Hintergrund | | von Rochus Wolff
Innenansichten
Körperinnenbilder im Kinder- und Jugendfilm
Wir machen eine Reise. Aber nicht etwa hinaus in die Welt, sondern hinein in den Körper. In die Blutbahnen, die Organe, die Zellen, zu den Körperflüssigkeiten unterschiedlichster Art. Mal unter dem Deckmantel des Abenteuers, mal unter dem der Aufklärung erzählen mehrere Kinderfilme (und auch ein Jugendfilm) über die Vorgänge im Inneren des Körpers – und verbinden diese immer wieder mit dem Leben außerhalb.
In fast jedem Haushalt mit Kindern liegt so ein Bilderbuch, das den Körper von innen erklärt. Bei uns ist es „Wunderfabrik Körper“ von Dan Green, und der Titel deutet schon darauf hin, dass für diese Erklärungen immer auch bestimmte Muster herhalten müssen: Wo etwas hergestellt wird, ist eine Fabrik zu finden, das Immunsystem geht auf Patrouille durch den Körper, das Gehirn ist wie ein großer Computer. Das sind Bilderwelten und Analogien, die dem Nachwuchs zeigen sollen, wie der eigene Körper funktioniert, indem ein Bezug hergestellt wird zu Beobachtungen, die sich auch in der Außenwelt machen lassen. Und selbstverständlich können diese Bezüge dann gar nicht genau wiedergeben, wie der Körper funktioniert, weil es mühsam ist, das Zusammenwirken einzelner Moleküle anschaulich zu beschreiben. Selbst die Naturwissenschaften verwenden Begriffe wie „Natrium-Kalium-Pumpe“ für ein Protein, das dafür sorgt, dass Natrium- und Kalium-Ionen kontrolliert durch die Zellwand transportiert werden.
Das vielleicht bekannteste Beispiel für den Blick in den Körper im Bewegtbild für Kinder ist wahrscheinlich „Es war einmal ... das Leben“ (Albert Barillé, 1986-1988). Die Serie nahm konsequent die Figurenkonstellationen vom altersweisen Maestro bis zum Bösewicht auf und verwandelte diese in innerkörperliche Akteur*innen: in rote Blutkörperchen, die CO2-Gasbläschen auf dem Rücken tragen (oder spielerisch auf dem Gefäßboden aufditschen lassen), oder in die wichtigen Herren in Weiß, die in der Steuerzentrale Gehirn auf Monitore schauen und Knöpfe drücken. Auch hier bricht sich die Metaphorik Bahn: Das Gehirn ist zwar kein Computer, wie es bis heute gerne benannt wird, aber schon eine zentrale Überwachungsstation, die Zelle ist eine unermüdlich arbeitende Fabrik, und ja doch, die weißen Blutkörperchen sind die Polizei.
Die Darstellungen sind selbstverständlich alles andere als naturalistisch echt; aber dennoch ist „Es war einmal ... das Leben“ wahrscheinlich die Repräsentation des Körperinneren auf Leinwand und Bildschirm, die noch am ehesten die Bezeichnung „dokumentarisch“ oder wenigstens „lehrreich“ für sich beanspruchen dürfte.
Wortwörtlich in den Körper eintauchen
„Der kleine Medicus – Bodynauten auf geheimer Mission im Körper“ (Peter Claridge, 2014) wäre wahrscheinlich auch gerne ein wenig lehrreich. Aber die ganz grundsätzlich furchtbar geratene Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Dietrich Grönemeyer ist vor allem damit beschäftigt, eine hanebüchene Geschichte von Eifersucht und „wissenschaftlichem“ Wettbewerb zu erzählen, bevor es endlich in den Körper hineingeht. Genutzt wird dafür völlig ohne jede Fanfare die Miniaturisierung, die die Hauptpersonen (und im Falle dieses Films auch ein anthropomorphes sprechendes Kaninchen) und eine Art U-Boot so klein macht, dass sie im Wortsinn in den Körper eintauchen können.
Damit nimmt der Animationsfilm ein Motiv auf, das spätestens seit „Die phantastische Reise“ (Richard Fleischer, 1966) in Kino und Blutbahn herumschwimmt, als Stephen Boyd und Raquel Welch mit miniaturisiertem Laser ein Gerinnsel im Gehirn eines Wissenschaftlers auflösen wollten. Mit „Die Reise ins Ich“ hat Joe Dante das Thema und seine Gestaltungsmöglichkeiten 1987 noch einmal gründlich modernisiert, mit dem besonderen Twist, dass der Körpernaut sich an den Hörnerv andockt und so mit dem ihm umgebenden Subjekt in Kontakt treten konnte.
Sex von innen betrachtet
Man wüsste gerne, was die Hauptfiguren von „Spermageddon“ (Tommy Wirkola und Rasmus A. Sivertsen, 2024) ihrem Menschen wohl mitzuteilen hätten. Es wäre vermutlich nicht ganz jugendfrei, handelt es sich dabei doch um Spermien, die sich ihr ganzes kurzes Leben lang an der Bumstiversität auf die Ejakulation (oder eben: Spermageddon) vorbereitet haben. Und der Antagonist ist ein bis an die, ja doch, Zähne hochgerüstetes Alpha-Male-Spermium, das über Samenleichen geht, um zuerst bei der Eizelle zu sein.
Für jüngere Kinder ist das offenbar nicht gedacht, und auch der grundsätzlich dokumentarische Aspekt wird eher runtergeregelt: Nachdem die Spermien nämlich durch Analverkehr im Darm gelandet sind, lassen sie sich von einem dort ansässigen Kolibakterium den Weg hinauf in den Darm weisen und gelangen von dort aus irgendwie über die Nieren und den Harnleiter doch noch zur Eizelle. So funktioniert das freilich nicht, aber wo hat man schon einmal singende E.Coli gesehen?
Der sehr schräge Animationsfilm sieht sich dann wohl auch eher als verspielte Aufklärung sowie als Plädoyer für einen gelassenen Umgang mit Sexualität, Kondomen und Abtreibung, das mit einem, seien wir ehrlich, sensationellen Gesangstück endet.
Das Innen und das Außen
Offenbar ist das Körperinnere als Handlungsort noch nicht auserzählt, und Filmemacher*innen suchen – womöglich ein wenig verzweifelt – auch nach ungewöhnlichen Erzählweisen. Der belgisch-norwegische Animationsfilm „Unstoppable“ (Martin Lund, 2026) etwa erkiest sich gar gleich eine potenziell zu Krebs mutierte Nierenzelle zur Hauptfigur. Von einem Trupp Zellgifte sollen sie und ihre Krebsgenossen an der Besiedelung der Lymphknoten gehindert werden.
Das könnte Actionkino der molekularen Art werden und ist manchmal ganz schön zellenzerfetzend, aber warum noch gleich soll mich ihr Schicksal bewegen? Das wird erst am Schluss passieren, als die kleine Zelle versteht, dass sie Teil eines großen Organismus ist und dieser gerettet werden muss.
Wie „Spermageddon“ und „Unstoppable“ verbinden auch die anderen hier genannten Filme ihre Innengeschichte mit Szenen aus der Menschenwelt. Das Innenleben im Körper gewinnt seine Bedeutung nur daraus, dass es den ganzen Körper gibt, dass dieser ein lebenswertes Leben führt. Und nicht von ungefähr geht es in den Geschichten dann auch oft gleich um Leben und Tod, um Zeugung oder Krebsausbruch.
Auch Fantasie ist erlaubt
Dabei muss es nicht unbedingt immer gleich so dramatisch sein: In „Die phantastische Reise des kleinen Simon“ (Vibeke Idsøe, 1996; ursprünglich als „Auf der Jagd nach dem Nierenstein“ bekannt) halten Nierensteine den Großvater von Simon wach. Sein sprechender Teddy hilft ihm, im magischen Chemiebaukasten ein Getränk zu brauen, das ihn schrumpfen lässt, so dass er über Zunge und Hals in den Körper hinein und die Nierensteine auflösen kann.
Der Clou dabei ist, wie traum- und märchenhaft und verspielt die Welt ist, in die Simon da vordringt: An den Stimmbändern sitzt ein Organist, für die Sicherheit sorgen Sekret-Service-Agenten, alle Welt ignoriert den weisen A. Pendix, und im Herzen wohnt die viel zu früh gestorbene Großmutter. Weil er ihren Verlust nicht verarbeiten kann, ist beim Großvater alles blockiert: der Organist kann nicht spielen, die Tränenflüssigkeit fließt nicht, und so können die Nierensteine erst entstehen.
Das klingt verdächtig nah an der Säftelehre, ist aber eher ein auf Märchenworte und Kinderaugen zurechtgerücktes Bild von Psychosomatik. Am Ende schlüpft Simon nach einem unfreiwilligen Urinbad wieder heraus und dem Opa kommen die Tränen. Wäre doch nur jede Heilung so einfach.
Mit etwas Fantasie könnte man Loriots Steinlaus als Seitenarm dieser Geschichten und zugleich als das Wappentier ihrer besseren Exemplare verstehen. Ein freundlicher Blick auch auf die kleinste Welt, ein Bernhard Grzimek’scher Blick („Ein Platz für Tiere“) in den Mikrokosmos und bei allem dokumentarischen Interesse eben auch der Wille, etwas vom Makrokosmos im Kleinen zu sehen – und beides nicht so ernst zu nehmen.
