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| von Christopher Diekhaus

Teenager*innen mit Superkräften

Schon lange gibt es Geschichten, in denen die Entwicklung von Superkräften mit dem Jugendalter zusammenfällt. In der Pubertät kommen die übernatürlichen Gaben plötzlich zum Vorschein, erweisen sich als Reaktion auf Unterdrückung und Missbrauch, befördern Identitätskrisen oder führen die jungen Protagonist*innen gar an die Grenze zum Kontrollverlust. Überblick über ein Erzählmuster, das derzeit wieder besonders oft anzutreffen ist.

"I Am Not Okay With This" (c) Netflix

Superheld*innen sind aus Film und Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Spätestens seit dem Start des Actionblockbusters „Iron Man“ von Jon Favreau im Jahr 2008, der das sogenannte Marvel Cinematic Universe aus der Taufe hob, prägen Geschichten über Menschen und andere Wesen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten nachhaltig die Popkultur. Jeder neue Marvel-Streifen zieht Massen in die Kinos. Und auch die Verfilmungen der DC-Comics locken trotz schwächerer Kritiken zahlreiche Zuschauer*innen an. Zu einer immer beliebteren Spielart haben sich in letzter Zeit Erzählungen entwickelt, die Superkräfte mit den Befindlichkeiten des Heranwachsens verschmelzen. Ein Muster, das etwa die beiden kürzlich gestarteten Serien „Ragnarök“ (2020) und „I Am Not Okay With This“ (2020) bedienen.

Die Entwicklung übernatürlicher Kräfte als Befreiungsschlag

Dass Ängste von Teenagern mit der plötzlichen Entdeckung von übernatürlichen Gaben zusammenfallen, ist freilich kein neues Phänomen. Bereits die 1976 veröffentlichte, unter der Regie von Brian De Palma entstandene Stephen-King-Adaption „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ beschreibt den Rundumschlag einer Jugendlichen mit telekinetischen Fähigkeiten, die unter den Schikanen ihrer fanatisch gläubigen Mutter leidet und von ihren Mitschülern gemobbt wird. Weil sie zu Hause nicht über die Veränderungen des weiblichen Körpers in der Pubertät aufgeklärt wurde, reagiert Carrie panisch, als sie zu Beginn des Films nach dem Sportunterricht in der Dusche ihre erste Regelblutung bekommt. Ihren Anfall wiederum nehmen die Klassenkameradinnen zum Anlass, um das Mädchen zu verspotten. Eigentlich will die Hauptfigur bloß eine normale Teenagerin sein. Ihre Umwelt jedoch treibt sie mit immer neuen Demütigungen dazu, ihre Gedankenkraft auf zerstörerische Weise einzusetzen.

Das Aufkeimen besonderer Fähigkeiten während des Erwachsenwerdens spielt auch eine Rolle in der 2001 uraufgeführten Fernsehserie „Smallville“, die die Jugendjahre eines gewissen Clark Kent, des späteren Superman, beleuchtet. Im Verlauf der insgesamt zehn Staffeln lernt der Protagonist mehr und mehr seine außergewöhnlichen Gaben kennen und begreift, woher er stammt und welche Bestimmung auf ihn wartet. Geschichten mit einer derartigen Stoßrichtung gibt es offenkundig schon länger. Seit einigen Jahren lässt sich jedoch eine Häufung beobachten, sodass man durchaus von einer kleinen Strömung sprechen kann.

"Thelma" (c) Koch

Joachim Triers romantischer Mystery-Thriller „Thelma“ aus dem Jahr 2017 beispielsweise wirkt wie eine Abwandlung der „Carrie“-Erzählung, entwickelt aber eine individuelle Ausdrucksstärke. Im Zentrum steht die verunsicherte Titelheldin, die ihr stark konservativ geprägtes Elternhaus in der norwegischen Einöde verlässt, um in Oslo zu studieren. Die schmerzhafte Abnabelung fällt mit Thelmas erster Liebe zusammen. Und überdies spürt sie mehr und mehr, dass in ihrem Inneren ungewöhnliche Kräfte erwachen. Kräfte, die ihr Vater und ihre Mutter mit religiöser Strenge stets im Zaum zu halten versuchten. Das Ganze ist ein eindringlich gespielter, stimmungsvoll fotografierter Selbstfindungstrip, der bis zum furiosen Ende erfrischend ambivalent ausfällt.

Telekinese wendet auch die Hauptfigur aus dem Horrordrama „Dark Touch“ (2013) an. Hier sind die Fähigkeiten eine brachiale Antwort auf den Missbrauch, den die seelisch versehrte Protagonistin durch ihre Eltern erleiden musste. Gebrauch von seinen außergewöhnlichen Gaben macht in „Brightburn – Son of Darkness“ (2019) der aus dem All auf die Erde herabgestürzte, von einem kinderlosen Ehepaar adoptierte Brandon aus purer Lust am Töten. Als eine Art finsterer Wiedergänger von Superman sorgt der unschuldig aussehende Junge für Chaos und Verwüstung.

Superkräfte und Identitätskrisen

Die Verknüpfung von jugendlichen Sorgen mit dem Aufblühen übermenschlicher Eigenschaften kommt nicht nur in den beiden von Jon Watts inszenierten „Spider-Man‟-Filmen (2017 und 2019) der großen Marvel-Leinwandreihe zum Tragen. Auch der 2018 erschienene, mit einem Oscar prämierte Animationsfilm „Spider-Man: A New Universe“ setzt an dieser Stelle an. Held ist nicht der allseits bekannte Peter Parker, sondern Miles Morales. Ein stinknormaler Teenager mit afroamerikanischen und hispanischen Wurzeln, der die Erwartungen seines Vaters erfüllen will und nach einem Schulwechsel mit Unsicherheiten zu kämpfen hat. Als er durch einen Biss spinnenähnliche Superkräfte erlangt, schlittert er in ein Abenteuer, das Raum und Zeit gehörig durcheinanderwirbelt. Der Film trägt seine Glaub-fest-an-dich-dann-schaffst-du-alles-Botschaft vielleicht etwas zu hastig vor, zeigt aber in atemberaubend animierten Bildern, wie der Protagonist die aus seinen Fähigkeiten erwachsende Verantwortung zu meistern lernt.

"Spider-Man: A New Universe" (c) Sony

In jüngster Zeit tut sich vor allem Netflix hervor, wenn es darum geht, besonders begabte junge Menschen und ihr turbulentes Innenleben in den Blick zu nehmen. „Chilling Adventures of Sabrina“, seit Januar 2020 in der zweiten Staffel laufend, erzählt von einem 16-jährigen Mädchen, das seine unterschiedlichen Identitäten – halb Mensch, halb Hexe – in Einklang zu bringen versucht. Die 2019 veröffentlichte, auf einer Comic-Reihe basierende Serie „The Umbrella Academy“ wiederum präsentiert eine dysfunktionale Familie, bestehend aus sieben Superheld*innen-Geschwistern, die nach dem geheimnisvollen Tod ihres Adoptivvaters eine Apokalypse abwenden müssen. Während sie einige Zeit mehr schlecht als recht zusammenarbeiten, offenbaren sich schmerzhafte Erkenntnisse über die unnachgiebige, von ihrem Vater geleitete Ausbildung in ihren Kinder- und Jugendjahren. Besonders spannend ist hier die Figur der Geigenspielerin Vanya. Lange glaubt sie, als Einzige im Bunde gewöhnlich zu sein. Nach und nach wird sie sich allerdings ihrer telekinetischen Fähigkeiten bewusst und begreift mit Entsetzen, dass diese stets gezielt unterdrückt wurden. Ein Aha-Erlebnis mit verheerenden Konsequenzen.

An der Schwelle zum Kontrollverlust

Reizvolle Ausprägungen des Teenager-Superkräfte-Musters finden sich auch in den Anfang 2020 gestarteten Serienproduktionen „Ragnarök“ und „I Am Not Okay With This“. Die auf den Fundus der nordischen Göttermythen zurückgreifende Fantasy-Saga „Ragnarök“ dreht sich um Magne, einen Legastheniker mit autistischen Zügen, der nach der Rückkehr in seine Heimatstadt in einen Kampf mit uralten Mächten hineingezogen wird. Das Phänomen der körperlichen Veränderungen, die jeder Jugendliche in der Pubertät an sich bemerkt, ist in Magnes Fall nicht nur verwirrend, sondern regelrecht unheimlich. Ohne Vorwarnung schwindet nämlich seine Sehschwäche, während parallel seine Muskelkraft dramatisch zunimmt. Vorboten einer großen Aufgabe, die der von vielen belächelte Außenseiter irgendwann anzunehmen bereit ist.

"Ragnarök" (c) Netflix

Weniger episch, dafür umso sarkastischer geht es in der siebenteiligen, auf der gleichnamigen Graphic Novel basierenden Serie „I Am Not Okay With This“ zu. Die 17-jährige Sydney Novak – wunderbar charismatisch und facettenreich gespielt von Sophia Lillis – kokettiert gerne mit ihrem Status als Sonderling, gibt sich frech und direkt, ist aber durchaus verletzlich. Zu schaffen machen ihr die unerwiderte Liebe ihrer einzigen und besten Freundin, der mysteriöse Selbstmord ihres Vaters und die permanenten Streitigkeiten mit ihrer Mutter, die über den familiären Schicksalsschlag partout nicht sprechen will. Mit großem Unbehagen beobachtet Sydney ihre wachsenden telekinetischen Kräfte, die immer dann hervorbrechen, wenn negative Gefühle überhandnehmen. Dass diese Fähigkeit nur schwer unter Kontrolle zu halten ist, lässt schon ein an den Anfang gestellter Vorausblick erahnen, der sich deutlich vor Stephen Kings Roman „Carrie“ und De Palmas Leinwandadaption verneigt.

Nachschub in Sachen übermenschliche Teenager*innen hätte eigentlich in Kürze vor der Tür gestanden. Da der Kinobetrieb durch die Corona-Krise allerdings erst einmal zum Erliegen gekommen ist, müssen wir auf die Veröffentlichung des Science-Fiction-Streifens „New Mutants“, der Figuren aus dem Kosmos der X-Men-Comics in den Mittelpunkt rückt, noch etwas warten.

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