Im Fokus > Hintergrund

| von Holger Twele

Macht(spiele) im Kinderfilm

Auf dem „Lucas‟-Festival 2022 präsentierten sechs „Young European Cinephiles“ (YECs) aus Georgien, Italien und Deutschland ein Sonderprogramm mit drei Filmen zum Thema „Macht“. Vielleicht mit Ausnahme des Filmklassikers „Lord of the Flies“ aus dem Jahr 1963 handelte es sich um Filme für ältere Jugendliche über Machtstrukturen und vor allem um Machtmissbrauch. Die kleine Reihe inspirierte zum folgenden Artikel und der Frage, ob und inwiefern Machtaspekte bereits im Kinderfilm eine Rolle spielen.

Filmstill aus Playground
"Playground" Quelle: DFF/Lucas

Der Slogan „Kinder an die Macht“ wird gerne zitiert, vor allem wenn Kinder an politischen Entscheidungsprozessen zu wenig beteiligt sind und insbesondere in Krisenzeiten eher Gefühle der Ohnmacht entwickeln. Kinderfilme reflektieren direkt oder indirekt zwar die jeweiligen Alltagserfahrungen junger Menschen in verschiedenen Ländern und zu unterschiedlichen Zeiten. Doch umfasst das auch Machtstrukturen und Machtspiele? Sind Kinder tatsächlich die unschuldigen kleinen Wesen, die sich gegen strukturelle Macht durch Erwachsene und sogar gegen politische und gesellschaftliche Machtstrukturen zwar zur Wehr setzen müssen und es auch können, aber selbst keine Macht ausüben?

Je nach Wissenschaftsrichtung wird der Machtbegriff sehr unterschiedlich interpretiert. Im Allgemeinverständnis ist er häufig eher negativ besetzt, mit Ausnahme der „Star Wars‟-Grußformel „Möge die Macht mit dir sein‟. Der Begriff kann demnach positiv und negativ sein und das gilt selbstverständlich auch für politische Strukturen und Systeme. Ein zentrales Merkmal von Macht ist deren Tabuisierung, beispielsweise durch Verschleierung und Verleugnung. Das gilt auch für die (Film-)Pädagogik – und den Kinderfilm. Vor dem Hintergrund der eingangs gestellten Frage bezeichnet Macht laut Wikipedia „die Fähigkeit einer Person oder Gruppe, auf das Denken und Verhalten einzelner Personen (…) so einzuwirken, dass diese sich ihren Ansichten oder Wünschen unterordnen und entsprechend verhalten“. Im internationalen Kinderfilm haben dieser allgemeinen Definition zufolge Machtaspekte und von Kindern ausgeübte Macht ganz offensichtlich ein besonders starkes Gewicht, wie am Wettbewerbsjahrgang 2022 von „Lucas‟ und „Schlingel‟ dargelegt werden soll.

Gute Geister und kleine Tyrann*innen

Die zehnjährige Lucy in „Lucy ist jetzt Gangster“ (2022) von Till Endemann ist ein aufgewecktes Mädchen, wenn auch sehr brav und korrekt. Sie versucht es jedem recht zu machen und sie ist beliebt, da sie ein gutes Gespür dafür hat, welche Eissorte aus der Gelateria ihrer Eltern zu welchem Kunden passt. Als die Eismaschine explodiert und eine Neuanschaffung nicht finanzierbar ist, kommt Lucy auf die Idee, sich das erforderliche Geld durch einen Bankraub zu beschaffen. Dafür allerdings benötigt sie die Mithilfe ihres Mitschülers Tristan, einem „Profi im Bösesein“, der ohne Rücksicht auf Verluste um seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Er soll ihr durch ein Tauschgeschäft beibringen, wie sich ein echter Gangster verhält. Zum Erstaunen ihrer Umwelt entwickelt Lucy daraufhin plötzlich Fähigkeiten, sich mit ihren Zielen durchzusetzen, die ihr bisher völlig fremd waren.

Weitaus weniger zimperlich ist da die kleine Ella in „Mini-Zlatan und Onkel Tommy“ (2022) des Norwegers Christian Lo. Sie schwärmt für den Fußballer Zlatan Ibrahimović und mehr noch für ihren Onkel Tommy. Denn der versteht sich mit seiner Nichte prächtig und ist so etwas wie ihr bester Freund. Umso mehr ist Ella enttäuscht, als sie in den Ferien zur strengen Großmutter geschickt wird, weil der Onkel angeblich keine Zeit für sie hat. Heimlich besucht sie ihn dennoch. Am nächsten Morgen steht Tommys neuer Freund Steve vor der Tür, der sich als sein zukünftiger Lebensgefährte entpuppt. Mit aller Macht versucht nun Ella, ihren unerwarteten „Konkurrenten“ aus der Wohnung zu vertreiben und ihn bei ihrem Onkel madig zu machen. So wird aus dem lustigen Mädchen eine nervige kleine Tyrannin, bis Ella gerade noch rechtzeitig merkt, dass sie sich mit ihren Aktionen selbst völlig ins Abseits stellt.

Filmstill aus Lucy ist jetzt Gangster
"Lucy ist jetzt Gangster" (c) 2022 Wild Bunch, INDIFilm, Daniel Dornhöfer

Macht und Ohnmacht

Zwei künstlerisch herausragende und sozialpädagogisch sehr engagierte Filme zeigen, wie eng Gefühle von Macht und Ohnmacht bei Kindern oft miteinander verknüpft sind. „Playground“ (2021) von Laura Wandel spielt komplett in einer belgischen Grundschule und zeigt ganz aus der Perspektive der Erstklässlerin Nora, wie schwer es sein kann, sich in einer neuen Umgebung zu behaupten und von den anderen akzeptiert zu werden. Der um etwa zwei Jahre ältere geliebte Bruder Abel, der eigentlich ihr Beschützer sein sollte, wird ihr zusätzlich zum Problem, denn dieser wird brutal gemobbt und läuft Gefahr, sich einigen Mitschülern willfährig zu unterwerfen. Er wird vom Opfer zum Täter, als er seine eigene Macht gegenüber einem schwächeren Klassenkameraden ausspielt.

In dem argentinischen Film „Rinoceronte“ (2022) von Arturo Castro Goday ist es der elfjährige Damián, der von seinem Vater geschlagen und stark vernachlässigt wurde. Mit Unterstützung eines Sozialarbeiters kommt er fern seiner Heimat zunächst in ein Heim und dann bei einer Pflegemutter unter. Dennoch weigert sich der Junge konstant, fremde Hilfe anzunehmen oder sich unterzuordnen, denn er möchte wieder zurück nach Hause zu seinem Vater und zu seinen Freunden. Mit aller Kraft versucht er sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und folgt unbeirrbar seinen Zielen und Wünschen. Am Ende muss er erkennen, dass er auf den Vater nicht zählen kann und der Sozialarbeiter der einzige ist, der ihn als Persönlichkeit ernst nimmt und es ehrlich mit ihm meint.

Widerstand gegen die Mächtigen

Nicht erst seit der weltweiten Bewegung „Fridays for Future“ sind Kinder und Jugendliche nicht mehr bereit, sich dem Diktat der Mächtigen in dieser Welt zu beugen, und stellen ihre eigene Macht unter Beweis. Sie setzen sich aktiv für Artenvielfalt und Klimaschutz ein und kämpfen für ihre Überzeugungen und ihre Zukunft. Das müssen nicht immer globale Aktionen sein. Manchmal sind sie lokal begrenzt und entfalten doch eine große Wirkung wie etwa in dem iranischen Film „Singo“ (2022) von Alireza Mohammadi. Auf der Fischerinsel Queshm hat der reiche Unternehmer Barat Khan das Sagen. Niemand wagt ihm zu widersprechen, auch nicht der Vater von Shafa, einem Mädchen, das trotz des jungen Alters gerne Motorrad fährt und vor niemandem Angst hat. Eines Tages fängt der Vater einige unter Naturschutz stehende und äußerst wertvolle Hufeisenkrebse. Die Erwachsenen auf der Insel wollen daraus Profit schlagen, allen voran Barat Khan. Doch über Nacht verschwinden die Krebse, Shafas Vater wird beschuldigt, ihre ältere Schwester soll zwangsverheiratet werden. Es war Shafa selbst, die den Tieren ihre Freiheit geschenkt hatte. Nun muss sie einen Weg finden, wie sie ihre Familie retten und zugleich die ökonomische Zwangslage der Inselbewohnr*innen verbessern kann.

Eine ungleich bessere Ausgangslage haben die beiden jungen Protagonist*innen im französischen Dokumentarfilm „Animal“ (2021) von Cyril Dion. Sie hatten sich schon selbst aktiv für den Umweltschutz eingesetzt, bevor sie der Filmemacher auf eine Reise um die Welt schickte, um bekannte Persönlichkeiten aus den Bereichen Wissenschaft, Recht, Politik und Ökologie, aber auch einfache Bäuer*innen und Viehzüchter*innen über den dramatischen Schwund der Artenvielfalt und seine Folgen für den Menschen zu befragen. Entstanden ist ein Hoffnung und Mut machender Film, der den Young Audience Award 2022 erhielt und der zwar auch die Zerstörungen der Umwelt insbesondere durch Profitgier aufzeigt, mehr noch aber mögliche Alternativen dazu, falls der Mensch lernt, besser im Einklang mit der Natur zu leben.

Filmstill aus Animal
"Animal" (c) CAPA Studio, Bright Bright Bright, UGC-Images, Orange Studio, France2 Cinema 2021

Auf Leben und Tod

Wer die Macht über Leben und Tod anderer Menschen hat, gilt von jeher als besonders mächtig. Das war seit der Antike und nicht nur in Diktaturen und in totalitären Regimen der Fall. „Une seconde vie/Neues Leben“ (2021) von Anis Lassoued aus Tunesien fügt dem im Bereich des Kinderfilms eine völlig neue Facette hinzu. Der zwölfjährige Gadheja wird auf der Flucht vor der Polizei von einem Auto angefahren. Schwer verletzt kommt er ins Krankenhaus, doch seine mittellose Familie hat kein Geld für die lebensrettende Operation. Eine reiche Unternehmerfamilie setzt sich für ihn ein und Gadheja überlebt. Mehr noch, sie bietet ihm und seiner Familie ein neues Zuhause an, wobei Gadheja auch den Sohn seiner Gönner*innen kennenlernt. So freundet er sich mit Oussama an, der dank einer Organtransplantation ähnlich wie Gadheja überlebt hat. Als dieser herausfindet, dass seine Mutter eine größere Geldsumme von Oussamas Eltern erhalten hat, keimt in ihm ein fürchterlicher Verdacht auf.

Noch radikaler erzählt der estländisch-lettische Film „The Sleeping Beast“ (2022) von Tagurpidi Torn seine Geschichte. Denn der Regisseur geht davon aus, dass in jedem Menschen und auch schon in Kindern eine Bestie schlummern kann, die unter entsprechenden Umständen erwacht und Unheil stiftet. In seinem unter die Haut gehenden Thriller ist eine Gruppe eng miteinander befreundeter Kinder dafür verantwortlich, dass ein unliebsamer Wächter, der ihnen den Spielplatz in einer verlassenen Fabrik wegnehmen möchte, in ein tiefes Loch fällt. Statt dem Verwundeten zu helfen, entscheiden sich die Kinder, die Sache geheimzuhalten, denn sie fürchten um Strafen seitens der Erziehungsberechtigten. Die Situation eskaliert, als der Anführer der Kinder Gewissensbisse bekommt und die Sache beenden möchte. Dadurch gerät er selbst ins Visier seiner bisherigen Freund*innen.

Ein Schlüsselelement der kindlichen Sozialisation

Das Thema Macht ist fast immer nur ein Aspekt von mehreren, die in einem Film zum Tragen kommen. Man muss diesen Aspekt nicht überbewerten, sollte ihn aber auch nicht verdrängen oder ganz aus dem Fokus verlieren. Denn die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und gleichermaßen mit eigenen (kindlichen) Wünschen nach Macht und Einfluss ist selbstverständlich auch schon im Kinderfilm angelegt und zudem ein Schlüsselelement der kindlichen Sozialisation. Das beginnt mit der Selbstwahrnehmung und der Einschätzung von zwischenmenschlichem Verhalten, geht über die Sensibilisierung für die Unversehrtheit des eigenen Körpers und das Recht, auch einmal ein klares „Nein“ zu sagen, bis hin zu eigenem Engagement und zum Einüben in demokratische Grundwerte.

Zurück