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| von Christopher Diekhaus

Von Kindern lernen

Filme mit jungen Menschen, die Erwachsenen auf die Sprünge helfen

Normalerweise richten wir unseren Blick hier im Kinder- und Jugend-Filmportal vor allem auf Filme, die die Sichtweise von Kindern und Jugendlichen einnehmen und diese in den Mittelpunkt stellen. Dabei fallen solche unter den Tisch, in denen Kinder nur eine wichtige Nebenrolle spielen. Eine Auswahl dieser Filme stellt dieser Text nun vor: Geschichten quer durch alle Genres über Erwachsene, die noch viel zu lernen haben und deren Leben durch die Fragen, die Weisheit, die Freude, die Blicke von Kindern eine neue Bedeutung erhält.

Filmstill: Come on, Come on
"Come on, Come on" (c) Julieta Cervantes

Kinder sind grün hinter den Ohren, müssen noch so viel lernen, sehen die Welt mit naiven Augen, während Erwachsene den Durchblick haben, unzählige Erfahrungen besitzen und daher Probleme leichter lösen können. An diesen Aussagen mag viel Wahres dran sein. Und doch staunt man immer wieder, wie hellsichtig kleine und junge Menschen ihre Umgebung wahrnehmen, über komplizierte Sachverhalte nachdenken und sich mit herausfordernden Emotionen auseinandersetzen. Nicht zuletzt das Kino als überhöhter Spiegel unserer Welt weiß genau davon regelmäßig zu berichten. Geschichten, in denen Erwachsene erst durch den Umgang mit einem Kind eine Wandlung vollziehen, ihr altes Leben hinter sich lassen, Selbstzweifel abstreifen können, zu neuen Erkenntnissen gelangen, erfreuen sich seit jeher großer Beliebtheit.

Fragen und Bindungen, die den Weg weisen

Die Wucht eines solchen Szenarios beweist etwa das Drama „Come on, Come on“ (2021). Regisseur und Drehbuchautor Mike Mills steckt darin den neunjährigen Jesse in die Obhut seines Onkels Johnny, da sich die Mutter des Jungen um ihren psychisch kranken Gatten kümmern muss. Auf erste Irritationen folgt eine langsame Annäherung, die am Ende zu echter Zuneigung führt und vor allem Johnny ungeahnte Einsichten beschert. So zeigt ihm Jesse nicht nur, was es heißt, Verantwortung für ein Kind zu tragen. Die bohrenden Fragen seines Neffen führen ihm auch vor Augen, wie wichtig es ist, sich dem Schmerz über seine zerbrochene Beziehung zu stellen und sich seiner Schwester wieder zu öffnen, mit der er sich vor dem Tod ihrer demenzkranken Mutter oft gestritten hat. Seine besondere Kraft zieht der Film aus den poetischen Schwarz-Weiß-Bildern und dem komplett auf Augenhöhe stattfindenden Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller Joaquin Phoenix und Woody Norman.

Obwohl Mills starre dramaturgische Regeln über Bord wirft, ständig Raum für Stimmungen und die Empfindungen der Figuren lässt, greift „Come on, Come on“ auf inhaltliche Versatzstücke und Motive zurück, die in Werken mit Kindern in starken Nebenrollen häufig und schon lange zum Einsatz kommen. Dass ein Erwachsener plötzlich in die Rolle eines Ersatzelternteils hineinwächst, kennen wir auch aus einem so frühen Kinojuwel wie Charlie Chaplins „Der Vagabund und das Kind“ (1921). In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm verkörpert der Meister des Slapsticks einen mittellosen Vagabunden, der ein ausgesetztes Baby zunächst widerwillig aufnimmt, nur um den Jungen dann umso stärker in sein Herz zu schließen und seine Berufung als Pflegevater zu finden. Bemerkenswert ist „Der Vagabund und das Kind“ zum einen, weil Chaplin seine eigene Lebensgeschichte in den Armenvierteln Londons verarbeitet. Zum anderen, weil er die für ihn berühmte Komik mit sozialkritischen Untertönen verbindet.

Unschuld und Verletzlichkeit als Ansporn zum Wandel

Das Thema Verantwortung, das in „Come on, Come on“ und „Der Vagabund und das Kind“ stets mitschwingt, ist eines der zentralen Bestandteile der Romanadaption „About a Boy oder: Der Tag der toten Ente“ (Chris und Paul Weitz, 2002). Im Mittelpunkt steht hier ein narzisstischer Müßiggänger, der es sich mit dem Erbe seines Vaters gut gehen lässt und kein Interesse für seine Mitmenschen aufbringt. Erst ein zwölfjähriger Außenseiter, der ihn als Vorbild und Lebensberater auserwählt, bringt den Egozentriker dazu, seine Haltung zu hinterfragen und aufzugeben.

Filmemacher, die von jungen Leuten mit besonderem Einfluss auf die Entwicklung älterer Personen und deren neuem Verantwortungsbewusstsein erzählen, greifen gerne auf die Konstellation „Kriminelle und Kind“ zurück. Kein Wunder, lässt sich an diesem Beispiel doch der charakterliche Wandel sehr anschaulich schildern. Die junge Figur, die meistens Unschuld und Verletzlichkeit verkörpert, bringt in der eingangs auf der falschen Seite stehenden Figur das Gute zum Vorschein. Exemplarisch dargestellt im Krimidrama „Perfect World“ (Clint Eastwood, 1993), das die Flucht eines Gefängnisausbrechers und seiner ihm mehr und mehr ans Herz wachsenden Geisel beschreibt. Der Film unterstreicht allerdings auch, dass Werke, wie sie in diesem Text besprochen werden, nicht zwangsläufig positiv ausgehen müssen. Am Ende wartet womöglich auch der Tod des Erwachsenen.

Filmstill: Der Vagabund und das Kind
"Der Vagabund und das Kind" (c) Studiocanal

Selbsterkenntnis durch kindliche Blicke

In anderen Filmen hingegen stehen der Tod oder schwerwiegende Traumata schon am Anfang der Story, etwa in Pixars preisgekrönter Animation „Oben“ (Pete Docter, 2009). Protagonist Carl Fredricksen ist ein klassischer grumpy old man, der den Verlust seiner geliebten Frau nicht verwunden hat und seiner Umwelt feindselig begegnet. Als er aus seinem Haus vertrieben werden soll, hebt er mit diesem dank unzähliger Luftballons einfach ab und macht sich auf den Weg nach Südamerika, wo er sich einen großen Lebenstraum erfüllen will. Durch einen Zufall wird der kleine Pfadfinder Russell zum blinden Passagier. Und eben dieser leicht tollpatschige, aber liebenswerte Kerl trägt entscheidend dazu bei, dass Carl den Mut fasst, alte Sehnsüchte hinter sich zu lassen und weniger destruktiv mit seiner Trauer umzugehen.

Ein Tod, der als solcher mit filmischen Mitteln zunächst geschickt verschleiert wird, markiert den Einstieg des Mystery-Thrillers „The Sixth Sense“ (1999, M. Night Shyamalan). Der Film handelt von einem Psychologen, der sich um einen Jungen mit einer unheimlichen Fähigkeit kümmert: Angeblich kann er verstorbene Menschen sehen. Erst ein Hinweis seines feinfühligen Patienten verhilft dem erwachsenen Protagonisten am Ende zu einer erschütternden Selbsterkenntnis. „The Sixth Sense“ belegt eindrucksvoll, dass das Erzählmuster „Kind gibt älterer Figur wichtige Anstöße“ in den unterschiedlichsten Genrezusammenhängen auftauchen und funktionieren kann.

Nicht der Tod, aber handfeste traumatische Erlebnisse bestimmen die Romanverfilmung „Raum“ (Lenny Abrahamson, 2015). Dreh- und Angelpunkt sind eine junge Frau und ihr fünfjähriger Sohn, die in einem Gartenverschlag gefangengehalten werden. Obwohl die Mutter ständig von ihrem Peiniger missbraucht wird und psychisch massiv leidet, ist sie nicht bereit, einfach aufzugeben. Ihr Junge, der einer Vergewaltigung durch den Entführer entstammt, gibt ihr Kraft und Zuversicht, irgendwann einen Ausweg zu finden. Als tatsächlich die Flucht gelingt, tun sich jedoch neue Schwierigkeiten auf. Denn beide gehen mit der plötzlichen Freiheit anders um. Das Drama, das oft durch die Augen des Kindes erzählt, ist weit davon entfernt, einfache Entwicklungsbögen an die Wand zu werfen. Die Liebe und die Zuneigung zwischen Kind und Mutter lassen am Ende jedoch darauf hoffen, dass auch die schwer gezeichnete Erwachsene den Schrecken, so gut es eben geht, verarbeiten kann.

Die Auflösung von Gewissheiten – und das Motiv der Reise

Betrachtet man Filme mit starken kindlichen Nebenrollen, kommt man am Motiv der Reise nicht vorbei. In zahlreiche Arbeiten – dazu gehören auch „Come on, Come on“ und „Oben“ – sind die Figuren unterwegs, finden dabei zueinander und ziehen plötzlich feste Überzeugungen in Zweifel. Ein schönes Beispiel dieser Stoßrichtung ist die Tragikomödie „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ (Matt Ross, 2016). Eine Aussteigerfamilie bricht darin nach dem Selbstmord der Ehefrau und Mutter zur Beerdigungsfeier auf. Durch den Kontakt mit der Welt außerhalb ihres Rückzugsortes sehen einige der sechs Kinder ihren strengen, den Kapitalismus kategorisch ablehnenden Vater auf einmal kritischer – was ihn irgendwann zum Nachdenken bewegt. Erwachsene, das betont auch dieser sympathisch-schräge Film, sollten junge Menschen ernst nehmen und nicht die eigenen Prinzipien als einzige Wahrheiten verkaufen. Denn egal, wie viele Erfahrungen man auch gesammelt hat: Man lernt nie aus. Und manches sehen Kinder oder Jugendliche dank ihrer Unvoreingenommenheit deutlich schärfer als die Älteren.

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