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| von Reinhard Kleber

Ins Kino fahren: Autokino für Kinder

Eine Filmerlebnis-Alternative in Corona-Zeiten

Es ist wieder da: das Autokino. Durch die Corona-Krise hat sich diese besondere Form des Filmerlebens für einen neuen Publikumskreis geöffnet, der sonst nicht zu den Adressat*innen zählt: Kinder. Mit spezieller Technik wird an mehreren Orten tagsüber ein vielfältiges altersangemessenes Programm geboten. Und auch etablierte Kinder- und Jugendfilmfestivals mischen mit.

Autos auch auf der Leinwand: "Fritzi - eine Wendewundergeschichte" (c) Weltkino

Seit etlichen Wochen sind Filmfans jeden Alters durch die Schließung der Kinos vom Filmerlebnis auf der großen Leinwand abgeschnitten. Sichtungen von Filmen auf Computermonitoren oder Fernsehern sind dafür kein gleichwertiger Ersatz. Aber es gibt ja noch das gute alte Autokino, das während der Coronavirus-Pandemie ein unerwartetes Revival erfährt. Dutzende Anbieter*innen stürzten sich auf die Marktlücke, die ein ziemlich sicheres Freizeitvergnügen auf vier Rädern ermöglicht. Da es wochenlang kaum Alternativen zum Autokino gab, konnten sich die Veranstalter*innen über viele ausverkaufte Vorführungen freuen.

Findige Veranstalter*innen bieten inzwischen auch reichlich Programm für das junge Publikum. Wobei dabei Kinohits und populäre Filme aus dem Mainstream-Sektor wie „Die Eiskönigin 2‟ (Chris Buck, Jennifer Lee, 2019), „Der König der Löwen‟ (Jon Favreau, 2019) oder „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer‟ (Dennis Gansel, 2018) dominieren. Da seit Wochen wegen der flächendeckenden Schließung der konventionellen Kinos keine neuen Filme gestartet werden, müssen sich die Autokinos auf Titel, die noch aus der Vor-Corona-Zeit stammen, oder Klassiker beschränken. Etliche dieser Titel sind allerdings auch schon online verfügbar. Dagegen sind kleinere unabhängige Produktionen und Titel aus dem Arthouse-Bereich wie „Romys Salon‟ (Mischa Kamp, 2019) seltener zu finden.

Nostalgisches Nischenprodukt

Bis zum Coronavirus-Ausbruch führte das Autokino in Deutschland ein Nischendasein. Es gibt zwar eine treue Fangemeinde, aber die ist überschaubar und reicht normalerweise gerade, um bundesweit fünf von ihnen einen Ganzjahresbetrieb zu ermöglichen. Die fünf Drive-In-Anlagen der DWJ GmbH stehen in Köln, Essen, Gravenbruch bei Frankfurt am Main, Kornwestheim bei Stuttgart und Aschheim bei München. Zusammen lockten sie zuletzt 250.000 bis 300.000 Besucher*innen im Jahr an.

Dazu kommen noch einige Autokinos, die nur in den wärmeren Monaten spielen. 2019 zählte die Filmförderungsanstalt bundesweit 18 Autokino-Leinwände, 15 Jahre zuvor waren es noch 38. Dank Corona schnellte die Zahl der Autokino-Initiativen jedoch rapide hoch: Der Verband der Filmverleiher führt auf seiner Homepage inzwischen rund 170 Autokinos auf, die schon aktiv sind oder es werden wollen.

Brüllt auch im Autokino: "Der König der Löwen" (c) Disney

Rettungskapsel mit Regelwerk

Die Autokinos profitieren jetzt davon, dass sie wie eine Rettungskapsel ein sicheres Gemeinschaftserlebnis außerhalb der eigenen vier Wände ermöglichen. Die Gäste reisen im eigenen Auto an, bleiben während der Projektion darin sitzen und können problemlos genügend Abstand halten. Für den Betrieb unter Pandemie-Bedingungen hat sich ein neues Regelwerk durchgesetzt: In jedem Auto dürfen sich nur zwei erwachsene Personen sowie eigene Kinder befinden, die Fahrzeuge werden auf dem Gelände mit mindestens zwei Meter Abstand geparkt, Tickets gibt es nur online im Vorverkauf, sie werden bei der Einfahrt durch das geschlossene Autofenster gescannt, die sonst übliche Kasse ist geschlossen. Während einige Veranstalter*innen verpackte Snacks und Getränke anbieten, bleiben bei anderen die bisherigen Snack-Bars geschlossen. Billiger ist es ohnehin, wenn sich die Besucher Getränke, Chips und Popcorn von zuhause mitbringen.

Mit den nachmittäglichen Vorführungen von Kinder- und Familienfilmen kamen die Autokino-Organisatoren nicht zuletzt den Bedürfnissen von Eltern entgegen, die dringend nach erlaubten Freizeitaktivitäten für die von Kontaktsperren genervten Kinder Ausschau hielten. Die beiden großen Drive-In-Autokinos in Köln und Kornwestheim zum Beispiel haben neben ihren großen Leinwänden extra Zusatz-LED-Wände installiert. „Die haben wir zusätzlich aufgebaut, um auch den Kleinsten und den Familien ein Programm zu bieten‟, sagt Heiko Desch, der das Autokino in Gravenbruch leitet und als Pressesprecher der Drive-In-Gruppe fungiert. „Diese Angebote werden sehr gut angenommen. Die Familien sind froh, dass für sie etwas Besonderes geboten wird und sie mal aus dem Haus kommen.‟

Viele der neuen Autokinos wurden von Agenturen initiiert, die wegen der Corona-Krise nicht arbeiten können. Dieses Schicksal hat auch das Konzertbüro Bahl in Gießen ereilt, das sich mit dem örtlichen Kinopolis-Kino zusammengetan hat, um ein Autokino auf die Beine zu stellen. Zu seiner Motivation sagte Geschäftsführer Dennis Bahl in einem Zeitungsinterview: „Wir machen das nicht, weil wir damit ein zweites Standbein aufbauen wollen. Wir sind froh, wenn wir die Unkosten gedeckt bekommen.‟ Mit dem Kinderkino wolle man nun vielmehr Familien und Alleinerziehenden, die sich gerade besonders bemühen müssten, ihre Kinder zu unterhalten, eine Alternative bieten. Die Freizeitgestaltung ist sehr eingeschränkt, und Ausflüge nur schwer möglich. Bahl spricht aus Erfahrung: „Ich habe selbst drei Kinder, ich weiß, wie das gerade ist.‟

Große (und manchmal viel zu kleine) LED-Wände für den Nachmittagseinsatz

Die Autokinos führen die Kinder- und Familienfilme in der Regel am Nachmittag vor. Dann ist es noch zu hell, um die bewegten Bilder mit Projektoren auf feste oder aufblasbare Leinwände zu werfen. Daher haben die Veranstalter in der Regel LED-Wände angemietet und aufgestellt, die ein ausreichend helles Bild liefern. Allerdings sind die LED-Monitorwände meist auch kleiner als die konventionellen Leinwände. Beim Autokino Gießen hat die LED-Wand nur 25 Quadratmeter, während die Leinwand für die Abendvorstellungen 130 Quadratmeter misst. Im Autokino in Chemnitz gibt es eine 200 Quadratmeter große aufblasbare Leinwand und eine 50 Quadratmeter große LED-Wand für die Nachmittagsvorstellungen.

Das Autokino in Mainz nutzt dagegen einen fast 200 Quadratmeter großen LED-Bildschirm für die Vorführungen am Nachmittag und Abend. Auch das Autokino des Marburger Kinobetreibers Cineplex spielt Filme für Erwachsene und Kinder auf dem gleichen LED-Screen mit einer Größe von 15 mal 6 Meter ab. Die Cineplex-Geschäftsführerin Marion Closmann zeigt an den Wochenenden jeweils um 15 Uhr einen Kinderfilm und berichtet: „Unsere Erfahrung ist: Kinder lieben Autokino. Ob nun 'Der kleine Rabe Socke' oder 'Shaun das Schaf', die Kinder gehen derart mit, dass einige vor lauter Spannung fast ins Lenkrad beißen. Da hupt schon mal ab und zu ein Fahrzeug, was sonst nur im Chor als Beifall nach der Vorführung geschieht." Allerdings seien die Kosten für die Miete der Leinwand sehr hoch, sagt Closmann. Der Preis werde ab dem zweiten Monat günstiger, so dass sie gleich für zwei Monate gemietet wurde.

Auch die Eintrittspreise mitsamt dem Leistungsspektrum schwanken erheblich. Im Autokino in Aschheim bei München muss jeder Gast für ein Ticket etwa für eine „Sondervorstellung‟ des Animationsfilms „Mina und die Traumzauberer‟ (Kim Hagen Jensen, 2019) auf zwei Mini-LED-Bildwänden mit jeweils nur 13 Quadratmetern Fläche 7,50 Euro zahlen. Beim Autokino im hessischen Herborn kostet eine Eintrittskarte für die Kinderfilme 6 Euro. Und für ein „Pkw-Ticket‟ beim Autokino in Chemnitz für das Kinderprogramm werden pauschal 15 Euro berechnet, hier dürfen neben den erwachsenen Fahrer*innen bis zu vier Kinder im Auto sitzen.

Im Kinderautokino Abstand halten mit "Shaun das Schaf" (c) Studiocanal

Hupen statt Applaudieren

Im Normalfall lotsen fleißige Ordner die ankommenden Autos passend zu ihrer Größe auf die optimalen Plätze. Kurz nach der Ankunft kommt meist Bewegung in die Fahrzeuge: Sitze werden umgeklappt, Eltern wechseln auf die Rückbank, damit die Kinder vorne besser sehen können. Die Kopfstützen müssen weichen, damit die hinten Sitzenden sich auf der Rückbank nicht die Hälse verdrehen müssen. Manchmal wird auch noch schnell die Frontscheibe gesäubert.

Ein Handicap beim Autokino ist natürlich die Beschränkung auf den kleinen Innenraum des Wagens, denn die Corona-Auflagen besagen, dass die Gäste ihr Auto außer für Toilettenbesuche möglichst nicht verlassen sollen. Die Interaktion mit anderen Gästen ist daher eingeschränkt. Während man im stationären Kinosaal hört, wie Besucher*innen in den Nachbarsitzen lachen oder das Geschehen auf der Leinwand kommentieren, fällt dieses kollektive Erlebnis im Autokino restriktiver aus. Das heißt aber nicht, dass man im Autokino nicht Lob oder Freude zum Ausdruck bringen könnte. Oliver Risch, der Veranstalter des Autokinos im baden-württembergischen Wehr, hat festgestellt, dass sich seine Besucher*innen auf einen Kommunikationsweg verständigt haben: „Offensichtlich hat sich etwas etabliert: Zwei Mal hupen bedeutet 'gut so', einmal hupen 'naja'."

Auch Kinder- und Jugendfilmfestivals nutzen die Abspielmöglichkeit

Eine außergewöhnliche Programmvielfalt gerade das junge Publikum stellte das erste Autokino in Chemnitz auf die Beine, das vom 22. April sechs Wochen lang täglich filmkulturelle Abwechslung bot und insgesamt 87 Filme zeigte, darunter etwa ein Drittel für Kinder und Familien. Initiiert wurde es vom Internationalen Filmfestival Schlingel, das dabei mit der C³ Chemnitzer Veranstaltungszentren GmbH, dem Kino Metropol und dem Clubkino Siegmar kooperierte. Insgesamt kamen etwa 10.000 Besucher. Zum Auftakt erklärte „Schlingel‟-Festivalleiter Michael Harbauer: „Gerade für Familien, die derzeit 24/7 gemeinsame Zeit zu Hause verbringen, bietet das Autokino eine willkommene Abwechslung fernab der eigenen vier Wände. Allein im Auto und doch zusammen mit allen Besucher können Filme geschaut werden, die eine Reise in andere Länder, Umgebungen und Situationen erlauben – ein unvergessliches Erlebnis für die ganze Familie!‟

Das Programmbouquet von Mainstream-Filmen wie der Disney-Produktion „Onward: Keine halben Sachen‟ (Dan Scanlon, 2020) oder „Bibi & Tina – Der Film‟ (Detlev Buck, 2013) über ambitionierte Independent-Produktionen wie den Trickfilm „Fritzi – eine Wendewundergeschichte‟ (Ralf Kukula, Matthias Bruhn, 2019) oder den „besonderen Kinderfilm‟ „Unheimlich perfekte Freunde‟ (Markus H. Rosenmüller, 2018) bis zur deutschen Kinopremiere des „Schlingel‟-Preisträgers „Die Falken‟ (Bragi Þór Hinriksson, 2018), einem Fußballfilm aus Island. Zum letztgenannten Film sagte Harbauer: „Uns ist es wichtig auch unbekanntere Filme in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken, um zu zeigen wie vielschichtig die internationale Kinderfilmszene ist, auch wenn sich dies erst einmal nicht zwingend in den Besucherzahlen widerspiegelt.‟ Zum krönenden Abschluss gab es dann noch am 31. Mai ein Autokino-Kinderfest zum Weltkindertag mit den Filmen „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer‟ und „Annie‟ (Will Gluck, 2014), ergänzt durch ein Vorprogramm zum gleichnamigen Musical.

Das Autokino-Programm habe vor allem in der Zeit ohne Präsenzunterricht an den Schulen größeren Zuspruch erhalten, resümiert Harbauer auf Anfrage: „Das Familienkino bot eine gute Alternative, mit Kindern in einem sonst eher abgeschotteten Leben etwas zu unternehmen. Für viele war es sicher auch die erste Autokino-Veranstaltung überhaupt und damit eine neue und spannende Erfahrung. So konnte man durchaus häufig während der Vorführung Kinder hinter Lenkrädern und Eltern sehr entspannt auf der Rücksitzbank vorfinden. Nach dem Schulstart in Sachsen, wodurch die Eltern wieder die Möglichkeit hatten am regulären Berufsleben teilzunehmen, ging die Besucherzahlen unter der Woche wie erwartet zurück. An den Wochenenden kamen dagegen weiter viele Besucher.‟

Bundes.Festival.Film 2020: Dieses Jahr als Autokino-Festival (und online)

Für Jugendliche: Das erste Bundes.Festival.Film im Autokino

Etwas Besonderes haben sich in diesem Jahr das Deutsche Kinder- und Jugendfilmzentrum (KJF), das Medienprojekt Wuppertal und die Bergische Universität Wuppertal für das Bundes.Festival.Film einfallen lassen. Die 33. Ausgabe des Festivals, im Rahmen dessen Eigenproduktionen von Kindern und Jugendlichen aus den Wettbewerben Deutscher Jugendfilmpreis und Deutscher Generationenfilmpreis präsentiert werden, verknüpft Coronazeiten-bedingt ein reales Filmfestivalscreening in Wuppertal mit einem digitalen Festival im Netz für ganz Deutschland. „Am 13. Juni ab 21 Uhr wird ein Best-of-Filmprogramm im Wuppertaler Autokino am Carnaper Platz gezeigt. Das Programm umfasst einen beeindruckenden inhaltlichen und filmgestalterischen Querschnitt durch den aktuellen Festivaljahrgang und bietet somit eine wichtige Plattform für die aktuelle Jugend- und Filmkultur‟, erklärt das Medienprojekt Wuppertal. Die Eintrittskarten für 200 Autos können kostenlos über die Festival-Website reserviert werden. Damit ist es das erste Filmfestival Deutschlands, das (teilweise) in einem Autokino stattfindet.

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