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| von Reinhard Kleber

Mit Herzblut für wunderbare Filme

Neue und alte Kinderfilmverleiher*innen stehen vor großen Herausforderungen

Wie kommt der Kinderfilm zum Publikum? Zu den Verleiher*innen, die in den vergangenen Jahren immer wieder das Wagnis eingegangen sind, Kinderfilme jenseits des Mainstreams in Deutschland ins Kino zu bringen, zählen unter anderem der farbfilm Verleih, Eksystent Distribution und Little Dream Pictures. Die Geschäftsführer erzählen über die Filmauswahl, crossmediales Marketing und Herausforderungen durch das veränderte Freizeitverhalten von Kindern und Familien.

"Kommissar Gordon und Buffy" (c) eksystent

Kinder- und Jugendfilme sind neben dem Komödiengenre längst zu einer tragenden Säule des deutschen Kinofilms geworden. Im ersten Halbjahr 2019 schafften vier deutsche Kinderfilme den Sprung in die Top 10 der besucherstärksten Kinofilme. Zieht man den Kreis weiter und schließt jugendaffine Filme ein, die die Filmförderungsanstalt (FFA) als „Spielfilmdrama‟ einstuft, so sind es sogar sieben Titel. Dazu gehört auch „Der Junge muss an die frische Luft‟, der mit fast 2,9 Millionen Besucher*innen die Kinohitlisten anführt. Ähnlich sieht es für 2018 aus. Dort gelang acht deutschen Kinderfilmen der Einzug in die Top 20. Auch an der Spitze der Jahreshitliste stehen zwei Kinderfilme: „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer‟ mit 1,8 Millionen Zuschauer*innen und „Die kleine Hexe‟ mit fast 1,6 Millionen Besucher*innen.

Marken und Sequels versus originäre Stoffe

Die Erfolgswelle stützt sich fast durchweg auf Bestsellerverfilmungen und Adaptionen bekannter Marken sowie deren Fortsetzungen. Dagegen tun sich originäre Stoffe im Kinderkinomarkt schwer, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Zu den wenigen Ausnahmen zählen die Kinderkomödie „Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft‟, die 2016 1,1 Millionen Besucher*innen vor die Leinwände lockte, und die Fortsetzung „Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft‟ mit 860.000 Zuschauer*innen im Jahr 2018.

Dennoch bringen einige engagierte Filmverleiher*innen wie etwa Farbfilm unermüdlich unabhängig produzierte Kinderfilme in die Kinos. Mit Little Dream Entertainment und Eksystent sind zuletzt neue Player in dieses Marktsegment eingestiegen. Für diesen Artikel gaben die Geschäftsführer der drei Verleihfirmen Auskunft über Erfahrungen, Motivationen, Probleme und Ziele in einem schwierigen Marktumfeld, das durch Streamingdienste, TV-Serienboom, Filmtitelschwemme, Social Media und konkurrierende Freizeitangebote geprägt ist.

Besserer Zugang zum Kino im Nachmittagsprogramm

Von derartigen Hemmnissen lässt sich der 2015 gegründete Verleih Eksystent Distribution aus München nicht abschrecken. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, „filmische Perlen zu entdecken und in die deutschen Kinos zu bringen, die bislang in Deutschland zu selten zu sehen waren und von denen wir überzeugt sind, dass sie ins Kino gehören„. Zu diesen Perlen gehören seit 2017 Filme wie „Tito, der Professor und die Aliens‟, „Kommissar Gordon & Buffy‟ und „Life on the Border – Kinder aus Syrien und dem Irak erzählen ihre Geschichten‟.

Der junge Verleih legt sich bewusst nicht fest, wie viele Kinderfilme er jedes Jahr herausbringt. „Wir sind ständig auf der Suche, brechen aber nichts übers Knie‟, sagt Geschäftsführer Jakob Kijas. „Es muss einfach von der Qualität und Thematik her stimmen und es muss zu unserem Portfolio passen.‟

Ungünstige Rahmenbedingungen bei der Kinderfilmauswertung wie niedrigere Eintrittspreise oder fehlende Abendvorstellungen schrecken Kijas nicht ab. „Um die abendlichen Vorführungstermine streiten sich fast alle, um die Nachmittagsplätze nur wenige. Letztlich herrscht da weniger Konkurrenz, man hat also sogar einen besseren Zugang zu den Kinos. Die Kinobetreiber*innen sind ja froh, wenn sie ihre Säle am Nachmittag und an den Wochenenden durch Kinderfilme füllen können.‟

"Tito, der Professor und die Aliens" (c) eksystent

Kooperationen und Online-Marketing ohne goldenen Regeln

Als größte Hürde bei der Herausbringung von Kinder- und Jugendfilmen sieht der Geschäftsführer die Frage, wie die Heranwachsenden erreicht werden können. „Natürlich reagieren auch Kinder stark auf Werbung. Wenn Disney einen neuen großen Film startet, ist der ja überall präsent. Auch die Kinder kriegen mit, wenn 'Die Eiskönigin II' startet. Wenn man dagegen kleinere Independent-Kinderfilme startet, hat man nicht so ein riesiges Werbebudget wie die Majors.‟

Bei der Zielgruppenansprache setzt Eksystent gerne auf Kooperationen. Bei „Kommissar Gordon & Buffy‟, der auf einer literarischen Vorlage beruht, habe man mit dem Verlag zusammengearbeitet, berichtet Kijas. Bei „Tito, der Professor und die Aliens‟ spielen Themen wie Raumfahrt, Weltall und Wissenschaft eine wichtige Rolle, so dass eine Kooperation mit „Jugend forscht‟ nahelag. Gerade bei Filmen für junge Zuschauer*innen komme es heutzutage darauf an, die Eltern auch online zu erreichen: „Die Eltern müssen einfach Appetit bekommen, mit ihren Kindern ins Kino zu gehen. Denn Kinder gehen in der Regel nicht alleine dorthin.‟

Beim Marketing setzt Eksystent weniger auf klassische Printmedien, sondern majoritär auf Online. „Wir machen das aber jeweils vom Film abhängig. Man hat ein Budget und schaut: Wo kann ich es am sinnvollsten einsetzen? Und was bringt die größte Reichweite bei der Zielgruppe?‟ Als Beispiel für eine erfolgreiche Marketingkampagne nennt Kijas „Kommissar Gordon‟. „Da hatten wir das Glück, dass wir auf eine bekannte literarische Figur zurückgreifen konnten und es schon eine gewisse Fangruppe gibt. Wie haben auch Verlosungen und andere Aktionen mit dem Verlag organisiert und den Sprecher der Hörspiele eingebunden. Zudem haben wir Print-Anzeigen geschaltet. Aber den Goldenen Weg zur erfolgreichen Marketingkampagne gibt es nicht.‟

Mangelnde Förderung von Diversität

Anders als andere Verleiher*innen, die regelmäßg Verleihförderung in Anspruch nehmen, profitiert Eksystent bisher nicht von solchen Maßnahmen. „Die regionalen Förderer unterstützen leider nur Projekte, die deutsch produziert oder koproduziert sind. Bei internationalen Filmen ohne eine solche Beteiligung schaut man in die Röhre‟, sagt Kijas. Er sucht Kinderfilme aber dennoch nicht nach dem Kriterium aus, ob sie womöglich Verleihförderung bekommen. Gerade weil er bisher vorrangig Kinderfilme ohne deutsche Produktionspartner*innen herausgebracht hat, sieht Kijas Korrekturbedarf: „Letztlich sollte die Filmförderung dafür da sein, für mehr Diversität auf dem deutschen Markt zu sorgen, und nicht nur für mehr deutsche Produktionen.‟

Kijas liegt bei der Präsentation von Kinderfilmen auch die Filmbildung am Herzen. „Wir dürfen nicht vergessen: Kinder sind die Zuschauer*innen von morgen. Wenn sie nicht lernen oder man sie nicht lehrt, Filme im Kino zu sehen, ob zur Unterhaltung oder als Kunstobjekt, dann geht sehr viel verloren. Wie man es besser machen kann, zeigt Frankreich, wo es schon seit langem das Schulfach Filmbildung gibt.‟

Kontrolle bei der Herausbringung eigener Produktionen

Ebenfalls seit 2017 hat der Verleih Little Dream Pictures GmbH eine beachtliche Zahl von Filmen für junge Zuschauer*innen herausgebracht: „Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe‟ aus Italien, „Lino – Ein voll verkatertes Abenteuer‟ aus Brasilien, „Kleiner Aladin und der Zauberteppich‟ aus Dänemark und „Kleine Helden‟ aus Frankreich, „Mein Freund, die Giraffe‟ und „Hilfe, unser Lehrer ist ein Frosch‟ aus den Niederlanden und „Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel‟ aus Deutschland.

Das Hamburger Unternehmen, das zu der Filmproduktionsfirma Little Dream Entertainment GmbH mit Sitz in Köln und Hamburg gehört, legt den Schwerpunkt auf „innovative deutschsprachige Genrefilme sowie internationale Produktionen mit einem breiten Themenspektrum von Arthouse über Family Entertainment bis hin zu Mainstream‟. Ziel ist dabei, „eine faire Partnerschaft mit Filmproduzent*innen aufzubauen und auch kleinen Projekten eine optimale Betreuung und Vermarktung mit großem Mitspracherechte der Filmschaffenden zu bieten‟.

Als Fundament des Verleihprogramms gibt Geschäftsführer Faraz Schuster „Family und Kids‟ an. „Das kommt daher, dass Little Dream von den Produzenten und Regisseuren Ali Samadi Ahadi und Frank Geiger gegründet wurde, die aus diesem Bereich kommen. Samadi hat drei erfolgreiche 'Pettersson & Findus'-Filme realisiert und stellt gerade unseren ersten Animationsfilm 'Peterchens Mondfahrt' fertig. Ich bin mir sicher, das wird ein Meilenstein für uns und für die Animationslandschaft in Deutschland.‟

Das Hauptmotiv für die Gründung eines eigenen Verleihs sei gewesen, dass „wir die Kontrolle über die Herausbringung unserer Produkte nicht aus der Hand geben wollten, sondern mit unseren eigenen Visionen, Strategien und Budgets arbeiten wollten.‟ Um einen Verleih mit mehreren Mitarbeiter*innen wirtschaftlich führen zu können, reiche es aber nicht, nur einen Kinofilm im Jahr zu starten. „Und so viel produzieren wir derzeit im Jahr nicht. Von daher mussten wir auch fremde Projekte in den Verleih nehmen. Dabei sind uns Kinderfilme am liebsten.‟

Die Filme im Programm stammen aus sehr unterschiedlichen Quellen. „Wir besuchen natürlich Festivals und Messen, gehen aber nicht gezielt auf Festivals, um Titel zu akquirieren. Die wenigsten Filme habe ich auf Festivals entdeckt‟, sagt Schuster. Die Ausnahme von der Regel sei „Hilfe, unser Lehrer ist ein Frosch‟. „Den haben wir auf dem Hamburger Filmfest im Original mit Untertiteln gesichtet und uns sofort in den Film verliebt.‟ Häufiger komme es dagegen vor, dass Produzent*innen von sich aus den Kontakt suchten.

Kinderfilme mit hoher Kopienzahl für unterschiedliche Altersniveaus

Im Vergleich zu anderen Kinderfilmverleiher*innen startet Little Dream Pictures Filme wie „Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe‟ mit einer relativ großen Zahl von mehr als 200 Kopien. Das kann sich der Verleih auch deshalb leisten, weil er von Synergieeffekten mit der Produktionsfirma profitiert. Schuster zieht hier einen Vergleich zum amerikanischen United Artists-Modell. „Die enge Kooperation vereinfacht nicht nur unsere Arbeit, sondern hilft auch finanziell. Wir können zum Beispiel digitale Filmkopien (DCPs) im Haus erstellen und vieles intern produzieren, das andere Verleiher*innen mit großem Kosten- und Zeitaufwand extern machen müssen. Wenn es mal brennt, weil wir 'Kleiner Aladin' mit knapp 300 Kopien starten, dann helfen schon mal einige Kolleg*innen aus der Produktion aus.‟

Eine Schlüsselrolle bei der Herausbringung unabhängig hergestellter Kinder- und Jugendfilme spielt für Little Dream die Verleihförderung. „Ohne die geht es gar nicht‟, betont der Verleihchef. „Wie alle Kolleg*innen in der Größenordnung sind wir davon abhängig.‟

Bei der Bestimmung der Zielgruppen arbeitet der Verleih regelmäßig mit Testvorführungen, bei denen verschiedene Altersstufen berücksichtigt werden. „Wir fragen die Teilnehmer*innen danach nach ihren Eindrücken. Damit kann man die Zielgruppe schon genauer eingrenzen. Bei 'Kleiner Aladin' waren Kinder zwischen fünf und zehn Jahren im Screening. Da hatten wir eine klare Tendenz: Schon für Achtjährige war die Geschichte zu einfach. Von daher wussten wir, wir liegen richtig mit der Vermutung: Das ist ein klassischer Pre-School-Film.‟ Bei angekauften Produktionen wie „Hilfe, unser Lehrer ist ein Frosch‟ oder „Mein Freund, die Giraffe‟ greift der Verleih auf Erfahrungswerte zurück, die die Partnerverleiher*innen in den Heimatländern bei Marketing, Zielgruppenbestimmung und Auswertung gesammelt haben.

Die Rolle von Eltern und Großeltern als Gatekeeper

Derzeit machen Family und Kids etwa 50 Prozent des Titelangebots im Verleihprogramm aus. In diesem Segment setzt Little Dream beim Marketing noch immer vorrangig auf Printmedien. „Uns ist klar, wir müssen die Eltern und Großeltern erreichen. Erst wenn wir das schaffen, können wir auch die Kinder erreichen. Denn in aller Regel wählen bei den kleinen Kinogänger*innen die Erwachsenen das Produkt aus.‟ Bei den Zehn- bis Zwölfjährigen sehe das anders aus: „Die haben meist schon ein Smartphone und sind im Netz unterwegs, die müssen wir eher über Social Media abholen.‟

Die größten Sorgen macht sich Schuster derzeit aber über den schleichenden Publikumsschwund. „Wir müssen dringend darüber sprechen, wieso vor allem der Kinderbereich rückläufig ist und wieso die Besucher*innen wegbleiben. Oder verteilen sie sich einfach anders? Vor einigen Jahren haben erfolgreiche Animationsfilme noch locker 1 Million Zuschauer*innen gemacht, jetzt kann man schon froh sein, wenn solche Filme 300.000 Zuschauer*innen erreichen.‟ Wenn Hollywood-Filme wie zum Beispiel „Pets‟ viel erfolgreicher seien als deutsche Produktionen, dann liege das nicht nur an den großen Werbebudgets, sondern auch an der höheren Qualität der Drehbücher. „Wenn man sich nur anschaut, wie viele Animationsfilme alleine in Deutschland produziert werden, dann wird leider vor allem eines ganz klar: Quantität vor Qualität.‟

"L’Avion - Das Zauberflugzeug" (c) farbfilm

Mit deutschen und europäischen Kinderfilmen andere Sehgewohnheiten fördern

Zu den „alten Hasen‟ im Kinderfilmsegment gehört der farbfilm Verleih aus Berlin. Seit 2007 hat er etwa 40 Kinder- und Jugendfilme in die deutschen Kinos gebracht. „Als die Firma 2005 an den Start ging, haben wir gesagt, wir finden Kinderfilme toll, es ist wichtig, dass Kinder auch Filme nach unseren Sehgewohnheiten und nicht nur Hollywood-Produktionen sehen‟, sagt Geschäftsführer Alexandre Dupont-Geisselmann. „Wir wurden sofort von drei Produzent*innen angesprochen, die bis dahin keinen Verleih für ihre deutschen oder deutsch koproduzierten Kinderfilme gefunden haben. Es ging um „L'Avion – Das Zauberflugzeug‟, „Paulas Geheimnis‟ und „Blöde Mütze‟, die dann 2007 und 2008 von farbfilm gestartet wurden.

Seitdem strebt farbfilm an, jedes Jahr im Schnitt zwei Kinderfilme ins Kino zu bringen. Allerdings ist das zuletzt nicht mehr gelungen, wie Dupont-Geisselmann anmerkt. „Wir konzentrieren uns auf originäre deutsche oder deutsch-europäische Koproduktionen. Der Nachschub reichte aber zeitweise nicht für zwei Kinostarts. Hierzulande haben es Produzent*innen einfach schwer, Filmprojekte mit Themen, die im Recoupment schwieriger sind, und mit Vorlagen, die ohne populäre Buchvorlagen oder sogenannte gelernte Charaktere auskommen, passgenau in die Finanzierung zu bringen. Deshalb nehmen wir seit zwei, drei Jahren verstärkt europäische Filme ins Programm.‟

Strukturelle Nachteile bei der Kinderfilmauswertung wie niedrigere Eintrittspreise und der Wegfall der Abendvorstellungen stellen für farbfilm keine allzu hohe Hürde dar. Denn für einen gewissen Ausgleich sorgt der längere Auswertungszeitraum. „Die drei eben genannten Filme haben wir immer noch im Programm, die laufen etwa bei Schulkinowochen oder werden für Einzelvorstellungen gebucht.‟

Herausforderungen durch Marktkonzentration, Familienfreizeitverhalten und Smartphones von Kindern

Als größeres Problem sieht der Geschäftsführer die enorme Konzentration auf Blockbuster, die bei Kinder- wie Erwachsenenfilmen zu beobachten sei. „Wir haben vor ein paar Jahren noch eine Konzentration auf die Top 10 festgestellt, mittlerweile konzentriert sich das Geschäft auf die Top 5 oder Top 3, in Arthouse-Kinos ebenso wie in Multiplexen.‟ Ein weiterer wichtiger Grund für die schleichende Marktkonzentration besteht für Dupont-Geisselmann darin, dass die Elternschaft ihr Verhalten geändert hat. „Früher war die Bereitschaft größer, sich alternativen Themen oder originären Stoffen zuzuwenden. Jetzt sind gerade jüngere Eltern viel freier in der Handhabung dessen, was ihre Kinder konsumieren. Sie haben ein größeres Interesse, mit den Kindern gemeinsam etwas zu schauen, dann fällt die Wahl eher auf gut gemachtes Family Entertainment aus den USA.‟

Auch das Smartphone entfaltet nach Ansicht von Dupont-Geisselmann als externer Faktor einen wachsenden Einfluss auf die Kinonutzung. „Während die Schwelle, an der Heranwachsende ihr Programm selbst bestimmen wollen, früher bei 13 oder 14 Jahren lag, setzt dieser Prozess heute viel früher ein. Wenn heute schon Acht- oder Zehnjährige ein eigenes Smartphone haben, schauen sie im Netz selbst, auf was sie Lust haben.‟ Das Phänomen stelle Verleiher*innen vor neue Herausforderungen. „Wenn der Zugang zum Internet über das eigene Handy entscheidet, wie schnell man Kinder fürs Kino verliert, geraten wir in einem permanenten Überprüfungsmodus. Wir müssen immer wieder genau hinsehen, welche Themen welche Zielgruppen interessieren könnten.‟

"Blöde Mütze" (c) farbfilm

Maßgeschneidertes Marketing für jede Ziel- und Altersgruppe

Bei der Zielgruppenansprache sieht sich farbfilm tendenziell dazu gezwungen, stärker nach Altersgruppen zu differenzieren. „Wir haben jetzt öfter Filme, bei denen wir sagen, die Zielgruppe von acht bis zwölf Jahren ist geteilt, so dass wir unterschiedliche Marketingkampagnen fahren. Bei den Acht- bis Zehnjährigen setzen wir in erster Linie auf das Eltern-Marketing, das reicht von Plakaten und Trailern über die KidsClubs der Kinoketten bis zu Stadtmagazinen, Elternzeitschriften und die Kinderseiten der Tageszeitung.‟ Bei der Kinderzielgruppe setze man auf gängige Kooperations- und Promotionsaktivitäten wie etwa Gewinnspiele oder Fahrradverlosungen. „Aber auch da muss man die Klaviatur der Social Media bedienen: Facebook für die Eltern, Instagram für die Kinder, dazu Tiktok und YouTube.‟

Wie Little Dream ist auch der farbfilm Verleih auf Verleihförderung angewiesen. „Kann man heute überhaupt noch einen deutschen Film ohne Verleihförderung ins Kino bringen?‟ fragt Dupont-Geisselmann. Selbst Adaptionen von Erfolgsmarken von „Ostwind‟ bis „Hanni & Nanni‟ liefen stets mit Verleihförderung. Die grassierende Sequelitis kommt den Fördereinrichtungen sogar entgegen. „Die lieben es, wenn eine fünfte Fortsetzung ansteht, weil sich die Marke schon bewährt hat und das Risiko eines Flops sinkt. Der Verleih kann daher von niedrigeren Marketingausgaben ausgehen, während die Förderinstitution hoffen darf, dass sie Fördergeld zurückbekommt.‟ Filme nach originären Stoffen tun sich da bekanntlich schwerer. Dupont-Geisselmann: „Bei diesen Stoffen fangen wir immer wieder bei Null an. Wenn nur diese Filme nicht so schön wären und so spannende Themen hätten!‟

Was nützen die Lorbeeren, wenn nur das große Event zählt?

Der Geschäftsführer findet es besonders frustrierend, dass selbst Filme, die reihenweise Festivalpreise gewinnen und bei Schulkinowochen begeistert aufgenommen werden, beim normalen Kinoeinsatz einfach nicht durchdringen. Das habe nicht zuletzt mit einem Trend zu tun, den Dupont-Geisselmann „Eventisierung von Familien‟ nennt. „Vor zehn Jahren haben bei einem Kindergeburtstag noch Topfschlagen und das Ausblasen von Kerzen auf der Torte gereicht, heute muss es ein Ausflug zum Legoland, Jump House oder Spaßbad sein, sprich ein Superevent. Die Eltern legen die Latte so hoch, dass jedes Family Event gleich großartig sein muss. Da setzt man lieber auf das vermeintlich sichere Pferd und meidet Experimente, auch im Kino.‟

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