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| von Holger Twele

Gemeinsam sind wir stark!

Krimis mit jungen Detektivinnen und Detektiven sind ein Dauerbrenner im Kinderkino

Schon in den frühen 1930er-Jahren haben sie ihren Siegeszug begonnen: Detektivgeschichten für Kinder im Kino. Seitdem ermitteln immer wieder junge Detektivinnen und Detektive und legen (erwachsenen) Schurken das Handwerk. Drei aktuelle Produktionen laden dazu ein, dieses Subgenre genauer in den Blick zu nehmen, das gerade zwischen der Orientierung an Klassikern, actionreicher Übertreibung und lebensnaher Glaubwürdigkeit angesiedelt ist.

"Die drei !!!" (c) Constantin

Im Sommer und Herbst 2019 starten gleich drei Detektivfilme, die um die Gunst des jungen Publikums wetteifern. Den Anfang machte unter der Regie von Robert Thalheim das Prequel um die vier cleveren Jungdetektiv*innen Tim, Klößchen, Karl und Gaby, kurz „TKKG“ genannt. In diesem Film lernt sich das Quartett gerade erst kennen, das seine Fälle bereits seit 1991 auch auf der Leinwand löst. Es folgen „Die drei !!!“ von Viviane Andereggen mit einem eingeschworenen Mädchentrio als erfolgreiche Jungdetektivinnen. Diese haben seit 2006 in vielen Büchern schon über 80 Fälle gelöst und erleben nun ihr erstes Leinwandabenteuer. Im September startet der bereits 2017 entstandene kroatische Detektivfilm „Das Geheimnis des grünen Hügels“ von Čejen Černić, nach einem Ende der 1950er-Jahre entstandenen Kinderbuch des populären, 2012 verstorbenen kroatischen Autors Ivan Kušan über den Jungdetektiv Koko und dessen Freunde.

Selbstbewusste junge Ermittler*innen, (fast) ohne Hilfe von Erwachsenen

Gemeinsam ist all diesen Detektivgeschichten – und keineswegs nur den genannten – dass sie nach literarischen Vorlagen entstanden, selbst wenn die jeweiligen Kinoabenteuer zum Teil gar nicht in Buchform oder als Hörspiele vorlagen. Der aufgrund der Buchserien hohe Bekanntheitsgrad der in ihren jeweiligen Eigenschaften und besonderen Fähigkeiten bis hin zum Stereotyp exakt charakterisierten Figuren macht einen großen Teil des kommerziellen Erfolgs dieser Detektivgeschichten für ein junges Publikum aus. Er erklärt aber längst nicht alles. Gerade Kindern und Jugendlichen bietet dieses Subgenre des Kriminalfilms ein hohes Identifikationspotenzial, wobei nicht die Tat oder die Täter und auch nicht die Polizei im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Es sind vielmehr die selbsternannten Jungdetektiv*innen, die gemeinsam mit Gleichaltrigen einen hochkomplizierten Fall lösen – und das weitgehend ohne Hilfe der Erwachsenen. Diese sind mitunter sogar hinderlich bei der Aufklärung, geraten zur Karikatur ihrer selbst oder sind die eigentlichen Urheber und Drahtzieher der Kriminalfälle.

Sogar wenn bei den immer actionreichen und spannenden Geschichten Kinder die Leidtragenden eines Kriminalfalls sind, befreien diese sich im Verlauf der Handlung aus ihrer Opferrolle. Der blinde Glaube an die Macht der sozialen Institutionen, die am Ende für Recht und Gerechtigkeit sorgen, ist entweder von Anfang an bereits erschüttert oder aus eigenem Selbstwertgefühl heraus gar nicht erst vorhanden. Ausgesprochen mutig und bemerkenswert selbstbewusst lösen die Kinder und Jugendlichen die Fälle und ihre eigenen Probleme gleich mit. Sie sind ausgesprochen teamfähig, gemeinsam ein nahezu unschlagbares Team, wozu auch gehört, dass sich die Freund*innen, die später gemeinsam durch Dick und Dünn gehen, manchmal erst noch finden und zusammenraufen müssen.

Stereotype Figuren werden zu Teams

"TKKG" (c) Warner

Dass sie ausnahmslos zu filmischen Vorbildern für die jüngere Generation werden, trägt ebenfalls zu ihrer Popularität bei. Jede Figur verfügt über eine besondere Begabung, die sie von den anderen unterscheidet. Die einen sind besonders sportlich oder sogar „kampferprobt“, andere sehr klug oder zumindest belesen. Sie verfügen über eine scharfe Kombinationsgabe und sind genaue Beobachter, wobei wenige Ausnahmen die dramaturgische Regel bestätigen. Insbesondere in den neueren Detektivgeschichten ist immer auch ein IT-Experte oder Computerfreak mit von der Partie, der natürlich jedem ausgebildeten Profi haushoch überlegen ist.

Auch weil das Setting und die Ausrüstung zur Spurensicherung und „Überwachung“ naturgemäß äußerst kostspielig sind, verlagert sich die soziale Herkunft der Hauptfiguren immer stärker auf das gehobene Bürgertum und sogar die Oberschicht. Das gilt sogar für den neuen „TKKG“-Film, der es mit seinen Übertreibungen bei der Story allzu gut meint, selbst wenn der aus einfachen Verhältnissen stammende Tim ein Stipendium für ein Eliteinternat erhält, dort sein Zimmer mit dem aus reichem Elternhaus stammenden Klößchen teilt und auf diese Weise unmittelbaren Zugang in den Kreis der Wohlhabenden erhält.

Detektivinnen: Von der Nebenrolle zur Hauptfigur

Eine besondere Beachtung verdient der Umgang mit Rollenbildern beziehungsweise die Verteilung der Geschlechter bei den jungen Detektiv*innen. Selbst wenn in den Detektivgeschichten früherer Jahrzehnte die Jungen eindeutig noch das Sagen haben und ausnahmslos die Anführer stellen, wurden Mädchen nie ganz ausgeschlossen, schon gar nicht in der zwischen 1953 und 1996 entstandenen 22-bändigen Buchserie „Fünf Freunde“ der englischen Kinderbuchautorin Enid Blyton.

Die erst vor wenigen Jahren entstandenen Kinoverfilmungen zur Serie wie etwa „Fünf Freunde“ von Mike Marzuk aus dem Jahr 2012, transferieren im Unterschied zu „Das Geheimnis des grünen Hügels“ die Geschichten in die Gegenwart, was ihnen zweifelsohne gut bekommt. Dennoch mussten Mädchen zum Teil lange erst beweisen, dass sie mit den Jungen Schritt halten können und dann „gleichberechtigt“ an der Aufklärung der Fälle mitwirken dürfen. Das gilt auch für die 1968 begonnene US-Buchreihe „Die drei ???“ mit dem Detektiv-Trio Peter, Bob und Justus. Sie wurde 1993 in Deutschland mit eigenen Geschichten fortgesetzt und 39 Jahre nach Erscheinen des ersten Romans mit „Das Geheimnis der Geisterinsel“ (2007) erstmals verfilmt – leider ziemlich altmodisch.

Ein Umdenken im Genderbereich fand womöglich erst durch die TV-Serie zu den „Pfefferkörnern“ statt, die mit „Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen Königs“ unter der Regie von Christian Theede 2017 ein erfolgreiches Kinodebüt hatte. Hier sind Jungen und Mädchen vollkommen gleichberechtigt vertreten, mit Stärken und Schwächen ausgezeichnet. Vor der Folie einer alten Legende aus Südtirol lösen sie einen Fall von Wirtschaftskriminalität, der die Kinder nach Hamburg zurückführt, dem Hauptquartier der Pfefferkörner. Mit „Die drei !!!“ als Gegenentwurf zu den „Drei ???“ kommt nun erstmals ein reines Mädchenteam zum Zug. So spiegeln und reflektieren alle diese Detektivfilme, so abgehoben von der Realität oder lebensnah sie auch sein mögen, immer zugleich die Gesellschaft und ihren Wandel.

"Die drei !!!" (c) Constantin

Historisch aufgeladen: Mythen und Legenden sorgen für Spannung

Grusel-, Fantasy- und Mystery-Elemente und sogar der blanke Horror, etwa in den Geschichten um Tempel- und Schatzritter oder reichlich abstrus in „Die drei ??? – Das verfluchte Schloss“ aus dem Jahr 2009 von Florian Baxmeyer, gehören ebenfalls zum festen Repertoire vieler Detektivgeschichten. Häufig werden Anleihen bei Mythen und Legenden oder historischen Ereignissen vorzugsweise aus dem Mittelalter genommen. Mitunter sind es aber auch Bezüge zur jüngeren Vergangenheit. Und manchmal erfahren auch alte Serien ein unverhofftes Revival, wie etwa eine Serie aus den 1970er-Jahren über das „Das Haus der Krokodile“, die 2012 von Cyrill Boss und Philipp Stennert im Kino zu neuem Leben erweckt wurde. In diesem findet der elfjährige Viktor das Tagebuch eines Mädchens, das vor vielen Jahren unter mysteriösen Umständen in der alten Villa seines Onkels ums Leben kam.

Wenn solche Mystery-Elemente in Detektivfilmen für Kinder auftauchen, verweisen sie damit auch auf die Ursprünge der literarischen Gattung. Diese liegen bei Edgar Alan Poes Kurzgeschichten und den Sherlock-Holmes-Geschichten von Arthur Conan Doyle, erfahren später eine religiöse Konnotation durch die „Pater Brown“-Geschichten von G.K. Chesterton sowie eine allzu menschliche Ergänzung durch Agatha Christie und ihre Hauptfiguren Miss Marple und Hercule Poirot. Das sorgt auch in Detektivgeschichten für Kinder für Spannung und Augenkitzel.

Klassiker des Kinderdetektivfilms, die noch immer Bestand haben

"Emil und die Detektive" (c) Universum

Filmhistorisch gesehen gehören die Mystery-Elemente allerdings nicht zum Grundrepertoire. Darauf deuten die beiden literarischen und filmischen Vorbilder hin, ohne die wohl keine der heutigen Detektivgeschichten denkbar wäre: „Emil und die Detektive“, ein deutscher Spielfilm von Gerhard Lamprecht aus dem Jahr 1931, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner; das Drehbuch wiederum schrieb der später in Hollywood zu Ruhm und Ansehen gelangte Billy Wilder. Der kurz nach Einführung des Tonfilms entstandene Film ist nicht nur der erste Kinderfilm, der in Deutschland mit wirklichen Kinderdarsteller*innen und an Originalschauplätzen in Berlin gedreht wurde, er gilt bis heute auch als beste Kästner-Verfilmung überhaupt. Selbst wenn man jetzigen jungen Zuschauer*innen erst erklären muss, warum der kleine Freitag Tag und Nacht vor einem seltsamen schwarzen Gerät sitzt, um die Kommunikation zwischen Emil, Gustav mit der Hupe, Pony Hütchen und den anderen Kinderdetektiv*innen zu gewährleisten, statt einfach mal schnell zum Smartphone zu greifen, vermittelt der Film ein Gefühl von Solidarität und Freundschaft unter den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Kindern, das immer noch beispielgebend ist.

Eine andere literarische Größe, die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, erschuf zwischen 1946 und 1953 die Figur des lange Zeit nicht wirklich ernst genommenen und anfangs erst 13-jährigen Meisterdetektivs Kalle Blomquist und seiner besten Freund*innen Anders und Eva-Lotta. Ihre drei Fälle wurden zwischen 1947 und 1957 von Olle Hellbom verfilmt. Der hilfsbereite Polizist und Freund der Kinder sowie das Motiv der vergifteten Schokolade tauchen – Zufall oder nicht – sogar in „Die drei !!!“ wieder auf. Alle drei Filme zeichnen sich dadurch aus, dass die Figuren auch ohne technischen oder „modischen“ Schnickschnack liebenswert und glaubwürdig sind, wobei der gesellschaftliche Hintergrund natürlich nicht vergleichbar ist.

Aktuelle Produktionen zwischen der Orientierung an Klassikern, Übertreibung und Glaubwürdigkeit

So bleibt als vorläufiges Fazit: „Das Geheimnis des grünen Hügels“ blendet zurück in eine längst vergangene Zeit und wirkt leider etwas altmodisch, kommt in formaler Hinsicht den berühmten Filmklassikern aber am nächsten. „TKKG“ bringt Freund*innen aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammen, wobei die Zielrichtung eindeutig auf die Oberschicht verweist und die Handlung allzu offensichtlich, übertrieben und völlig unrealistisch ist – man denke nur an das Kleinflugzeug, das in unmittelbarer Nähe des Internats zum Absturz gebracht wird, ohne dass die Insassen zu Schaden kommen. „Die drei !!!“ spielt ausschließlich in gutbürgerlichen Kreisen, ist im Vergleich zu den anderen beiden Filmen vor dem Hintergrund eines sozialen Engagements und einer persönlichen echten Tragödie unter den aktuellen Filmen dennoch am glaubwürdigsten. Unmittelbar an die heutige Lebenswirklichkeit junger Menschen angelehnt, zeichnet der Film vielleicht sogar eine Richtung vor, in der sich der deutsche Detektivfilm für Kinder unter Rückbesinnung auf alte Vorbilder in den nächsten Jahren entwickeln könnte.

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