber sehr vielsagenden Zeichnungen der Vorlagen orientiert, sowie eine Erzählhaltung, die sich durch ihren tiefen Humanismus und den Mut, auch unbequeme Themen anzusprechen, auszeichnet.

Von der Eltern-Kind-Geschichte zur Umweltbotschaft

Das Bilderbuch „Hier sind wir‟ wurde geschrieben aus der Unsicherheit eines jungen Vaters, der in den ersten beiden Lebensmonaten seines Sohnes auf einmal alles mit anderen Augen wahrnimmt und sich fragt, wie er die Aufgabe meistern soll, seinem Kind eine Welt zu erklären, die er selbst kaum greifen kann. Jeffers’ Bilderbuch ist ein Versuch, ein paar grundsätzliche Antworten zu bieten und etwas Ordnung ins Chaos zu bringen. Es geht um das Leben an Land und Unterwasser, um die Erde und die anderen Planeten, um Tag und Nacht, um philosophische Überlegungen zur Zeit, um die Vielfalt der Menschen und der Tiere, um Respekt und Vertrauen, Neugier und Geborgenheit. Schon beim Vorlesen ist dieses Buch schwer, weil mit jeder Seite vielmehr Fragen aufgeworfen als beantwortet werden und das Leben eigentlich gar nicht einfacher und übersichtlicher, sondern immer komplexer wird.

Das Buch kommt ohne Protagonist*in aus und wurde in Briefform geschrieben, während die oft doppelseitigen Illustrationen das Gesagte veranschaulichen und zumeist durch unzählige Details auch vertiefen – eine Form, die auch durch den assoziativen Stil für eine Verfilmung denkbar ungünstig ist. Von der vorgegeben Dramaturgie und Erzählhaltung weicht der etwa halbstündige gleichnamige Film, der im April 2020 seine Premiere auf dem Streamingdienst Apple TV+ feierte, deshalb schon nach einer knappen Exposition ab. Am „Tag der Erde‟ macht der siebenjährige Finn mit seinen Eltern einen Ausflug in einen Park, um dort zu picknicken und Fahrrad zu fahren. Doch in Wirklichkeit hat der wissbegierige Junge etwas anderes im Sinn: Er will das „Museum of Everything‟ besuchen, das sich in dem Park befindet. So wird der Film nach etwa der Hälfte der Laufzeit zum Museumsbesuch und zeigt das Staunen des Jungen, dem die Wunder der Welt erklärt werden und der sich im Museum auf eine Reise über Land und Meer, durch den menschlichen Körper und die Planeten macht. Charmant nutzt der Film dies, um auch die Unwissenheit der Eltern darzustellen, die die schwierige Vermittlungsaufgabe manchmal lieber in andere Hände geben möchten. Zweifellos gelingt es, durch die Filmmusik und die schöne Animation Atmosphäre zu schaffen und damit die Wunder des Universums zu unterstreichen. Doch das größte Problem des Films ist auch gerade dieses Museale. Der Junge bleibt hier eben weitgehend Beobachtender in einem offensichtlich künstlichen Raum, anstatt selbst etwas zu erleben.

So führt die dramaturgische Idee, ein Museum als Ort der Wissensvermittlung und Weltbegegnung einzusetzen, leider fort von der im Buch so schönen engen Beziehung zwischen (erwachsenem) Erzähler und jungen Zuhörer*innen und überträgt die Aufgabe einer allwissenden körperlosen Erzählerin vom Band im Museum (im Original prominent gesprochen von Meryl Streep). Dafür rückt der umweltbewahrende Aspekt in den Mittelpunkt: „Pass gut auf die Erde auf‟, heißt es dabei, „sie ist alles, was wir haben‟. Thematisch war diese Botschaft den Filmproduzent*innen wohl wichtiger als die emotionale Eltern-Kind-Ebene; veröffentlicht wurde der Kurzfilm dementsprechend auch am 50. „Tag der Erde‟ und erinnert leider in manchen Passagen an einen, wenngleich gut gemeinten, social spot. Die gewaltige Liebe, mit der Jeffers das Buch für seinen Sohn geschrieben hat, ist im Film eher selten zu spüren. Nichtsdestotrotz trifft der Film natürlich mit diesem Themenschwerpunkt den Nerv der Zeit.

"Wir sind hier" (c) Apple TV+

Zutiefst humanistisch

Schön ist hingegen, dass der Humanismus der Vorlage und auch die etwas dunklen Seiten übernommen wurden. Mit im weitesten Sinne geografischen Erklärungen beginnt „Hier sind wir‟ und schafft damit ein Gefühl für den Raum, in dem die Menschen leben. Aber so richtig interessant wird es, wenn es um die Menschen geht, wie unterschiedlich und doch gleich sie sind und wie sie miteinander umgehen sollten. In einfachen, klaren Bildern lässt der Film die Vielfalt der Menschen aufscheinen und erzählt nicht über Grenzen, sondern Zusammenhalt. Und am besten gelingt ihm dies sogar, wenn darüber gar nicht explizit geredet werden muss und Diversität einfach sichtbar gemacht wird – als Normalität im großen Wunder des Lebens. Gerade in solchen Momenten spielt der Film – wie schon die Buchvorlage – seine ganze Stärke aus und versprüht die große Menschlichkeit, die das Werk von Jeffers insgesamt auszeichnet.

Wie Jeffers erzählt, ist überhaupt nicht kitschig, sondern vielmehr ehrfürchtig. Das greifen die Verfilmungen seiner Bücher durch ihren ruhigen, manchmal melancholischen Stil auf, und das zeigt auch der wunderbar unterhaltsame (und ebenfalls vom Studio aka teilanimierte) TED-Talk „An Ode to Living on Earth‟, der aufgrund der Corona-Krise nicht live stattfinden konnte und so etwas wie die erwachsene Version von „Hier sind wir‟ geworden ist.

Auch „Pinguin gefunden!‟, ebenfalls von Philip Hunt inszeniert, nimmt seinen Ausgangspunkt in einem Akt der Nächstenliebe: Als eines Tages ein Pinguin vor der Tür des namenlosen Jungen steht, zögert dieser nicht lange und versucht, ihm zu helfen. „Pinguin gefunden!‟ ist die Geschichte einer Freundschaft, die sich ohne Worte und durch kleine Gesten ganz beiläufig entwickelt und sich dabei voll und ganz auf die beiden Protagonisten konzentriert. Erwachsene werden konsequent ausgeblendet oder nur im Anschnitt – bis zum Hals – gezeigt. Der Kurzfilm hat ein gutes Gespür für das Erzählen auf Augenhöhe von Kindern und kann die komplexen Gefühlswelten in einfache, oft sehr poetische Bilder übertragen.

Zum typischen Jeffers-Humor zählt, dass diese Suche beim Fundbüro beginnt: Vielleicht hat ja jemand den Pinguin verloren? Aber den Pinguin dort sich einfach selbst zu überlassen, bringt der Junge nicht übers Herz. So nimmt eine lange Reise ihren Lauf, die die beiden bis zum Südpol bringt. Doch auch inmitten zahlreicher anderer Pinguine scheint sich der Findling nicht wohl zu fühlen und der Junge erkennt, dass sein Pinguin sich nicht verlaufen hatte, sondern schlicht einsam war.

"Wir sind hier" (c) Apple TV+

Verloren und gefunden

Das Gefühl, allein zu sein, kann vor allem für Kinder sehr beängstigend sein. Und doch gehen die Geschichten von Jeffers genau dorthin, sogar auf einer abstrakten Ebene. War der Pinguin in „Pinguin gefunden!‟ – Originaltitel: „Lost & Found‟ – vor allem auf der Suche nach einem Freund, so geht es in „Hier sind wir‟ auch darum, die Orientierung insgesamt zu verlieren. Wohin, wenn man nicht mehr weiter weiß und sich nicht mehr zurechtfindet, wenn man sich „verloren‟ und hilflos fühlt? Jede*r wird einmal in diese Lage kommen, heißt es im Film. Und es ist klug, dass diese Frage so offen wie möglich gelassen wird. In diesem Sinne „lost‟ zu sein, ist ein ziemlich abgründiger Gedanke für ein Kinderpublikum.

Trotzdem lassen die Geschichten weder ihre Figuren noch ihr Publikum im Stich. Wer allein ist, sich überfordert fühlt oder Unterstützung braucht, kann (und wird!) Hilfe bei anderen finden. In „Pinguin gefunden!‟ werden der Junge und der Pinguin zu einem engen Team, in „Hier sind wir‟ ermutigt der Erzähler, Hilfe und Rat auch bei anderen Menschen zu suchen – wenn er nicht mehr da ist. Zwischen den Zeilen wird damit sogar ein wenig über den Tod erzählt. Mit wenigen Worten scheint durch diese Sätze eine große Ehrlichkeit, aber immer auch Trost und Zuversicht. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb die Jeffers-Verfilmungen so zu Herzen gehen. Sie sind wie eine wärmende Decke, die um einen gehüllt wird. Und damit ganz nah an den Vorlagen.

Die bisherigen Oliver-Jeffers-Verfilmungen...

„Pinguin gefunden!‟ (2008)

R: Philip Hunt

Anbieter: Kommerzielle DVD bei Edel Kids und DVD mit nicht-gewerblichen Rechten bei Matthias-Film)

„Hier sind wir‟ (2020)

R: Philip Hunt

Anbieter: Apple TV+

„Oliver Jeffers: An Ode to Living on Earth‟ (2020) (TED-Talk)

https://studioaka.co.uk/OurWork/tedoj_2020

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