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Hintergrund | | von Rochus Wolff

Kackbratzen und Stinkstiefel

Unangenehme Figuren im Kinderfilm

Ach, die lieben Kleinen! Ja, sicher, die Protagonist*innen in Kinderfilmen können schon sehr nett sein und vielleicht wird dies sogar von ihnen erwartet. Umso schöner (oder auch nicht), wenn dann mal ein Film um die Ecke kommt, der mit so richtig fiesen, egoistischen, nervigen Kindern oder animierten Figuren aufwartet. Zugegeben: Der pädagogische Anspruch bleibt dabei nicht aus. Aber auch da gibt es Ausnahmen.

Filmbild aus Der kleine Rabe Socke
"Der kleine Rabe Socke" (c) Universum

„Das stört doch keinen großen Geist!“ Als Karlsson vom Dach das zum ersten Mal sagt, hat er gerade die Dampfmaschine in Flammen gesetzt, die Lillebror eigentlich nur unter Aufsicht anfassen, geschweige denn benutzen darf. Lillebrors Bitten, sein Flehen, die Regeln doch zu beachten, ignoriert der weltbeste Nachbar (und eh weltbeste Alles) beharrlich und konsequent. Und wird Lillebror so in allerlei Schwierigkeiten bringen.

Der Titelheld von „Karlsson auf dem Dach“ (Olle Hellbom, 1974) ist, mit einem Wort, eine ziemlich unangenehme Person. Er ist unmäßig von sich selbst überzeugt, ignoriert die Bedürfnisse anderer, von ihrem Willen zu schweigen, und sieht nur sich als Maßstab seines Handelns und der Welt. Und damit ist er nicht allein. Denn während ein oberflächlicher Blick auf Kinderfilme vielleicht den Eindruck erwecken mag, es gebe hier doch eine überwältigend große Zahl reizender und netter Figuren zu verzeichnen, zeigt sich doch schon recht bald, wie wenig das stimmt.

Ein bisschen genial. Aber lernen müssen sie trotzdem noch was.

Ist nicht etwa Louis, die Elster, in „Louis & Luca – Das große Käserennen“ (Rasmus A. Sivertsen, 2015) so nervig streitsüchtig und immer aufs Gewinnen aus, dass sie ihre Freund*innen und deren Besitz mit seiner Wette in Gefahr bringt? Und wo wir schon bei ichbezogenen Vögeln sind – da können wir ja selbst aus Deutschland ein prächtiges Exemplar beobachten.

Socke nämlich, das ist gewissermaßen das Existenzprinzip dieses Raben, denkt immer zuallererst an sich und seine Bedürfnisse. Sein regelmäßig zu hörendes „Bittedanke!“ trägt in jeder Anfrage schon die Erwartung mit, seinen Wünschen müsse jetzt (gefälligst oder logischerweise) sofort entsprochen werden. Das klappt freilich nicht immer, und wenn er dann doch seinen Dickkopf durchsetzt, geht das gerne mal schief. Und so muss er wieder und wieder immerzu aufs Neue und in unterschiedlichen Konstellationen und mehreren Filmen (zum Beispiel „Der kleine Rabe Socke“ oder „Der kleine Rabe Socke 2 - Das große Rennen“ (Sandor Jesse und Ute von Münchow-Pohl, 2012 und 2015)) lernen, dass es nicht nur moralisch geboten, gut und richtig ist, auch auf andere zu hören und zu achten, sondern dass es auch ihm selbst meist gut tut, wenn nicht alles so läuft, wie er das will.

Socke und Louis sind keine angenehmen Zeitgenossen, gelegentlich fragt man sich schon, warum ihre Freund*innen stets zu ihnen halten. Aber dahinter versteckt sich natürlich auch der narrative Zweck dieser Nervensägen: Sie sind Figuren, die besonders sind, herausragen; die anecken und mit ihren Eigenheiten gelegentlich auch etwas Genialisches haben.

Dass sie, filmhistorisch betrachtet, meist männlichen Geschlechts sind, ist sicher (so funktioniert insbesondere der Genie-Mythos) auch kein Zufall. Als Gegenbeispiel in jüngerer Zeit funktioniert da dann zum Beispiel Ulja Funk, die von sich selbst sehr eingenommene Hobby-Astronomin, die ihren Mitschüler Henk dazu bringt, mit ihr im Auto nach Belarus zu fahren und davon selbst dann nicht absieht, als klar wird, dass sie versehentlich ihre Großmutter gekidnappt haben.

Filmbild aus Mission Ulja Funk
"Mission Ulja Funk" (c) Ricardo Vaz Palma, In Good Company

„Mission Ulja Funk“ (Barbara Kronenberg, 2021) bettet diesen Roadmovie-Plot in eine Buddy-Comedy ein, die die Vorzeichen umdreht: Die Musterschülerin Ulja, klug und selbstbewusst, mit einer eigentlich intakten, sich kümmernden Familie (wenn auch womöglich mit falschen Prioritäten) ist diejenige, die Beziehungen eher von sich aus und transaktional denkt und soziales Miteinander erst noch lernen muss. Und Henk, der mit 13 Jahren schon Auto fährt und sich so wenig für die Schule interessiert wie seine Eltern für ihn, ist ihr Gegenpart: Ebenso selbstbewusst, aber deutlich weniger auf sich selbst bezogen.

Socke und Ulja sind beide gleichermaßen Identifikationsfiguren, die nervig sind, sich aber ändern können – adressieren aber jeweils ein Publikum von ganz unterschiedlichem Alter. Der kleine Rabe spricht eher jüngere Kinder an, die sich noch nicht ganz von der notwendigen und sinnvollen Ichbezogenheit des Kleinkinds und seinem kontinuierlichen Bezug auf die eigenen Bedürfnisse abgelöst haben und die ebenso notwendige und sinnvolle Rücksichtnahme auf andere hier beispielhaft sehen können. Dass die Socke-Filme den pädagogischen Zeigefinger nicht groß herumschwenken, ist ihr großer Verdienst. „Mission Ulja Funk“ hingegen positioniert seine Protagonistin am Beginn der Pubertät, an der die Frage „Wer bin ich?“ immer auch eine Frage der Ablösung (von den Eltern, von der Familie) ist, während zugleich der Druck zu Konformität (unter Gleichaltrigen) groß ist. Uljas Geschichte ist interessant, weil sie kein Interesse daran hat, den Erwartungen auch ihrer Peergroup zu entsprechen – aber dennoch hat sie noch einiges zu lernen.

Toll, jemand anderes macht’s

Karlsson allerdings, mit dem dieser Text begann, spielt eine gänzlich andere Rolle. Er tut das, was Lillebror nicht tun darf, auch womöglich das, was er nicht zu tun wagt. Er ist nicht wirklich Lillebrors Antagonist, eher eine von Bedenken befreite Figur, die den eigentlichen Protagonisten in Bewegung setzt, Veränderung in sein Leben bringt. Etwas überspitzt gesagt: Karlsson steht in vielen Situationen für das Lustprinzip, das Es als Gegensatz zum bei Lillebror überdeutlich sichtbaren Über-Ich, das sich an Regeln und Verbote hält. Ein Alter Ego, das geheime Wünsche freilegt – nicht umsonst ist (vor allem für Lillebrors Eltern) lange Zeit unklar, ob Karlsson wirklich existiert oder eher ein imaginärer Freund ist.

Ein Alter Ego der anderen Art schafft sich Frido in „Unheimlich perfekte Freunde“ (Marcus H. Rosenmüller, 2019), der selbst seinen Neigungen und kurzfristigen Bedürfnissen nachgehen möchte und aus einem magischen Spiegel einen Doppelgänger herausholt, der brav für ihn in die Schule geht und auch sonst immer schön ordentlich und folgsam ist. Der aber dann – kein netter Charakterzug – Fridos Stelle einnehmen will.

In beiden Fällen springt das alternative Ich für all jene Dinge ein, die man gerne wegschieben möchte, die die Hauptfigur nicht machen möchte oder sich nicht zu tun traut – ob es innere Wünsche oder äußere Ansprüche sind. Am Ende muss sich das irgendwie zusammenfügen, integrieren, als Schritt zu einer etwas ganzheitlicher abgerundeten Persönlichkeit, die, Rabe Socke lässt grüßen, Gelüste und Gebote zugleich in ihrem Leben unterbringen kann.

Filmbild aus Unheimlich perfekte Freunde
"Unheimlich perfekte Freunde" (c) SquareOne Entertainment

Das gemeine Gegenüber

Manchmal ist die Lektion aber auch eine ganz andere. Tilla etwa ist keineswegs Annes Alter Ego, sie ist einfach schon da, als Anne neu in die Klasse kommt. Als Klassen-Bully gibt sie den Ton an und will bestimmen, wie Anne von den anderen Kindern behandelt wird.

„Die dicke Tilla“ (Werner Bergmann, 1982) positioniert die beiden Figuren fast gleichwertig als Antagonistinnen. Sehr schnell wird ohne große Belehrung deutlich, wie sehr Tillas Lebensrealität dazu führt, dass sie wenigstens in der Schule versucht, Dominanz herzustellen. Ihr autoritärer und vor allem wenig sensibler Vater drängt sie dazu, den Haushalt zu führen, das Zwillingspaar von Brüdern nutzt die Situation nach Kräften aus.

Bergmanns Film sorgt dafür, dass der immer weiter eskalierende Streit zwischen den zwei Mädchen dazu führt, dass sie über Nacht in einer einsamen Scheune festsitzen und sich schon aus Langeweile zuhören (müssen). So wird unübersehbar, wie sehr sich Anne und Tilla in vielem dann doch ähneln, was sie sich eigentlich wünschen. Was daraus am Ende wird, bleibt offen – ob sie sich wirklich anfreunden, ob Tilla sich ändert.

Einfach nur furchtbar

Hier wird schon wieder etwas gelernt, glücklicherweise nicht zu sehr und mit nicht zu dickem Pinselstrich. Dass ein Kinderfilm auch wichtige Lektionen für’s Leben bereithalten kann, verwundert nicht zu sehr. Umso erfrischender ist es dann doch, wenn Kinder auch einmal einfach nur furchtbar sind. Kackbratzen und Stinkstiefel, keine Besserung in Sicht, nirgends.

Solche Figuren finden sich zum Beispiel vor den Toren von Willy Wonkas Schokoladenfabrik ein. Unter den fünf Kindern mit goldenem Eintrittsticket in „Willy Wonka und die Schokoladenfabrik“ (Mel Stuart, 1971) ist nur Charlie ein erträgliches Kind, die anderen sind verzogen, verwöhnt, unerträglich: Veruca Salt, Violet Beauregarde, Mike Teevee (der seine Obsession schon in seinem Namen trägt). Damit stets klar ist, woher das jeweils kommt, ist den Kindern stets ein nicht minder furchtbarer Elternteil zur Seite gestellt.

Anders als Tim Burtons spätere Verfilmung „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (2005) lässt Stuarts Adaption des Buchs von Roald Dahl offen, ob Veruca wirklich heil aus der Müllverbrennung entkommt oder ob Violet ihr Leben als Blaubeere weiterführen muss. Ihr Schicksal, das sich direkt aus ihrer Gier und Ichbezogenheit ergeben hat, wird einerseits als gerechte Strafe inszeniert und wirkt andererseits phantastisch überhöht, weil sich der ganze Film (und insbesondere das Innere von Wonkas Fabrik) kaum als eine realistische Darstellung der Welt verstehen lässt.

Ganz ohne pädagogischen Ausweg, aber sicher mit kathartischem Effekt stehen die vier Kinder vielleicht als warnendes Beispiel für die selbstzerstörerische Kraft von egozentrischem Verhalten. Zugleich ist das eine viel zu platte Beschreibung, denn Wonka selbst in seiner exzentrischen und ebenfalls ichbezogenen Art ist sowohl die ambivalenteste als auch die interessanteste Figur des ganzen Films. (Dass Burtons Verfilmung dies biografisch durchpsychologisiert, ist an schmalziger Eintönigkeit kaum zu überbieten.)

Filmbild aus Victoria muss weg
"Victoria muss weg" (c) Barnsteiner

Noch radikaler in seiner Darstellung verdorbener, unangenehmer Kinder ist womöglich nur noch „Victoria muss weg“ (Gunnbjörg Gunnarsdóttir, 2024), in dem zwei Geschwister mit der neuen Freundin ihres Vaters überhaupt nicht einverstanden sind und sich schließlich dazu entschließen, sie ermorden zu lassen. So viel Bösartigkeit lässt sich natürlich als Kinderfilm nur in Form einer schwarzen Komödie unterbringen, die dadurch nur besser wird, dass das anvisierte Mordopfer wirklich auch eine sehr unangenehme Person ist und der Vater ein nachgiebiger Tropf ohne eigene Haltung.

Richtig unangenehme Fieslinge, die bis zum Ende nichts wirklich dazulernen und so schließlich in den letzten Szenen des Films folgerichtig dazu verdonnert sind, in einer gemeinsam erzeugten Hölle miteinander auskommen zu müssen. „Victoria muss weg“ ist durch diese Kompromisslosigkeit womöglich unter allen genannten Beispielen der Film mit dem größten pädagogischen Effekt und dem kleinsten Zeigefinger.

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