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Hintergrund | | von Rochus Wolff

Das Runde im Eckigen

Fußball im Kinder- und Jugendfilm

König Fußball hat auch im Kinder- und Jugendfilm seinen festen Platz. Auf dem Rasen oder dem Weg dorthin treffen sich Aufstiegsträume, Sozialdramen, Märchen, Romanzen, Geschichten über das Gewinnen, das Verlieren, und das Gewinnen beim Verlieren.

Filmstill aus Zu weit weg
"Zu weit weg" (c) Weydemann Bros. GmbH, Monika Plura

Im Fußballfilm geht es so sehr und so wenig um Fußball, wie es in „Der weiße Hai“ (Steven Spielberg, 1975) um einen Hai geht. Vordergründig womöglich ja, aber manchmal auch das nur begrenzt, und dahinter spielt sich das Leben ab. Ein großer Fußballfan würde natürlich die Unterstellung weit von sich weisen, dieser Sport sei ja „nur“ ein Spiel, und der Fußballfilm ist dann das, wenigstens ein Medium, in dem diese Verneinung erläutert, erzählt, sichtbar gemacht wird. Die Leinwand ist flach, und der Film dauert 90 Minuten, oder vielleicht auch 120. Ganz wie im echten Fußball.

Aufstiegsträume

Die Sportart an sich, ubiquitär und vielfach bestimmend zumindest in Europa, Afrika und Lateinamerika, bringt für talentierte Spieler*innen auch eine Hoffnung mit – eben weil Fußball nicht nur ein Spiel ist, auch ein Geschäft, Medienereignis, eine Struktur und Hierarchie der Ligen und Vereine. Hier kannst du was werden, hier kannst du wer sein. Eine Hope Solo, ein Christian Cueva, ein David Beckham. Nicht von ungefähr ist das ein Thema, das vor allem im Kinder- und Jugendfilm aufgenommen wird. Die Spannbreite der Aufstiegsträume ist dann aber sehr weit: Heraus aus einfachsten Verhältnissen in einem afrikanischen Dorf in den französischen Sport wie in „Bando und der goldene Fußball“ (Cheik Doukouré, 1994) oder aus gutem britischem Mittelstand in die USA wie in „Kick It Like Beckham“ (Gurinder Chadha, 2002).

Für den jungen Bando ist der lederne Fußball, den er von „Madame Aspirin“, einer Ärztin der Médecines Sans Frontières, geschenkt bekommt, sein teuerster Besitz. Er malt ihn mit goldener Farbe an und der drohende Verlust des Balls bringt ihn dazu, seine Eltern zu verlassen und lieber auf eigene Faust zur Verwandtschaft in die größere Stadt zu reisen. Eher durch Zufall fällt er dort einem Geschäftsmann auf, der sein Geld unter anderem mit der Vermittlung talentierter Sportler*innen verdient – und ganz am Ende sieht man das Kind am Flughafen in Paris in ein Taxi steigen. Am Rückspiegel baumelt ein kleiner Fußball.

„Bando und der goldene Fußball“ ist dabei wie ein Roadmovie durch die soziale Realität in Guinea – das alles ist aber noch vergleichsweise zurückhaltend, wenn man es mit der doch sehr plakativen Weise vergleicht, mit der „Themba – Das Spiel seines Lebens“ (Stefanie Sycholt, 2010) das Leben armer Menschen in Südafrika präsentiert. Dem jungen Titelhelden begegnet alles, und alles wird sehr explizit thematisiert: In der Nachbarschaft auf dem Land leben AIDS-Waisen, die nicht möchten, dass alle von der Krankheit ihrer verstorbenen Mutter erfahren, Armut und Alkoholismus überall. Thembas Mutter allerdings versucht ihr Glück in der großen Stadt, lässt die Kinder zurück. Dass Themba gerne Fußball spielt und mit seiner Mannschaft „Lion Strikers“ auch einigen Erfolg hat, der ihn am Ende in die Jugend-Nationalmannschaft führt, spielt über weite Teile des Films gar keine große Rolle, auch wenn sogar Jens Lehmann in einer kleinen Rolle mitspielt. Ein paar Trainingssequenzen am Strand mit anschwellend positiver Musik wirken da doch eher wie eine pflichtschuldige Referenz aufs Sportgenre, „Die Stunde des Siegers“ (Hugh Hudson, 1981) lässt vage grüßen. Aber Sycholt geht es, das zeigt das mit reichlich Pathos aufgeladene Ende, dann doch wirklich mehr um die gesellschaftlichen und politischen Themenstränge ihres Films.

Zwischen Sozialrealismus und magischem Realismus

Dass man das auch mit viel Fußballbegeisterung verbinden kann, zeigt in guter britischer Tradition ein Film wie „Es gibt nur einen Jimmy Grimble“ (John Hay, 2000): Im Herzen der nordenglischen Arbeiterwelt, wo sich die Gesellschaft in Fans von Manchester United und von Manchester City aufteilt, will der junge Titelheld unbedingt Fußball spielen, aber das ist nicht so einfach, wenn die Bullies an der Schule auch in der Mannschaft sind. Seine Mutter ist alleinerziehend, der Trainer ein Ex-Profi, der mit seinem Schicksal hadert. Es geht um Alkoholismus, Armut und (Klein-)Kriminalität, aber Hay übertreibt es mit dem Sozialrealismus auch nicht. Am Schluss wird zumindest für die Zuschauer*innen klar: Was Jimmy am Ende zum Erfolg (natürlich bei City!) bringt, sind nicht magische Fußballschuhe, sondern die so aufrechten wie gebeutelten, aber liebevollen Menschen um ihn herum.

Dass sich der Fußball-Kinderfilm gerne mit dem Aufstieg besonderer Ausnahmetalente beschäftigt, ist natürlich keine Überraschung; das war im Grunde schon beim Urvater „Fimpen, der Knirps“ (Bo Widerberg, 1974) der Fall, in dem der sechsjährige Fimpen am Ende die schwedische Nationalmannschaft mit seinem entscheidenden Tor in die WM schießt. Eine ganz und gar fantastische Geschichte, in ganz und gar realistischem Gestus gedreht: Der viele Fußball sorgt natürlich dafür, dass der Grundschüler im Unterricht nicht mehr so sehr bei der Sache ist.

Frauenfußball? Am liebsten mit Romanze

Reichlich männliche Ausnahmetalente also. Aber wie sieht es eigentlich mit den jungen Frauen aus? In „She’s the Man – Voll mein Typ!“ (Andy Fickman, 2006) muss sich Viola sogar noch als Junge verkleiden, um vernünftig Fußball spielen zu können. Das wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, hatte das Kino doch mit „Kick it like Beckham“ schon einige Jahre vorher zumindest den Mädchenfußball auf die Leinwand gehoben, der gerade in den USA auch damals schon eine gewisse Rolle spielte. Aber was macht man nicht alles, wenn es darum geht, Shakespeares „Was ihr wollt“ an eine High School zu versetzen? Der Erfolg von „10 Dinge, die ich an Dir hasse“ (Gil Junger, 1999), dessen Protagonistin Kat übrigens im Sportunterricht auch recht präzise kickt, war noch nicht allzu lange her und wohl verführerisch. Auch bei „She’s the Man“ rückt der Sport allerdings gegenüber der Geschlechtertausch-Geschichte und natürlich der romantischen Komödie in den Hintergrund (mit Channing Tatum als Amanda Bynes’ „love interest“, wer wollte es den beiden verübeln), der einstige britische Fußballprofi Vinnie Jones gibt dem Ganzen im Hintergrund etwas fußballerische working class credibility.

Auch in „Kick it like Beckham“ spielt die Liebe in der Handlung eine größere Rolle – Trainer Joe ist Anziehungspunkt sowohl für Jess wie Jules – und ist Teil davon, wie aus den Freundinnen zunächst Rivalinnen werden, sowohl um Joes Herz als auch um den Aufstieg im Frauenfußball. Das funktioniert, weil es (so sehr der Film auch soziale Konflikte, die Situation von Migrant*innen in der zweiten Generation und etwa das Thema Rassismus nur sehr vereinfacht behandelt) in die Entwicklung der jugendlichen Figuren, in ihr Erwachsenwerden stringent eingebettet ist.

Echte Sportfilme

Die Befürchtung aber, das Kinder- und Jugendkino könne Frauenfußball nur im Modus der romantischen Komödie denken, hat sich zumindest langfristig nicht bestätigt. Dafür sorgen jüngere Filme wie zum Beispiel der schwedische „Forever“ (Anders Hazelius, 2023). „Forever“ ist zuallererst Sportfilm, das wird nicht zuletzt auch dadurch unterstützt, dass die Hauptdarstellerinnen beim Sportverein BK Häcken gecastet wurden – es wird richtig gekickt, und sowohl Dramaturgie als auch Inszenierung folgen dem Muster klassischer Sportfilme: Trainingsmontage, dramatische Szenen im großen Stadion. Hazelius fokussiert sich sehr auf seine beiden Protagonistinnen, die Freundinnen Mila und Kia, die sich unter der Leitung und dem Druck der anspruchsvollen neuen Trainerin Lollo in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Das führt nicht nur zu Konflikten zwischen den beiden Mädchen, auch die Rolle der Trainerin und ihr Verhalten werden in Frage gestellt.

Je mehr es um den Sport selbst geht, dieser Eindruck stellt sich ein, desto mehr entfernt sich der Fußballfilm vom Wunderkind-Topos und steigt mehr auf die Mühen der sportlichen Ebene herab: Training, Disziplin, Ausdauer. Desto mehr geht es dann aber auch um die einzelne Spielerin, weil all das ihr Leben bestimmt und verändert. Denn „Forever“ ist zugleich auch eine Integrationsgeschichte, in der Mila als Tochter einer alleinerziehenden Migrantin aus dem Kosovo zwischen Schule, Sport und Freundschaften ihren Weg finden muss.

Filmstill aus Sieger sein
"Sieger sein" (c) Stephan Burchardt, DCM

Von der Konkurrenz auf dem Rasen zum gesellschaftlichen Elfmeterraum

Dass Fußball die Menschen zusammenbringt, ist als Motiv weder überraschend noch ungewöhnlich – das Stadion, die Mannschaft, selbst die Fankurve gilt ja auch gerne mal als Schmelztiegel der Schichten, Religionen und Nationen. Leidenschaftliche Ablehnung findet sich dann eher einmal zwischen den verschiedenen Mannschaften, mit besonderer Herzlichkeit ausgefochten, wenn es um Rival*innen aus einer Stadt oder Region kommt. Das ist, siehe „Es gibt nur einen Jimmy Grimble“, bei Man U und Man City der Fall, aber die Rivalität gibt es offenbar auch zwischen den verschiedenen Berliner Stadtteilen.

Das bekommt man bei den Grundschul-Meisterschaften in „Sieger sein“ (Soleen Yusef, 2024) zu spüren, wo die Wedding 7 mit eigentlich nur wenigen Chancen zum Beispiel gegen Charlottenburg antreten muss. Hier fast nur Mädchen mit Migrationshintergrund, die nie damit rechnen, in dieser Gesellschaft eine Chance zu haben, dort die weißen Wohlstandsmädels. Schaut sie euch an, die sind das Gewinnen gewohnt, sagt der betreuende Lehrer. Aber heute zeigt ihr ihnen mal, was es bedeutet, zu verlieren.

Der sportliche Erfolg entwickelt sich in diesem Film aus Freundschaft und Gemeinschaft und ein wenig aus dem Trotz der Außenseiter*innen, die sich zusammentun. Das ist, darüber wird in „Sieger sein“ nicht so explizit gesprochen, nur der erste Schritt, denn die Charlottenburgs und Zehlendorfs da draußen sind das Gewinnen immer noch gewohnt und lassen die Weddinger Kids mit der frechen Schnauze dennoch nicht unbedingt in ihren gesellschaftlichen Elfmeterraum.

In „Zu weit weg“ (Sarah Winkenstette, 2019) funktioniert das mit der Annäherung schon besser, der Sport ist hier auch eher nur ein Randphänomen, ein Startpunkt für alles, und die Bewegung zwischen Ben und Tariq ist, anders als bei „Kick It Like Beckham“, von Rivalen auf dem Fußballfeld zu Freunden, die über das gemeinsame Gefühl von verlorener und neu geteilter Heimat zueinander finden. Das war seinerzeit thematisch – Tariq ist unbegleiteter Flüchtling aus Syrien und sucht seinen großen Bruder –, sehr aktuell und vielleicht ein wenig plakativ beleuchtet. Aber der Film ist vor allem wegen der absolut überzeugenden Dynamik zwischen den beiden Jungs und der großartigen beiden Darsteller ein großes Vergnügen.

Lieber glücklich als Sieger*in

Ziemlich genau in der Mitte all dieser filmischen Herangehensweisen an den Fußball im Kinderfilm hockt das isländische Drama „Die Falken – Alle für einen“ (Bragi Thor Hinriksson, 2018): Am Anfang geht es ganz und gar um das große isländische Turnier der Jugendmannschaften, samt Einblendung der Spielstände im Filmbild – ganz wie bei den Fernsehübertragungen großer Turniere. Es wird verloren, es wird gewonnen, Jón möchte mit seiner Mannschaft „Die Falken“ natürlich gerne gewinnen, aber sich so herablassend zu verhalten wie die Gastgebermannschaft, allen voran ihr bester Spieler Ívar – das findet er dann doch nicht in Ordnung. Als er aber mit Rósa, der Spielerin einer dritten Mannschaft, gemeinsam herausfindet, warum Ívar sich so feindlich verhält, beschließen die beiden, ihm zu helfen – auch wenn die Erwachsenen ihnen dabei alle möglichen Schwierigkeiten bereiten.

„Die Falken“ funktioniert auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Als Geschichte von Freundschaft, als Familiendrama sowie Gesellschaftsporträt (spezifisch einer kleinen isländischen Stadt: jede*r kennt jede*n oder ist sogar verwandt, man duzt natürlich auch die Fußball-Nationalspielerin) und dann auch noch ganz nebenbei als Blick auf isländische Naturschönheiten, ausbrechender Vulkan inklusive: Das letzte Spiel wird teilweise im Nebel von Vulkanasche geführt. Gesund ist das vermutlich nicht. Während das Turnier im Hintergrund weiterläuft, geht es aber gar nicht mehr primär ums Gewinnen, sondern darum, dass bei der Feier wirklich alle dabei sind.

Auch das lässt sich aus dem Blick über die Fußballfilme vielleicht sagen: Je weniger das Gewinnen im Zentrum steht, umso mehr geht es ums Glück. Am besten sieht man das vielleicht in „Next Goal Wins“ (Mike Brett, Steve Jamison, 2014), dem Dokumentarfilm über die Nationalmannschaft von American Samoa, oder dem daraus entstandenen gleichnamigen Spielfilm (Taika Waititi, 2023). Und auch wenn man eigentlich immer verliert: Für den Sieg im Spiel lohnt es sich jedenfalls nicht, das eigene Glück im Leben aufzugeben. Im Gegenteil: Womöglich ist dieses Glück die Voraussetzung dafür, gemeinsam spielen zu können.

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